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Blogeinträge (themensortiert)
Thema: Lesezimmer
Calvi Fenchel
Sanitär-Fenchel
war in der Umgebung bekannt wie ein bunter Hund und es ging ihm finanziell ausgezeichnet.
Dreimal im Jahr fuhr er mit seiner Familie in die Normandie. Er war dort ein
gern gesehener Gast, denn er hatte stets die Spendierhosen an. Die
Calvados-Brennerei interessierte ihn sehr, da in seinem Schrebergarten die
unterschiedlichsten Apfelbäume wuchsen. Rein hobbymäßig brannte er von nun an sein
Apfelwässerchen selbst, bis sein Leben aus allen Fugen geriet. Er sprach immer
mehr dem Alkohol zu, vernachlässigte seine Firma und hinterließ viele
verärgerte Kunden. Seine Frau Trude schämte sich zutiefst für ihren Mann. Sein
Sohn Matthias sah das bittere Ende nahen und wollte mit dem Schuldenberg seines
Vaters nichts zu tun haben. Vorsichtshalber räumte er die Sparkonten leer und
deponierte alles in Luxemburg.
Anfangs
glaubte Trude noch an ihren Mann, immer in der Hoffnung, dass er sich eines
Tages zu einer Entziehungskur aufrappeln würde. Doch Calvi, wie sie ihn alle nannten,
drehte gänzlich durch und wurde zusehends bösartiger. In der letzten Zeit
rutschte ihm bei Trude häufiger die Hand aus. Die herbeigerufene Polizei konnte
nichts ausrichten, da sie Angst hatte ihren Mann anzuzeigen. Über den
Gartenzaun pöbelte er grundlos seine Nachbarn an. Jeder mied ihn und niemand
wollte etwas mit ihm zu tun haben.
Sein rechter
Gartennachbar, Karli, brachte seit gut einem Vierteljahr nicht mehr seine Enkel
mit, da Calvi ungeniert seinen Schniedel aus der Hose holte und überall hin urinierte.
Am liebsten hätte er Fenchel mit dem Spaten eins übergebraten, doch er wagte zu
bezweifeln, dass der versoffene Kerl es überhaupt, nach dem Genuss des
Apfelstöffchens, noch gemerkt hätte.
Michael
regte sich ebenfalls über seinen unliebsamen Nachbarn auf, da die
Brombeersträucher wild durch seinen Zaun wucherten und ihn bereits beschädigt
hatten. Calvi war nicht in der Lage sie zu roden. „Ja, ja! Ist schon gut, wenn´s
dich stört, dann mach´s alleine weg, du alter Meckerbolzen. Komm, lass´ uns ein
gutes Tröpfchen trinken, dann bekommst du bessere Laune und siehst die Dinge
nicht so verbissen“, hatte er geantwortet und torkelte davon, um die Flasche
und zwei Gläser zu holen.
„Bringe mir
lieber das Wassergeld für die letzten zwei Jahre mit, das du mir noch
schuldest. Dein Gebräu kannst du dir an den Hut stecken“, brüllte Michael ihm
erregt hinterher und ging kopfschüttelnd in den Schuppen. `Dieser Mistbock
macht uns alles kaputt, kotzt überall hin und verleidet einem richtig die Lust
am Garten´, dachte er wütend. Dann fiel ihm wieder seine Frau Monika ein, die
einst eine leidenschaftliche Gärtnerin war. Jetzt weigerte sie sich standhaft
alleine in den Garten zu gehen. „Ich hasse ihn!“, flüsterte er und sein Blick
fiel auf das Rattengift, das oben auf dem Regal stand.
Nach
Einbruch der Dunkelheit machten sich Michael und Karli auf den Heimweg. Sie unterhielten sich noch eine Weile über ihren
lästigen Nachbarn. Beide waren sich einig, dass es mit Calvi kein Dauerzustand bleiben
konnte, denn er zerstörte die Gartenidylle. Hier musste etwas geschehen und das
ziemlich schnell, selbst wenn man notfalls etwas nachhelfen müsste. Darüber
waren sich beide einig.
„Meinst du,
ich will mir die Hände an diesem Subjekt schmutzig machen und womöglich noch im
Knast landen?“, meinte Michael und seine weiteren Gedanken behielt er besser
für sich. Karli nickte schweigsam und am Auto verabredeten sie sich für den
nächsten Tag zum Grillen, mit ihren besseren Hälften.
Als Michael mit
seiner Frau am Sonntagmorgen auf dem Parkplatz der Laubenkolonie eintraf, wurden
sie bereits von einem großen Polizeiaufgebot erwartet. Sie ahnten schon, dass
etwas Schlimmes passiert sein musste.
Kommissar
Feldbusch stellte sich kurz vor und befragte die Anwesenden zum Ableben des
Herrn Fenchel. Niemand wusste etwas Genaues, doch man vermutete, dass der
Nachbar an einer Alkoholvergiftung gestorben sein könnte.
„Das ist ja
furchtbar“, sagte Moni nervös zu ihrem Mann und ihre Ohren liefen vor Aufregung
dunkelrot an. „Nicht zu fassen, was hier draußen alles passiert.“
„Wo haben
Sie sich gestern Abend eigentlich so gegen einundzwanzig Uhr aufgehalten?“, befragte
Herr Feldbusch die Herrschaften routinemäßig.
„Na, zuhause
natürlich! Wir haben uns einen Film im Fernsehen angesehen.“ Moni guckte ihren
Mann von der Seite an, sagte aber nichts weiter dazu. Erst als der Kommissar
außer Reichweite war, flüsterte sie ihrem Ehegespunst zu: „Du hast doch
hoffentlich nichts damit zu tun, denn du warst noch ein Bierchen trinken. Schon
vergessen, Schatz?“
„Was denkst
du von mir?“, gestikulierte Michael aufgebracht und zog sie hinter sich her. „Du
bringst uns in Teufelsküche, also behalte deine Weisheiten bitte für dich! Du
willst doch nicht, dass wir Ärger bekommen, oder?“
Vor ihrem Gartentor
wurden sie von Karli und Silvia in Empfang genommen. „Haben die euch auch so mit
Fragen gelöchert? Man könnte meinen, dass sie uns im Verdacht haben. Sicherlich
ist der versoffene Hund hingefallen und hat sich die Rübe aufgeschlagen“, mutmaßte
Silvi und war innerlich froh, dass der Spuk mit dem Alten ein Ende hatte.
Am späten
Nachmittag tauchte Herr Feldbusch nochmals im Garten auf und erkundigte sich etwas
eingehender nach ihren Alibis. Nun gab auch Michael zu, für kurze Zeit das Haus
verlassen zu haben. Allerdings verschwieg Silvi, dass ihr Mann ebenfalls um
diese Uhrzeit weggefahren war, um Zigaretten zu holen.
Das Handy
des Kommissars klingelte. Er meldete sich mit „Feldbusch“ und hörte gespannt,
was das andere Ende zu sagen hatte. „Ich verstehe, und Sie sind sich ganz
sicher?“, hakte er noch einmal nach. Er kratzte sich nachdenklich am Kopf und
sagte laut: „Irgendwie passt das alles nicht zusammen. Wie konnte der Fenchel
mit einem harten Gegenstand hinterrücks erschlagen werden und zusätzlich an
seinem Erbrochenen ersticken? Das ist ein bisschen viel auf einmal! Finden Sie
nicht auch?“ Dabei beobachtete er die Anwesenden argwöhnisch.
Karli und
Michael schauten sich verwundert an und zuckten mit den Schultern. „Warum
gucken Sie uns so an? Das ist doch Ihre Aufgabe es herauszufinden!“, meinte
Michael genervt. Seinen freien Sonntag hatte er sich angenehmer vorgestellt.
„In der Tat,
das ist es“, antwortete der Kommissar und verschwand grußlos, denn ihm fiel
plötzlich das komische Verhalten der Witwe ein, als er ihr die tragische
Mitteilung überbrachte. Sie wusch sich während des Gesprächs ununterbrochen die
Hände in der Küche. Der Sache wollte er auf den Grund gehen und fuhr noch
einmal zu ihr.
„Guten Tag,
Frau Fenchel. Ich habe noch einige Fragen an Sie“, sagte er in freundlichem Ton
und sein Blick fiel auf ihre sauberen Hände. Zerstreut bat sie ihn ins Haus und
steuerte zielstrebig die Küche an. „Wieso noch ein paar Fragen? Ist der Fall
nicht klar? Mein Mann hatte, wie immer, zu viel getrunken und ist gestürzt. Es
musste ja mal eines Tages so schlimm mit ihm enden.“ Sie drehte den Wasserhahn
auf und schrubbte sich wieder die Hände, bis sie fast blutig waren.
Der
Kommissar nahm am Tisch Platz und beobachtete die Frau ein Weilchen. Er wunderte
sich, ob sie unter einem Waschzwang litt, dann fragte er behutsam: „Waren Sie eigentlich
mit Ihrem Mann glücklich?“
„Wenn Sie
mich so fragen, dann nein. Er demütigte und schlug mich häufig. Jeder wusste
das.“
„Auch letzte
Nacht? Haben Sie daraufhin Ihren Mann umgebracht?“
Gefasst
trocknete Trude sich die Hände ab und gestand im Garten gewesen zu sein. „Ich hatte so ein komisches Gefühl und ging
nach ihm sehen. Er lag im Gewächshaus auf dem Boden. Alfons blutete stark am
Hinterkopf. Ich wollte ihm helfen, doch als er mich sah, beschimpfte er mich wieder
und meinte, dass ich die Nachbarn gegen ihn aufhetzte und alles meine Schuld sei.
Ich konnte und wollte mir diese Vorwürfe nicht länger anhören und hielt ihm den
Mund zu. Es war wie ein Reflex. Er begann zu würgen, doch ich wollte ihn
einfach nur noch zum Schweigen bringen.“ Frau Fenchel sank traurig in sich
zusammen. „Darf ich Sie fragen, wie Sie ausgerechnet auf mich gekommen sind? Es
hätte doch auch Karli Hirsch sein können. Wie von Furien gehetzt rannte er auf
dem Parkplatz an mir vorbei. Ein längerer Gegenstand fiel ihm zu Boden, leider
konnte ich nicht erkennen, was es war.“
Herr
Feldbusch schüttelte den Kopf. „Mir ist Ihr zwanghaftes Waschverhalten
aufgefallen. Ich rätselte, woran Sie sich die Hände so schmutzig gemacht haben?
Wissen Sie, Ihr Mann verletzte viele Menschen, es hätte jeder von ihnen sein können.
Mir stellt sich die Frage, wer der wahre Schuldige in dieser Tragödie ist? Sie
haben schon genug gelitten, und wo kein Kläger ist, ist auch kein Richter! Lassen
Sie mich sehen, was ich für Sie tun kann.“
Mitfühlend drückte er ihre Hand und hoffte, dass sie mit einem blauen Auge aus der Geschichte kommen würde. Erschöpft fuhr Trude mit zum Polizei-Präsidium.
(c) Marena Stumpf
Marena Stumpf 11.09.2009, 18.39 | (2/0) Kommentare (RSS) | PL
Eine ungewöhnliche Reise
Ich hatte vom Landleben endgültig die Nase voll. Ständig dieser elende Mief, der aus dem Kuhstall kam und die würzige Waldluft verpestete. Nein, ich hatte von diesem Ort die Faxen dicke! Mich zog es in die weite Welt hinaus und ich wollte es mir mal richtig gut gehen lassen.
Ohne lange zu überlegen flog
ich drei Stunden am Stück. Wohin die Reise gehen sollte, wusste ich selbst noch
nicht so genau. An einem Rastplatz, der an einem See gelegen war, legte ich eine Pause ein. Plötzlich bemerkte
ich, dass mich riesiger Hunger plagte. Ich ließ mich an einem noch nicht
abgeräumten Tisch nieder und bediente mich an den Resten eines Fleischklopses
und etwas angetrocknetem Brot. Zum Glück stand noch etwas Wasser in einem Glas,
mit dem ich meinen Durst löschen konnte. Ich verweilte ein bisschen und sah
einer großen Fontäne zu, die im hohen
Bogen Wasser in den strahlendblauen Himmel schoss. Die Wassertröpfchen schillerten
fantastisch in allen Regenbogenfarben, bevor sie wieder im See versanken.
Neugierig auf diesen schönen
Ort trieb es mich weiter. Mein Augenmerk fiel auf einen Wasserfall, der
kraftvoll von einer Mauer in einen felsendurchsetzten Bach hinabstürzte. Einige
Enten hockten am Rand und genossen dieses nimmer endende Szenario.
Nach diesem köstlichen Mahl
bemerkte ich erst, wie erschöpft ich von der langen Reise war und ich sah mich
nach einem ruhigen Plätzchen um, an dem ich ein ausgiebiges Nickerchen halten konnte.
Mit letzter Kraft krabbelte ich den Trampelpfad am See entlang, der zu einer einsam gelegenen Wassermühle führte.
Es war dort ganz still, nur das Summen der Bienen auf der Wiese war zu
vernehmen. Emsig flogen sie an jede zarte gelbe Blüte der Sumpfdotterblumen und
sogen genüsslich deren Nektar auf. So langsam fielen mir meine großen schwarzen
Augen zu. Erst das Schnattern der braunen Entenküken weckte mich wieder auf.
Es war immer noch sehr warm
und ich überlegte mir, wie ich es anstellen konnte, ein schönes Zuhause für
mich zu finden. Natürlich sollten meine Mitbewohner nett und ordentlich sein.
Eine Weile setzte ich mich auf eine Bank und beobachtete heimlich die Gäste des
Cafés. Sie schleckten Eis oder genossen ihren Kaffee und Kuchen. Eines war klar:
Zu einer Familie mit Kindern wollte ich nicht, denn diese quälten oftmals Tiere.
Mir fiel eine blonde Dame
auf. Sie bemerkte mich nicht und so hatte ich leichtes Spiel mit ihr.
Irgendwann stand sie vom Tisch auf und verschwand in einem Häuschen, das sich
neben dem Café befand. Ich folgte ihr unauffällig. Zu meiner großen
Überraschung hob sie ihren Rock und hockte sich auf eine Schüssel. Etwas
klapperte unter ihr. Als sie fertig war, erhob sie sich, drückte auf einen
Knopf, der auch prompt einen tosenden Wasserschwall auslöste. Ordentlich
richtete sie ihre Kleidung und verließ den kleinen Raum. Anschließend wusch sie
sich die Hände, schaute in den Spiegel und zog ihre Lippen kirschrot nach. Ach,
sie sah einfach umwerfend aus. Ich wusste sofort, diese war es und keine
andere. Ich folgte ihr ins Auto und setzte mich ganz still auf den Rücksitz.
Wir waren schon eine ganze
Weile unterwegs, als sie in einen holprigen Schotterweg einbog und danach eine
kleine Holzbrücke überquerte. Vor uns lag ein herrliches Anwesen. Die Frau parkte neben dem rot-weißen Haus und
stieg aus. Ich bemerkte im Garten sofort
den betörenden Duft der blühenden Pflanzen.
Während eines unbeobachteten
Moments nützte ich die Gelegenheit und folgte ihr ins Haus. Ach, wie gut es
hier roch, die sonnendurchflutete Küche ging gleich ins Wohnzimmer über und ich
musste nicht befürchten, dass mir jemand die Tür vor den Kopf knallte oder mich
womöglich aussperrte. Mir war klar: Ich hatte das große Los gezogen!
Es war schon recht spät und
mein Magen meldete sich. Das blonde Wesen summte eine liebliche Melodie in der Küche und bereitete das Abendbrot vor. Sie
war gerade dabei das Hackfleisch in einer Schüssel durchzukneten. Das war meine
Lieblingsspeise und nun hielt mich nichts mehr zurück. Alle meinerseits
getroffenen Vorsichtsmaßnahmen warf ich über den Haufen.
Just in diesem Moment drehte
sich die Frau um und holte etwas aus dem Kühlschrank. Ich stürzte mich gierig auf den Fleischklops und knabberte daran. Kurz
darauf traf mich ein gewaltiger Schlag von oben und bei mir gingen die Lichter
aus.
Mit zwei gebrochenen Flügeln
und einem geknickten Bein fand ich mich im Blumenbeet wieder. Schmerzgeplagt
hinkte ich durch die Gegend. Am Seerosenteich entdeckte mich ein alter Kumpel
und rief mir gehässig zu: „Nein, wen sehen meine entzündeten Augen? Da ist ja
mein alter Freund, Puck, die Scheißhausfliege! War wohl nichts mit einem
besseren Leben! Was?“
Auch ihn hatte das gleiche Schicksal ereilt. Gemeinsam saßen wir am Ufer und warteten darauf von einem Frosch erlöst zu werden.
(c) Marena Stumpf
Marena Stumpf 16.06.2008, 21.53 | (2/0) Kommentare (RSS) | PL
Szenen einer Ehe
Der Lack war ab. Um ehrlich zu sein, bröckelte auch schon die Grundierung. Was erwartete ich eigentlich, nach achtunddreißig Ehejahren? Wollte ich wirklich noch mit meinen neunundfünfzig Lenzen, wie ein jung verliebtes Mädchen, mit meinem Angetrauten turteln? Gewiss, wenn Wolfgang morgens ins Büro ging, sah er für seine schlappen sechzig immer noch prima aus. Trotzdem nervte er mich ohne Ende.
An seinen freien Tagen, nahm Wolfgang mit seiner grauen, ausgebeulten Jogginghose die stabile Seitenlage auf der Couch ein, und rührte sich kaum noch von der Stelle. Er behielt die Macht in der Hand und zappte für Stunden durch die Kanäle. Ich bezweifelte, dass er wirklich wusste, was in den Programmen lief. Zwischendurch baumelte sein Kopf schlaff hin und her. Manchmal erwischte er in seinem komaähnlichen Zustand die Lautstärketaste und schreckte hoch. Desinteressiert fiel sein verschlafener Blick auf die flimmernde Mattschreibe. Sein grauer stoppeliger Dreitagebart sah zum Kotzen aus und seine graumelierten, ungekämmten Haare standen in alle Himmelsrichtungen.
Zur Mittagszeit rief er: „Schatzi, wann ist das Essen fertig? Ich bekomme Knast in der Röhre.“ Es wurmte mich und ich wäre ihm am liebsten vor Wut an die Gurgel gegangen. Immerhin war dieser Couchpotato weder Arm- noch Beinamputiert. Mühelos hätte er es bis in die Küche, zum Kühlschrank, schaffen können. Widerwillig servierte ich das Mittagessen im Wohnzimmer, natürlich vor dem Glotzophon. Das schloss logischerweise jegliche Unterhaltung aus. Ich schmollte, schwieg und würgte mein Schnitzel samt Spargel hinunter. Ich fühlte mich wie Kunta Kinte, in einer modernen Wohngemeinschaft. Oft fragte ich mich, wie ich diesen Langweiler wieder aktivieren könnte?
Nachdem wir aufgegessen hatten, trug ich das Geschirr in die Küche, spülte ab und stellte den Trockner an. Ich erledigte meine samstäglichen häuslichen Pflichten. Ich war gerade dabei das Bad zu putzen, als der Trockner penetrant zu piepen begann. Wolfgang störte dieser Ton offensichtlich nicht und er machte auch keine Anstalten, seinen Alabasterköper von der Couch zu erheben. Ich erbarmte mich, legte meine Unterwäsche zusammen und verstaute sie im Schrank. Vor lauter Wut warf ich seine Piselotten demonstrativ auf die Seite seines Bettes. Sollte er mal sehen wie er heute Abend in die Falle kam.
Mein Zorn steigerte sich gegen Abend. Immer noch lag er auf der Couch. Sein Körper gab stinkende Winde von sich, die er mit lautstarken Rülpsern begleitete. Mir war nie aufgefallen, wie primitiv Wolfgang in den letzten Jahren geworden war.
Am Sonntag schaukelten sich meine Emotionen ins Unendliche. Seine saubere Unterwäsche lag nun auf dem Fußboden. Ich versuchte das zu ignorieren, ging ins Bad und machte mich fertig, danach stellte ich in der Küche die Kaffeemaschine an. Vom Schlafzimmer hörte ich schon seine Furzarie. Das signalisierte mir, Wolfgang war im Begriff wach zu werden. Zehn Minuten später stand er neben mir und gab mir meinen morgendlichen Kuss. Sein Atem roch wie eine Güllegrube und mir drehte sich der Magen um. Ich drehte mich um und wischte mir seinen schleimigen Kuss mit dem Handrücken von den Lippen. Trotzdem heuchelte ich die liebe Ehegattin und fragte, ob er Lust hätte mit mir Essen zu gehen.
„Ach nö, zu Hause ist es doch viel gemütlicher. Koche lieber selber etwas Schnuppeliges, Kleines. Wir machen es uns hier bequem“, säuselte er fast benommen.
Ich sah Wolfgang wutentbrannt an und fragte ihn missgestimmt, wie er gemütlich definierte. „Sollen wir zweistimmig rülpsen und furzen? Ich habe so genug! Tagein, tagaus – immer der gleiche Trott. Komme endlich runter von deinem Sofa, Puparsch, und lasse uns etwas unternehmen! Ich bin es leid, dich jedes Wochenende so vergammelt zu sehen. Ja, du bist nicht einmal in der Lage deine frisch gewaschenen Klamotten wegzuräumen!“
Wolfgang stand einen Moment wortlos da, fuhr sich mit den Fingern verdattert durch die verwuselte Mähne und fragte ruhig: „Bist du jetzt fertig?“
Ich hätte ihn eigenhändig für seine Gelassenheit mit dem Kopf an die Wand schlagen können. Merkte er nicht, wie sehr er mich mit seinem Verhalten verletzte?
„Was willst du von mir? Was mache ich angeblich, dass dir so an mir missfällt?“, fragte er gereizt. Seine Zornesfalten zogen sich über der Nasenwurzel zusammen.
„Was du machst? Frage mich lieber, was du nicht machst!“, schrie ich unkontrolliert zurück.
„Also, dann sage mir, was ich mache.“, begann er seine Wortklauberei.
„Du machst rein gar nichts. Dass ist es ja. Du liegst auf deiner faulen Bärenhaut und lässt dich obendrein von mir bedienen!“
Wolfgang setzte sein höhnisches Grinsen auf. „Wenn ich dir helfen will, dann mache ich es dir sowieso nicht recht. Wer nichts tut, der kann auch keine Fehler machen!“, wetterte er ziemlich lautstark und versperrte mir den Weg aus der Küche.
Ich konnte mich beim besten Willen nicht daran erinnern, wann ich Wolfgang das letzte Mal kritisiert hatte. Wenn er den überquellenden Mülleimer hinaus trug, vergaß ich nie mich dafür bei ihm zu bedanken. „Und, was ist mit deiner Wäsche, hast du sie schon zusammengelegt?“, zischte ich leicht provozierend.
Wolfgang sah mich erstaunt an. „Wieso ich? Die hast du sonst immer zusammengefaltet. Also los, erzähle mir was ich falsch mache!“, versuchte er mich aus der Reserve zu locken.
So langsam kam ich in Zugzwang. „Du lungerst das ganze Wochenende herum und du riechst so wie du aussiehst - einfach furchtbar!“, warf ich ihm an den Kopf und hoffte, dass sich damit das Thema erledigt hatte.
Wolfgangs Stimme überschlug sich. „Das können wir gleich ändern.“ Er drehte sich um und ging ins Bad. Die Tür knallte er demonstrativ hinter sich zu.
„Hoffentlich beruhigt er sich bald wieder“, dachte ich. War es denn wirklich so schlimm, dass ich mir ein bisschen mehr Umsicht im Haushalt von ihm wünschte? Wie oft passierte es, dass ich gerade mit dem Staubsaugen fertig war und Wolfgang krümelte in Windeseile, mit seinen geliebten Schokodoppelkeksen, alles wieder voll. Seine Missachtung mir gegenüber machte mich jedes Mal stinksauer. Es war doch wirklich nicht so schwer, sich die Krümel in die hohle Hand zu schieben und sie zu entsorgen. Es musste auch nicht sein, dass er mit seiner übervollen Kaffeetasse von der Küche bis ins Wohnzimmer kleckerte. Wie immer, hatte er natürlich überhaupt nichts bemerkt.
Es dauerte nicht lange und er stand frisch rasiert und geduscht, mit hochrotem Kopf vor mir. „Bist du jetzt zufrieden?“, zischte er mich zornig an. „Also, raus mit der Sprache, was ist dir für eine Laus über die Leber gelaufen?“
„Weißt du, ich wünschte mir, dass du etwas umsichtiger wärst. Schließlich gehe ich auch arbeiten und schmeiße den Haushalt - so ganz nebenbei. Du strafst meine Hausarbeit mit Nichtachtung und das verletzt mich.“ Ich merkte, dass sich meine Schilddrüse wieder zu regen begann. Mein Hals wurde eng und ich würgte meine aufsteigenden Tränen hinunter.
„Was war denn vor drei Jahren, als ich die Küche gewischt hatte. Immer wenn ich mir Mühe gegeben hatte und dir helfen wollte, warst du mit meiner Arbeit nie zufrieden. Dir kann man nichts recht machen. Also, lasse ich es lieber gleich sein und erspare mir deine Nörgeleien“, versuchte der Streithahn mit mir zu argumentieren.
Mir schwante nichts Gutes, ich wusste, dass Wolfgang gleich seinen Logorrhoe-Anfall bekam. Wie immer, fing er beim Urknall an und spielte seine alte Schallplatte wieder ab. Er brüllte ohne Luft zu holen. Vorsichtshalber schloss ich die Fenster, es war ja nicht nötig, dass die Nachbarn unseren Streit mitbekamen.
„Entschuldige Wolfgang, dass ich jetzt nicht lache, aber das ist doch eine ganz faule Ausrede von dir. Du hattest das gleiche Wasser zum Aufwischen genommen, mit dem du vorher die Töpfe und die fettige Pfanne abgewaschen hattest. Die Küche war total verschmiert. Ich sagte dir lediglich, dass man zum Aufwischen neues Wasser mit einem Schuss Dor nimmt. Das war alles. Nicht mehr und nicht weniger!“, versuchte ich mich zu rechtfertigen und wollte die Situation ins rechte Licht rücken.
„Siehst du, wenn ich versuche dir zu helfen, dann mache ich es sowieso nicht gut genug für dich!“, jammerte er mir die Ohren voll.
Das war ja wieder typisch für Wolfgang. Er schlüpfte in seine wohleinstudierte Märtyrerrolle. Wenn er sich in diesem Stadium befand, gab es meistens kein Entrinnen. Die Sache musste bis ins kleinste Detail ausdiskutiert werden. „Kann es sein, dass du dich mit Absicht so blöd anstellst, damit du nichts zu tun brauchst?“, äußerte ich meinen schwerwiegenden Verdacht. Das war Öl auf seine Mühle, sofort ging er in die Offensive. Alle angeblichen Verfehlungen meinerseits tischte er mir von den letzten achtunddreißig Jahren auf. Nichts wurde ausgelassen, er setzte sich gut in Szene. Dieses Wortgefecht hielt bis zum späten Nachmittag an. Mir langte es und ich zog mich ins Computerzimmer zurück. Als ob nichts geschehen wäre, nahm Wolfgang auf der Couch wieder seine stabile Seitenlage ein und schlief den Schlaf der Gerechten.
Ich ging leise ins Schlafzimmer, suchte mir einige Anziehsachen zusammen und packte meinen Koffer. Ich wollte nur noch meine Ruhe vor ihm haben. Sollte er doch sehen, wie er zurechtkam. Anstandshalber legte ich ihm einen Zettel vor die Kaffeemaschine und teilte ihm mit, dass ich für einige Tage eine Auszeit nahm. Da ich selber noch nicht wusste, wohin mich mein Selbstfindungstrip führte, hinterließ ich dementsprechend auch keine Angaben über meinen Verbleib.
Ich fuhr eine gute Stunde auf der Autobahn, und merkte wie meine aufsteigenden Tränen mir die Sicht und Konzentration nahmen. An der nächsten Ausfahrt fuhr ich runter und mietete mich in der Pension „Grünes Herz“ ein. Mein Zimmer war recht gemütlich. Der wundervolle Blick über die grüne Landschaft konnte meinen seelischen Schmerz nicht lindern. Meine Gedanken kamen und gingen. Hatte ich überreagiert? Wäre ein sachliches Gespräch nicht besser gewesen? Gegen Wolfgangs Methoden kam ich ohnehin nicht an. Er hatte seine vorgefertigte Meinung und damit basta. Was war in unserer Beziehung schief gelaufen? Ich zermarterte mir das Gehirn. So verkehrt war er ja eigentlich nicht. Er ging nicht in die Kneipe, trieb sich nicht auf dem Fußballplatz herum. Wir verreisten drei Mal im Jahr, gingen ab und zu ins Theater und zum Essen. Was erwartete ich eigentlich von Wolfgang? Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf. Am nächsten Morgen hatte ich die Antwort, mir fehlte seine Anerkennung. Das war es also, was mich dermaßen auf die Palme brachte. Alles war für Wolfgang so furchtbar selbstverständlich geworden.
Ich meldete mich für den kommenden Tag im Beauty-Center an, und lies mich nach Strich und Faden verwöhnen. Es tat so gut, diese sanften kreisenden Bewegungen auf meinem Körper zu spüren. Am Nachmittag merkte ich bereits, wie sich meine dunklen Nebelschwaden aus dem Kopf lichteten. Plötzlich wurde mir klar, dass ich in den letzten Jahren wie ein Roboter funktionierte. Ich war immer für meine Familie da, und hatte nie Zeit für mich beansprucht. Gegen Abend rief ich bei Wolfgang an und erkundigte mich nach seinem Wohlbefinden.
„Wie soll es schon einem verlassenen Ehemann gehen?“, antwortete er mir theatralisch.
„Sollen wir versuchen miteinander zu reden?“, versuchte ich ihm eine Brücke zu bauen.
„Wüsste nicht worüber“, antwortete er knapp und war wohl schon wieder im Begriff den Hörer aufzulegen.
„Wolfgang, ich bin mir über vieles im klaren geworden. Bei uns hat sich seit einigen Jahren etwas eingeschlichen und so wie es zurzeit zwischen uns läuft, möchte ich nicht mehr weiter machen.“
„Ich verstehe nicht ganz, was du mir damit sagen willst. Nenne mir bitte ein konkretes Beispiel“, schnaubte er barsch und atmete dabei erregt in die Sprechmuschel.
„Kannst du dich daran erinnern, wann du mir das letzte Mal Blumen mitgebracht hast?“, fragte ich etwas provozierend. Damit wollte ich ihm einen kleinen Denkanstoß geben.
Wolfgang dachte einen Moment nach und antwortete etwas zögernd: „Das ist wohl schon etwas länger her. Als ich dir damals die Rosen mitbrachte, fragtest du mich, ob ich ein schlechtes Gewissen hätte. Ich antwortete dir darauf: Nein, nur so - weil ich dich liebe. Aber diese Antwort reichte dir nicht aus.“. Das war typisch für meinen Mann. Sofort sezierte er wieder unsere Unterhaltung und legte seine alte Platte auf.
Ich schluckte schwer, als ich diesen Vorwurf hörte. Es stimmte, was er sagte, und ich hatte es zu ihm aus Scherz gesagt, weil ich so gerührt über sein Geschenk war. Ich wollte ihm nicht meine wahren Gefühle zeigen.
„Weist du, Wölfi, du buddelst immer die alten Kamellen aus, das stört mich ungemein. Das sind doch Dinge, die wir schon längst aufgearbeitet hatten. Darüber ist doch längst Gras gewachsen“, versuchte ich die Sache zu beschwichtigen.
„Wenn du meinst! Wo steckst du eigentlich? Hast du vor, irgendwann wieder zurück zukommen?“, fragte er monoton am anderen Ende der Strippe.
„Vorerst nicht“, antwortete ich beherzt, „ich melde mich wieder bei dir.“ Ich merkte, wie meine alte Wut in mir wieder aufstieg. Er begriff überhaupt nichts. Ich wünschte ihm eine Gute Nacht und beendete mein Telefonat. Lange saß ich in der Dunkelheit und wusste nicht ein noch aus. Waren wir schon zu alt um uns noch zu ändern. Der Gedanke machte mir Angst.
Am nächsten Tag lief ich ziellos durch den Kurpark. Ich hätte eine starke Schulter zum Ausheulen gebrauchen können. Ich setzte mich auf eine Bank, überlegte was ich an Wolfgang mochte und beobachtete dabei die quirligen Wassertropfen im Springbrunnen. Ich zog für mich Bilanz: Er war pünktlich, trieb sich nie herum. Er brachte sein schwerverdientes Geld nach Hause. Er war sehr sparsam und beanspruchte selten etwas für sich persönlich. Nur seine Bequemlichkeit störte mich ungemein an ihm.
Plötzlich fühlte ich mich furchtbar einsam. Ich wünschte mir einen Menschen, mit dem ich offen über meine Gefühle sprechen konnte.
Gegen Abend wählte ich wieder Wolfgangs Telefonnummer.
„Schneider“, blaffte er unfreundlich am anderen Ende.
„Guten Abend! Ich bin´s. Wollte nur mal hören, wie es dir geht. Störe ich?“
„Wie soll es mir schon gehen? Ich kann nachts nicht schlafen, ernähre mich von McDonald und bin entsetzlich traurig. Ich verstehe nicht was mit uns momentan passiert. Ich bildete mir immer ein, bei uns läuft alles so gut.“
Jetzt war ich sprachlos. Einen Moment war es ruhig in der Leitung. Mir klopfte das Herz bis zum Hals. „Hast du Lust mich am Samstag, hier in Bad Berka, zu besuchen? Wir könnten einige Dinge klären“, fragte ich besänftigend.
Wolfgang zögerte einen Moment. „Was machst du in Bad Berka? Musst du nicht arbeiten? Ich frage mich ernsthaft nach alledem, möchtest du mich überhaupt noch sehen?“
So eine blöde Frage konnten nur Männer stellen. Natürlich wollte ich ihn sehen, sonst hätte ich nicht angerufen! „Diese Woche musste ich notgedrungen meine Überstunden abbummeln“, antwortete ich und gab ihm, im gleichen Atemzug, meine hiesige Anschrift durch.
Am nächsten Tag stand er geschniegelt vor mir. Seine dicken Tränensäcke sprachen Bände.
Er reichte mir, wie einer guten Bekannten, die Hand zum Gruß. „Du siehst gut aus, da geht es dir offensichtlich besser als mir“, stellte er sachlich fest. Dieser Ausspruch hatte bei mir die Wirkung nicht verfehlt. Ich dachte: „Du kleiner Miesepeter, diesen Satz hättest du dir auch sparen können!“ Des lieben Friedenwillen schluckte ich meine Worte herunter.
Draußen schien die Sonne und wir spazierten an der Ilm entlang. Wir unterhielten uns über unverfänglichen Themen. Irgendwann fragte mich Wolfgang, warum ich ihn verlassen hatte.
„Weißt du, solange die Kinder noch zu Hause waren, hat mir die Hausarbeit nie etwas ausgemacht. Seit zwanzig Jahren stehe ich wieder im Berufsleben und du gehst einfach davon aus, dass alles wie früher weiter geht. Ich bin auch nicht jünger geworden. Jetzt, wo wir alleine leben, verbringen wir die Wochenenden zu Hause und unternehmen gar nichts mehr.“
„Und was schlägst du vor?“, fragte Wolfgang gespannt und wartete meine Antwort ab.
Da war es wieder. Er versuchte mich mit seiner Frage in die Ecke zu drängen. Ich holte tief Luft und nahm meinen ganzen Mut zusammen. „Wir könnten am Wochenende irgendwohin fahren, oder wie wäre es mit einem Musical-Besuch? Es stinkt mir jedes Wochenende den Putzlappen zu schwingen und du machst einen Laui auf der Couch. Du lässt dich von hinten bis vorne bedienen und es tut mir weh, wenn ich dich in deinem Gammellook, krümelnd im Wohnzimmer, herumlungern sehe!“ Woher hatte ich nur den Mut genommen, so mit ihm zu sprechen? Ich genoss mein neues Selbstvertrauen.
Wolfgang blieb einen Moment stehen und sah mich baff an. „Von dieser Seite habe ich das noch nie betrachtet. Woher sollte ich wissen, dass dich diese Sachen ärgern, wenn du nie mit mir darüber sprichst. Es liegt mir fern dich zu verletzen, dafür liebe ich dich viel zu sehr“, beteuerte er mir fast reumütig. Betreten schaute er auf den Boden.
Ich nickte verlegen und mir drohten die Felle weg zu schwimmen. Wir erreichten eine Parkbank und setzten uns. „Und ich dachte immer, du erledigst diese Dinge gerne, weil sie dir Spaß machen!“, murmelte er nachdenklich und zog mit seiner Schuhkante ein Fragezeichen auf die Erde.
Ich war von den Socken und ganz perplex. „Wölfi, nun sage mal ehrlich, was soll am Putzen Spaß machen? Warum hilfst du nicht mit, wenn du der Meinung bist, dass es so unheimlichen Bock bringt?“, pustete ich meinen Frust heraus.
Theatralisch schlug er sich mit der flachen Hand vor die Stirn. „Was bin ich bloß für ein bequemer und egoistischer Idiot. Das ist alles meine Schuld und ich habe es nicht einmal bemerkt. Er versuchte wieder seine alte Schallplatte aufzulegen.
„Höre sofort auf damit!“, herrschte ich ihn selbstbewusst an. „Du machst mit deiner alten Masche alles kaputt. Diese Nummer zieht bei mir nicht mehr. Spare dir deine Worte, damit schindest du keinen Eindruck mehr. Gerne können wir über aktuelle Anlässe reden, aber bleibe dabei realistisch.“
Erstaunt sah er mich an. „Ich werde es versuchen, ich weiß aber nicht, ob es mir gelingt. Meinst du, wir sollten es noch einmal miteinander versuchen?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Warum nicht, aber dann werden die Karten neu gemischt. In Zukunft werden wir einige Hausarbeiten aufteilen und ich kann mir auch mal einen freien Tag im Monat gönnen.“
Zaghaft legt er seine Hand auf meinen Handrücken. „Ich habe dich so vermisst, Schatz. Ich dachte, dass ich dich für immer verloren habe. Du hast mir richtig Angst gemacht.“
Nach diesem Gespräch fühlte ich mich etwas erleichterter. Ich begann mich in Wolfgangs Nähe endlich wieder wohl zu fühlen. Am späten Nachmittag wurde mein Mann zusehends unruhiger. Er wollte abends unbedingt nach Hause fahren. Ich konnte mir seine übereilte Abreise nicht erklären. Wir verabschiedeten uns herzlich und ich kündigte ihm für den nächsten Tag meine Heimkehr an. In der Pension packte ich meine Sachen zusammen und malte mir dabei das absolute Chaos unserer Wohnung aus. Mit gemischten Gefühlen fuhr ich nach dem Frühstück in Richtung Heimat.
Ich war gänzlich aus dem Häuschen, als ich auf dem Couchtisch einen Blumenstrauß zur Begrüßung vorfand. Die Wohnung blitze, das Geschirr war ordentlich im Geschirrspüler verstaut und zu meiner größten Überraschung lagen keine Krümel und keine dreckige Wäsche herum.
Ich bereitete ein Candle-Light-Dinner für den Abend vor und deckte den Tisch, in der Essecke. Als Wölfi von der Arbeit kam, nahm er mich liebevoll in den Arm und entschuldigte sich für seine Ignoranz. Nach dem Essen half er das Geschirr abzuräumen. An diesem Abend blieb der Fernseher aus und wir schwelgten in alten, schönen Erinnerungen.
Während der folgenden Tage beobachtete ich meinen Mann mit Argusaugen. Wie lange würde es dauern, bis er wieder rückfällig wurde? Es vergingen vier Wochen, dann schlich sich der alte Schlendrian wieder ein. Ich verkroch mich in mein Schneckenhaus und machte auch keine Anstalten mich an den Herd zu stellen. In der Mittagszeit fragte Wolfgang, was es zu Essen gäbe. „Nichts“, antwortete ich kurz angebunden. „Wupps“, sagte er, und wusste sofort was die Glocke geschlagen hatte. „Bin wohl wieder rückfällig geworden“, brummte er und verschwand peinlich ertappt im Badezimmer. Eine halbe Stunde später liefen wir Hand in Hand zu unserer Stammpizzeria. Wölfchen hielt für mich die Tür auf und flüsterte mir zu: „Liebling, du siehst heute wieder bezaubernd aus. Ich weiß nicht wie du es mit mir aushältst.“
Ich hauchte ihm einen Kuss auf die Wange und dachte: „Du alter Schlawiner“, dabei sah ich ihn verliebt an.
„Buongiorno, ihr Turteltäubchen! Man könnte fast neidisch werden, wenn man euch so glücklich sieht. Habt ihr dafür ein Geheimrezept?“, erkundigte sich Giovanni bei uns. Er hatte immer einen freundlichen Spruch auf Lager.
Lachend zwinkerten wir uns zu und bestellen zwei Combinatione und zwei Chaussee-Brandy.
Wölfchen grinste verschmitzt und flüsterte stolz: „Das ist harte Teamarbeit! Wie du siehst, lohnt sich der Aufwand!“
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Marena Stumpf 20.10.2007, 18.27 | (1/0) Kommentare (RSS) | PL
Omas haben einen Dürfschein
Vor mir, an der Supermarktkasse, stand eine sehr gepflegte Frau mittleren Alters und packte ihre Einkäufe auf das Band. Offensichtlich kannte sie die Kassiererin, denn beide Frauen unterhielten sich recht angeregt. „Guten Morgen, Frau Schütz! Ich sehe, sie haben wieder viele leckere Sachen für ihre Enkelchen eingekauft. Wie fühlt man sich als Oma?“, erkundigte sich die Kassiererin freundlich.
Die Kundin strahlte eine innere Gelassenheit aus und schmunzelte etwas geheimnisvoll. „Danke der Nachfrage, Frau Bayer – einfach super! Eigentlich schade, dass die Natur es so verdreht eingerichtet hat.“
„Was eingerichtet hat?“, hakte die Kassiererin etwas irritiert nach und zog unbeirrt, die Kekse, Schokolade, Lutscher, Vanilleeis, Brötchen, Wurst und den Käse, über den Scanner.
„Na, dass man zuerst Mutter und dann erst Oma wird“, antwortete die Kundin lächelnd und zog die Geldbörse aus ihrer rehbraunen Lederjackentasche.
Erstaunt schaute die Kassiererin die Kundin an: „Wie kommen sie denn darauf?“, und hielt mit ihrer Arbeit einen Moment inne.
„Das ist ganz einfach“, erklärte Frau Schütz. “Als ich noch jung und knusprig war, brachte ich drei Kinder zur Welt. Nebenher musste ich noch arbeiten gehen und den Haushalt schmeißen. Das Geld langte weder vorne noch hinten. Ich hatte viel zu wenig Zeit für meine Familie. Es war damals einfach Stress hoch fünf für mich!“
Die Kassiererin winkte ab und ging wieder ihrer Arbeit nach. Sie schüttelte ihr leicht ergrautes Haupt und erwiderte: „Das war bei uns allen so, Frau Schütz. Damals gab es nur ein viertel Jahr Entbindungsurlaub und das war es!“
Glücklich antwortete die Kundin: „Jetzt sind meine Kinder erwachsen und außer Haus, sie haben ihre eigenen Familien. Ich merke, dass ich mit meinen Enkelkindern viel toleranter und großzügiger umgehe. Natürlich müssen sich die Kleinen an die Spielregeln halten, aber vieles dürfen sie, was ich damals meinen eigenen Kindern verboten hatte. Ich nehme mir heutzutage die Zeit für die Zwerge, lasse einfach meinen Haushalt links liegen. Morgen ist auch noch ein Tag und wenn es einmal hektisch wird, dann weiß ich, in ein paar Stunden holt meine Tochter die Kids wieder ab.“
„Komisch“, sagte die Kassiererin nachdenklich, „bei mir ist es ganz genauso! Ich gehe viel lockerer mit meinen Enkeln um. Schade, dass ich mit meinen eigenen Kindern nicht so nachsichtig war. Heute Nachmittag besucht mich meine Rasselbande auch und ich freue mich schon richtig darauf.“
Alle Artikel waren über den Scanner gezogen und die Kassiererin sagte: „Das macht dreiundzwanzig neunundachtzig!“
Frau Schütz bezahlte und verstaute ihre Einkäufe in einem Weidenkorb. Freundlich verabschiedete sich Frau Bayer von der Kundin und wünschte ihr noch viel Spaß mit den Kleinen.
Ich musste über beide Frauen schmunzeln. Sie hatten Recht, als Oma hat man einen ganz besonderen „Dürfschein“.
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Marena Stumpf 17.04.2007, 19.47 | (0/0) Kommentare | PL
Blauer Montag
Wenn ich durch die Wälder radle, halte ich manchmal an einer sonnigen Bank an und setze mich hin. Gerne denke ich an die Zeit zurück, als ich noch im Berufsleben stand. Oft erinnere ich mich an Begebenheiten, als ob sie gerade erst gestern waren und ich beginne mit offenen Augen zu träumen…
Montags war immer der schlimmste Tag in unserer Unfallpraxis. Die Blaumacher standen Schlange und holten sich zum Wochenbeginn einen Gelben.
Herr Müller knallte die Tür vom Sprechzimmer hinter sich zu. „So ein bornierter Affe! Der Doktor denkt wohl, dass ich simuliere, aber mir ist kotzübel!“ Seine Alkoholfahne wehte mir über den Anmeldungstresen entgegen. Ich schaute verlegen meine Kollegin Yvonne an. Sie zuckte mit ihren Schultern und grinste. „Tja, so ist er halt, unser Doktor!“
Ein gut aussehender Mann betrat mit einer älteren Dame die Anmeldung.
„Tagchen, Schwester! Ich bringe ihnen Frau Koslowsky, sie hatte einen Arbeitsunfall“, berichtete mir ihr junger Begleiter. Entsetzt fiel mein Blick auf das schmutzige Küchenhandtuch, das sie um die stark blutende Hand gewickelt hatte. Langsam tropfte das dunkelrote Blut auf das grüne Linoleum. Yvonne schob die kreidebleiche Patientin in den OP-Raum und löste vorsichtig den Notverband. Kurz nahm ich den Vorgang auf: „Beim Stanzen mit der rechten Maus in die Maschine gekommen. Stark blutende, klaffende Wunde.“
Ich zog ihre Karteikarte aus dem Aktenschrank und mir fiel auf, dass Frau Koslowsky vor drei Monaten den gleichen Unfall hatte, nur auf der linken Seite. Ich informierte den Doktor über diesen Vorgang, danach ging ich zu der wimmernden Patientin zurück. „Der Doktor wird sich gleich um sie kümmern“, teilte ich der verängstigten Frau mit. Rasant stürmte Doktor Ossen um die Ecke. „Wen haben wir denn da? Eine alte Bekannte! So langsam würde ich es mal mit stricken versuchen. Mit ihren sechzig Jahren sind Sie viel zu alt an dieser Maschine zu arbeiten, dass ist doch nichts mehr für Sie!“
Als Frau Koslowsky eine Betäubungsspritze in die verletzte Hand bekam, schrie sie laut auf. Ein Tränenrinnsal bahnte sich den Weg zu ihren Ohren. Beruhigend streichelte ich über ihr graues, lockiges Haar. „Gleich ist alles vorbei“, versuchte ich sie zu trösten. Doktor Ossen nähte mit zehn Stichen die Rissverletzung zu.
„Jetzt machen wir ihnen noch einen schönen Verband und dann können sie nach Hause gehen. In drei Tagen kommen Sie bitte zum Nachsehen“, sagte ich zu ihr. Schnell legte ich die benutzten Instrumente in den Sterilisator und bereitete alles griffbereit für den nächsten Unfall vor.
„Herr Fritsche bitte“, tönte es nebenan im Wartezimmer aus dem Lautsprecher. Aber nichts rührte sich und ich wunderte mich, ob er wieder gegangen ist. Nach einer Weile ging mir ein ganzer Kronenleuchter auf. „Ach, der kann mich gar nicht hören, er ist doch taubstumm!“, fiel mir wieder ein und ich ging zum Wartezimmer, um dem alten Herrn abzuholen. Dankbar sah mich der Patient mit einem Lächeln an. Er öffnete vorsichtig meine Hand und legte etwas hinein, dann drückte er meine Finger zu einer Faust zusammen. Für mich war das nichts ungewöhnliches, viele Patienten machten das so, wenn sie mir Trinkgeld gaben, aber irgendwie fühlte es sich dieses Mal so eigenartig an. Neugierig öffnete ich meine Hand hinter seinem Rücken und sah nach. „Unglaublich...“, stammelte ich und starrte auf seine gelb-braunen, verpilzten Zehnägel. Er reichte mir von seiner Enkelin einen Zettel, auf dem stand: „Am Wochenende hat sich Opa zwei Mal die Zehen an der Anrichte gestoßen, plötzlich waren die Nägel ab.“
Wir halfen dem altersschwachen Patienten auf die Liege, zogen ihm seine karierten Kamelhaarhausschuhe und die übel riechenden Socken aus. Yvonne und ich tauschten verständnislose Blicke aus. Wir fragten uns insgeheim, warum sich die Familie nicht ein bisschen mehr um diesen armen Kerl kümmerte. Er tat uns richtig leid.
Doktor Ossen sah sich die Bescherung an und kratzte den dicken Pilz ab.
„Da hast du aber Glück gehabt Opa, sonst hätten wir heute die Nägel abnehmen müssen!“, sagte er zu dem alten Mann und tätschelte ihn leicht am Hinterkopf. Ich bepinselte die rohen Stellen mit einer Tinktur und klebte die Zehen mit zwei Pflastern ab. „Gute Besserung! Morgen kommen sie bitte zum Verbinden wieder!“, sagte ich zu ihm langsam. Gebannt las er meine Worte von den Lippen ab und nickte.
Mein Weg führte mich zur Anmeldung zurück. Ein großer Mann, in Zimmermannskleidung wartete schon ungeduldig auf mich. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn und er sagte stöhnend: „Hardmann ist mein Name! Ohne Toilette. Ich sah ihn fragend an. Was meinte er wohl, ohne Toilette? Er grinste mich mit seinen gelben Zähnen an und sagte: „Hardmann, ohne „t“, nur mit „d“. Kleines Scherzchen am Rande. Schwester, vor einer Stunde ist mir ein zwanzig Kilo schwerer Balken von drei Metern Höhe auf meinen Fuß gefallen. Es tut so weh, ich glaube – der ist gebrochen“, und er schaute dabei bedenklich zu Boden.
„Gehen sie rüber ins Röntgenzimmer und machen sie beide Füße frei, ich bin gleich bei ihnen.“ Mit einer Handbewegung deutete ich ihm den Weg über den Flur zum Zimmer.
Unaufhörlich klingelte das Telefon. Ich wechselte einige Verbände, setzte Frau Schmachtel unter die Mikrowelle, schloss Herrn Wiemer an den Reizstrom an und verpasste Frau Mayer eine schmerzlindernde Spritze für ihren Hexenschuss, nebenbei schrieb ich noch schnell einige Rezepte aus.
Nach einiger Zeit kam Yvonne zu mir und fragte mich, ob ich wüsste, wer der schlafende Mann auf dem Röntgentisch sei.
„Oh Shit! Der Fuß… Den habe ich glatt vergessen!“, antwortete ich hektisch. Ich sauste zu ihm rüber und der Zimmermann gab keinen Mucks von sich. Verzweifelt rüttelte ich an seinem Arm. Langsam kehrte wieder Leben in seinen müden Körper.
„Sie haben ja noch nicht einmal die Schuhe und die Strümpfe ausgezogen“, tadelte ich ihn ziemlich genervt.
„Schwester, nur den Linken! Ja?“, bettelte er. Doch ich bestand auf beide Füße. Herr Hardmann beichtete mir, dass er sich nur den verletzten Fuß gewaschen hatte, der andere hatte seit Wochen kein Wasser und keine Seife mehr gesehen. Beschämt zog er sich seine durchlöcherten Socken aus. Die schwarze Borke zwischen seinen Zehen ekelte mich an. Sprachlos schüttelte ich meinen Kopf und röntge den Schmutzfinken.
Doktor Ossen riss die Sprechzimmertür auf und schrie ungeduldig: „Marlies, wo bleibst du denn? Bringe eine Tetanus-Spritze für Herrn Solwig mit!“
Gegen Mittag war endlich das Wartezimmer leer. Meine Kollegin sah erleichtert auf die Uhr und dann in den Spiegel. „Weißt du was, Marlies, wir haben jetzt zwei Stunden Mittagszeit. Meine Haare sehen wie ein verbumstes Sofakissen aus, ich flitze schnell zum Friseur. Bist du damit einverstanden?“ Schnell zog sie ihren Kittel aus und schlüpfte in ihre gelbe Strickjacke.
Lachend stimmte ich ihr zu und stellte einen Topf für meine Nudelsuppe auf den Zweiplattenkocher. Unerwartet klingelte es Sturm an der Tür. „Nein! Oder?“, kam es gleichzeitig aus unserem Mund. “Wer kommt denn jetzt noch angefärzelt“, knurrte Yvonne missgestimmt.
„Ich gehe aufmachen, falls es ein Unfall ist und du gehst jetzt endlich dich schön machen lassen!“, befahl ich ihr in freundschaftlichem Ton und zwinkerte ihr zu.
Vor der Tür stand Herrn Flade. Ich öffnete und teilte ihm mit, dass wir jetzt Mittagspause hatten. Die Sprechstunde beginnt erst wieder in zwei Stunden. Doch ich besann mich eines Besseren und bat das klapprige Hutzelmännchen herein. Er wollte seinen großen, schmerzenden Grützbeutel auf dem Rücken ausdrücken lassen. Tapfer ertrug der glatzköpfige Patient die Prozedur. Mit einem „Tausend Dank Schwester“, erhob sich der bucklige Mann und ließ dabei eine kräftigen sausen. „Ach du Scheiße! Hoffentlich ist nichts in die Hose gegangen!“, murmelte er.
Für einen Moment hielten wir die Luft an und begleiten den hilfsbedürftigen Mann hinaus.
„Mensch, der ist schon in Verwesung übergegangen“, frotzelte Yvonne. Wir lachten Tränen und rissen die Fenster auf.
„Können sie mir bitte sagen welcher Radweg nach Brandau führt?“ Unsanft werde ich aus meinem Tagtraum gerissen.
„Rechts ist die Brandblase“, antworte ich verdattert dem Pedalenritter und verbessere mich gleich darauf. „Entschuldigung, rechts geht es nach Brandau!“
Ich genehmige mir noch einen kräftigen Schluck aus meiner Wasserflasche und frage mich, wie es wohl meinen ehemaligen Kollegen geht. Ob ich sie Mal besuchen sollte? Gemächlich steige ich wieder auf meinen Drahtesel und setze meine Fahrt durch den Wald fort.
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Marena Stumpf 10.04.2007, 08.49 | (0/0) Kommentare | PL
Mord im Feriendorf
Mit gemischten Gefühlen parkte Christoph seinen Mercedes vor dem Grundstück seines Vaters. Er stieg aus und trug seine Reisetaschen den steilen Weg zum Ferienhaus hinauf. Freundlich grüßte er den Nachbarn, der gerade mit dem Rasenmähen fertig war.
Die Sonne schien einladend auf die Terrasse. Christoph legte bunte Sitzkissen auf die Holzbänke und genehmigte sich ein Bier. Für einen Moment schloss er seine Augen, atmete tief die würzige Waldluft ein und sah sich in Gedanken wieder mit seinen Freunden Räuber und Gendarm spielen.
„Kommen Sie aus Berlin?“, unterbrach der Nachbar unsanft Christophs Tagträumerei. „Wie lange wollen Sie bleiben?“
„Weiß noch nicht genau. Mal sehen, wie lange ich es in dieser Einöde aushalte! Ziemlich schwül heute, haben Sie Lust auf ein kühles Bier?“, fragte Christoph anstandshalber.
Gemächlich schlurfte der alte Mann über das Gras und setzte sich zu Christoph. „Tag, noch Mal. Mein Name ist Rupprecht. Was führt Sie denn zu uns? Hier oben ist Totentanz bei Tante Elli – wenn Sie verstehen was ich meine.“ Rupprecht grübelte, wo er dieses Gesicht schon einmal gesehen hatte.
Christoph holte eine zweite Flasche Bier aus dem Kasten und stellte sie vor seinen Gast.
„Vor zwanzig Jahren verbrachte ich oft als Kind meine Ferien hier mit meinen Eltern.“ Nachdenklich sah Christoph über die Talsenke zu den anderen Waldhügeln hinüber. „Stand nicht früher auf diesem Grundstück ein großer Baum mit einem Baumhaus?“
Nervös hob Rupprecht seine Flasche Bier und leerte sie in einem Zug. Misstrauisch fragte er: „Kannten Sie die Käfersteins?“
Christoph schüttelte schweigend seinen Kopf und stellte seinem Nachbarn ein neues Bier hin.
„Käferstein ließ nach dem Tod seiner Frau den Baum fällen. Dieses Subjekt vergewaltigte regelrecht die Natur. Wissen Sie, als das Dorf damals gebaut wurde, waren wir eine große Familie, mit einigen Ausnahmen natürlich. Einmal im Jahr planten wir ein großes Fest. Jedes Haus ließ sich etwas Besonderes einfallen. Gerlinde und ich backten meist Kuchen und Torten. Käferstein, dieser niederträchtige Bursche, ließ sich von seinen Köchen raffinierte Kartoffelrezepte entwerfen und jubelte sie uns als seine eigenen Kreationen unter. Am Ende des Abends ermittelte eine Jury die besten Speisen des Tages. Der Sieger erhielt einen Lorbeerkranz mit gekreuzten goldenen Kochlöffeln. Für ein Jahr zierte er den Dachgiebel des Gewinners. Natürlich waren diese Goldenen Kochlöffel sehr begehrt. In den Medien wurde darüber berichtet, auch ich hätte diese Werbung gut für meine Konditorei gebrauchen können. Aber nein, dieses korrupte Schwein von Käferstein blendete alle mit seinen Betrügereien. Die Nacht vor unserem letzten Fest erwischte ich ihn, wie sein Partyservice heimlich vorbereitete krabbengefüllte Folienkartoffeln lieferte. Seine Frau musste sie am nächsten Tag nur noch mit einer Knoblauch-Käsesoße überbacken.“ Rupprecht unterbrach seinen Redeschwall und nahm wieder einen kräftigen Zug aus der Bierflasche. Mit seinem haarigen Handrücken wischte er sich den Mund ab.
Mittlerweile öffnete Christoph die zehnte Flasche Bier. „Was ist aus dieser Familie Käferstein geworden? Lassen die sich noch manchmal hier blicken?“ Christoph versuchte gleichgültig zu klingen.
„Nein, schon lange nicht mehr. Er kam nach dem Tod seiner Bettina nie wieder her. Er vermietet nur noch das Haus.“
„Woran ist Frau Käferstein gestorben?“, fragte Christoph beiläufig.
Rupprecht kniff seine kleinen braunen Schweinsaugen zusammen und wurde hellhörig. Eingehend musterte er Christophs Gesichtszüge. Er überlegte wieder, wo er diese leuchtenden hellblauen Augen schon einmal gesehen hatte und dann fiel es ihm wie ein Paukenschlag wieder ein. Es waren Bettinas Augen. Was hatte dieser Schnüffler hier zu suchen? Er musste sich Gewissheit verschaffen. „Ich besitze von unseren Dorffesten noch einige alte Fotos. Falls Sie Interesse haben, dann schauen Sie heute Abend auf ein Gläschen Wein bei mir vorbei. Wir könnten in alten Erinnerungen schwelgen.“
„Gerne“, sagte Christoph, in der Hoffnung noch mehr über den Tod seiner Mutter zu erfahren. Er legte sich zwei Stunden hin um wieder einen klaren Kopf zu bekommen.
Gegen 19.00 Uhr klopfte Christoph an Rupprechts Haustür. „Kommen sie rein“, rief er von der Küchenempore. Mit einer Weinflasche unter dem Arm und einem sauberen Glas in der anderen Hand stieg Rupprecht die fünf Stufen zum Wohnzimmer hinunter. “Der Korken will nicht aus der Flasche gehen. Wollen Sie Mal ihr Glück versuchen?“
Für einen Moment starrte Christoph auf das Etikett. Er stieß einen bewundernden Pfiff aus. „Das ist ein edler Tropfen, Jahrgang dreiundsiebzig, der Firma Käferstein. Die haben Sie aber lange aufbewahrt. Wollen Sie den nicht lieber für einen feierlicheren Anlass aufheben?“
„Einen besseren Anlass kann ich mir kaum vorstellen. Nur zu mein Freund! Ich bekomme nicht oft so netten Besuch.“
„Und Sie? Wollen Sie nicht kosten?“, fragte Christoph sein Vis-a-vis.
„Danke, ich habe noch.“ Er zeigte mit dem Finger auf das volle Glas, das bereits auf dem klebrigen Couchtisch stand.
„Sie wissen nicht was sie verpassen.“ Christoph zwinkerte ihm kameradschaftlich zu.
„Oh, doch, mein Junge! Das weiß ich!“ Rupprecht kramte aus einem Schuhkarton einige alte Aufnahmen hervor. „Das hier ist Käferstein mit seiner Familie.“
Christophs Gesicht wurde dunkelrot, als er das Bild seiner Mutter sah. Ein dicker Knoten im Hals schnürte ihm allmählich die Kehle zu. Hastig trank er noch einen großen Schluck aus dem Weinglas.
„Irgendwie hat der kleine Chrissi Ähnlichkeit mit Ihnen. Finden Sie nicht auch?“ Rupprecht studierte Christophs Gesicht.
„Alle kleinen Jungen sehen sich in diesem Alter ähnlich“, lallte Christoph und sein Körper wurde schwer wie Blei.
„Ist Ihnen nicht gut, Chrissi? Das wird sicher gleich vorbei sein.“, beruhigte Rupprecht seinen jungen Gast.
Unkontrolliert rollte Christophs Kopf hin und her. „Hoffentlich“, röchelte er. „Wasser! Mir ist so...“
Rupprechts Gesicht nahm etwas Fratzenhaftes an. „Du kannst jetzt noch nicht gehen, ich muss dir unbedingt den Rest der Geschichte erzählen. Während des Festes ging ich zu meinem Haus zurück und präparierte eine gute Flasche Rotwein. Ich löste Arsen auf, zog das Gemisch in einer Spritze auf und injizierte diese tödliche Mixtur durch den Korken. Dann ging ich wieder zurück. In aller Öffentlichkeit entkorkte ich die Flasche und schenkte zwei Gläser ein. Eines davon reichte ich deinem Vater, aber leider wurden wir von einem Gast gestört. Er stellte das Glas auf dem Tresen ab. An unserem Stand hatten wir alle Hände voll, mit dem Kuchenverkauf, zu tun. Ich bemerkte nicht, dass deine Mutter irrtümlich den Rotwein getrunken hatte. Sie krümmte sich und brach ohne Vorwarnung zusammen. Ein anwesender Arzt konnte nur noch ihren Tod feststellen. In den folgenden Tagen kümmerte sich meine Frau rührend um dich und deinen Vater. Abends schwärmte sie mir von diesem Käferstein vor, und eines Tages wollte sie mich sogar wegen diesem Schnösel verlassen. Das wusste ich zu verhindern. Beim Abendbrot verabreichte ich ihr den Rest von diesem speziellen Tröpfchen. Noch in der gleichen Nacht vergrub ich Gerlinde im Blumenbeet und verbreitete das Gerücht, sie sei mit euch durchgebrannt.“
Rupprecht griff nach Christophs Handgelenk und versuchte seinen Puls zu fühlen. Er hievte den leblosen Körper auf die Schulter und schleppte ihn keuchend auf den Beifahrersitz. Leise flüsterte er: „So mein Freund, wir machen jetzt eine kleine Spritztour zu den Serpentinen. Wie von Geisterhand wird dein toller Schlitten in die Schlucht stürzen und kein Mensch käme jemals auf die Idee, dass der alte Mann vom Feriendorf etwas mit diesem furchtbaren Unfall zu tun hatte.“
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Marena Stumpf 06.04.2007, 07.23 | (0/0) Kommentare | PL
Urlaub mit Herrn Minou
Total gestresst sahen wir unserem dreiwöchigen Urlaub entgegen. Unser Problem hieß eindeutig, Minou. Trotz seiner zwölf Jahre sah er Felix, aus der Fernsehwerbung, zum verwechseln ähnlich. Fremden gegenüber benahm er sich ziemlich ruppig. Die Nachbarn machten einen großen Bogen um ihn, da er sie offensichtlich grundlos bei jeder Gelegenheit anfauchte oder anknurrte. Wir wussten nicht was in seinem Katzenkopf vor sich ging, denn uns gegenüber benahm er sich wie ein kleines Lämmchen. Keiner wollte auf unseren Rüpel aufpassen und so fassten wir den Entschluss: Minou muss mit in den Urlaub. Pensionen oder Ferienwohnungen gab es wie Sand am Meer, doch sobald ich erwähnte, dass wir unseren Kater mitbringen wollten, lautete die Antwort immer gleich: „Kinder und Hunde gerne, aber Katzen leider nicht. Die pinkeln überall hin und kratzen alles kaputt.“
Alle geeigneten Ferienobjekte, die wir im Umkreis von zwei Stunden Anfahrt im Internet fanden, klapperten wir ab. Nun waren schon drei Tage von unserem schönen Urlaub verstrichen und wir hatten immer noch kein geeignetes Quartier entdeckt.
Mein Mann spottete schon über mich, und meinte: „Was du suchst, Schatz, muss erst noch für dich gebaut werden. Ruhig, im Grünen, vom Straßenlärm abgelegen, super Ausblick, sauber und Katzengerecht. Wovon träumst du eigentlich nachts?“
Ich war genervt und fühlte mich von ihm bevormundet. So langsam wurde ich über seine Äußerungen stinksauer. Mir war unklar, warum es keine Tierliebhaber gab, die bereit waren uns auch mit Katze aufzunehmen. Also beschränkten wir uns auf Tagesausflüge. Im Odenwald hielt Rick vor einem netten Café an. Bei Cappuccino und Käsetorte versuchten wir noch einmal sachlich über unseren verbleibenden Urlaub zu sprechen, doch wir kamen auf keinen gemeinsamen Nenner. Bei einem Spaziergang durch Lützelbach entdeckten wir an einem hübschen Haus, ein unscheinbares Schild mit der Aufschrift: „Ferienwohnung mit Garten zu vermieten“. Wir hatten nichts zu verlieren und ich klingelte. Ein nettes, älteres Ehepaar öffnete uns und wir waren uns auf Anhieb sympathisch. Sie zeigten uns die Ferienwohnung und ich war sofort Feuer und Flamme. Dann kam meine allentscheidende Frage: „Dürfen wir unseren zwölfjährigen Kater mitbringen?“
Zum Glück hatten sie Katzen gegenüber keine Vorurteile. Bereitwillig zeigten sie uns die geschmackvoll eingerichtete Wohnung und führten uns durch ihren gepflegten Garten. Ich war begeistert. Genauso hatte ich mir unser Domizil vorgestellt. Vor lauter Freude wäre ich am liebsten unseren Vermietern um den Hals gesprungen. Herr Weber fragte wann wir anreisen wollten und ich antwortete spontan: „Sofort!“ Mein Traum ging in Erfüllung.
Mit Vollgas sausten wir nach Hause, packten unsere Sachen zusammen und verfrachteten, unter viel Protest, Herrn Minou in seine viel zu große Transportkiste. Es erschien mir wie ein halber Umzug, bis wir endlich alles im Auto verstaut hatten.
Auf dem Rückweg in den Odenwald keimten in mir die ersten Zweifel auf. „Hoffentlich findet sich unser Goldstück in der fremden Umgebung zurecht. Was machen wir, wenn er sich verläuft?“ Drei Stunden später standen wir vor unserem Ferienhaus. Minou inspizierte jeden Winkel unserer neuen Bleibe und rollte sich danach behaglich auf der Couch zusammen und schlief den Schlaf der Gerechten.
Am nächsten Morgen wurde unser Kätzchen recht unruhig und stupste mich immer wieder an. Ich stand auf, stellte ihm frisches Wasser und neues Futter hin. Demonstrativ schob er mit langer Pfote sein Fresschen zu und steuerte ohne Umwege die Terrassentür an, die in den Garten führte. Bettelnd maunzte er und ich wusste, dass er bereit war auf Entdeckungsreise zu gehen. Mir ging das alles viel zu schnell, denn schließlich sollte sich unser kleiner Schatz erst einmal an seine neue Umgebung gewöhnen. Er sollte wissen, wohin er gehörte. Es war Zeit für mich ins Bad zu gehen und unsere beleidigte Leberwurst gesellte sich zu seinem Herrchen ins Bett. Ich beeilte mich, joggte zum Bäcker, holte frische Brötchen und spurtete wieder zurück, damit Minou nicht so lange alleine bleiben musste.
In der winzigen Küche bereitete ich den Kaffee vor und stellte die Tassen und Teller auf ein Tablett. Schon am frühen Morgen schien die Sonne und ich deckte den Frühstückstisch auf der Terrasse. In aller Ruhe genoss ich meine erste Tasse Kaffee und lauschte dem Gesang der Vögel. Es dauerte nicht lange und mein Mann stand gähnend hinter mir. Noch bevor ich etwas sagen konnte, preschte Minou mit einem Affenzahn an ihm vorbei. Mir fuhr der Schrecken in die Glieder und ich stotterte: „Der Kater, der Kater…!“
Mein Mann hatte immer schon die Ruhe von einem Mottenscheißer weg und er fragte lapidar: „Was ist mit dem Kater? Hattest du vor ihn für immer hier einzusperren? Dass ist doch was du wolltest - Urlaub mit Minou? Oder nicht?“
„Mensch, der Kater soll sich an seine neue Umgebung erst einmal gewöhnen. In ein paar Tagen hätte ich ihn schon in den Garten gelassen. Wenn er nun wegläuft, was dann? Wo willst du ihn denn suchen?“, versuchte ich meine Ängste hektisch zu erklären.
Minou genoss sichtlich seine Freiheit. Mal schnupperte er an den Tulpen, dann stromerte er gemächlich durch das hohe Gras. Anscheinend gab es nichts was ihm missfiel. Nach seiner gnädigen Inspektion, gesellte er sich zu uns an den Frühstückstisch und lies sich mit Wurst, Käse und Oliven verwöhnen. Mir fiel ein Stein vom Herzen und ich fing an mich langsam zu entspannen. Als Minou dann auch satt war, legte er sich friedlich unter dem Tisch und wackelte gelegentlich mit seinem schwarzen Schwanz.
Für mich war das Erholung pur, fernab vom Großstadtlärm. Am Ende des Gartens, tauchten einige braun-weiß gefleckte Kühe auf. Mit einem langen muuuhhh begrüßten sie uns und beäugten uns neugierig. Der arme Minou erschreckte sich so sehr, dass er mit einem Satz auf meinem Schoß landete und seinen Kopf unter meinem Arm versteckte. Wir mussten beide über unseren Helden lachen.
Im Laufe des Vormittags, räumte mein Mann den Frühstückstisch ab, trug alles in die Küche und kam mit seinem Rätselheft unter dem Arm zurück. Ich holte mir eine Sonnenliege aus dem Keller und stellte sie im Garten auf. Schnell spülte ich das Geschirr ab und ging wieder nach draußen. Minou hatte es sich bereits auf meinem Sonnenstuhl bequem gemacht und er schlummerte tief und fest in der Sonne. Natürlich hatte meine Katze mich gut erzogen, und ich setzte mich auf den daneben stehenden Gartenstuhl. Das Wetter war herrlich, ein absolut bajuwarischer Himmel. Leise summten die Bienen und flogen von Blüte zu Blüte. Die Butterblumen wiegten ihre Köpfe bei jeder kleinen Brise und ich genoss jede Sekunde von unserem Gammelurlaub.
Irgendwann wurde es Herrn Minou in der Sonne zu warm und er suchte sich ein schattigeres Plätzchen, unter einer großen Tanne. Endlich durfte ich auf meine Liege. Für eine Weile lag ich nur so da, schaute in den Himmel und lauschte dem Ruf eines Käuzchens und träumte vor mich hin. Ab und zu drehte ich mich nach unserem Zögling um, der noch immer an der gleichen Stelle lag.
In der Mittagszeit durchbrach mein Mann die Stille und fragte, ob wir nicht das Mittagessen ausfallen lassen könnten. Stattdessen wollte er lieber Käsekuchen mit Sahne vom Bäcker holen. Mir war das recht, so brauchte ich nicht zu kochen und ich schickte ihn gleich los. In der Zwischenzeit bereitete ich neuen Kaffee vor. Vom Küchenfenster aus sah ich Minou immer noch unter der Tanne hocken.
Familie Weber schaute kurz vorbei und brachte als kleinen Willkommensgruß, eine Flasche Weißwein mit. Sie redeten ohne Ende über die schönen Wanderwege und Sehenswürdigkeiten in der Umgebung. Mit der Zeit war auch mein Männe vom Bäcker zurück und er lud anstandshalber unsere Vermieter zum Kaffee ein. Ich stellte wieder mein Geschirr auf das Tablett und wir begaben uns nach draußen. Ich traute meinen Augen nicht. Unser Kater saß mitten auf dem Tisch und schlang gerade den Rest vom Käsekuchen hinunter. Neben ihm lag eine dicke, fette, tote, graue Maus, die alle viere gen Himmel gestreckt hatte. Unschuldig putzte sich Herr Minou seinen weißen Bart.
Mir entgleisten sämtliche Gesichtszüge und ich dachte: „Das war´s wohl. Jetzt dürfen wir packen und nach Hause fahren, doch komischerweise grinste Familie Weber nur, und sagte nichts dazu.
Mein Mann lobte seine Mieze in den höchsten Tönen und dankte ihm für das tolle Geschenk. Beherzt packte er das Mausevieh am Schwanz, wickelte es in das zerplüserte Papier und entsorgte alles in der Mülltonne.
„Bei aller Liebe“, fauchte ich meinen Mann an, „du weißt doch, dass der Kater für Käsekuchen über Leichen geht. Wie konntest du nur den Käsekuchen unbeobachtet auf dem Tisch liegen lassen?“
Mir war gänzlich der Appetit vergangen und ich zog mich schmollend mit einem Buch auf meine Liege zurück. Minou musste wohl gemerkt haben, dass ich angesäuert war, denn er kuschelte sich eng an mich.
Am späten Nachmittag erschien Familie Weber abermals. Sie luden uns zum Grillabend ein und natürlich sollten wir auch unseren Kater mitbringen. Minou rannte gleich auf sie zu, scharwenzelte ihnen um die Beine und ließ sich bereitwillig streicheln. Ich fand das alles recht seltsam, zumal er sich sonst nie von Fremden anfassen ließ.
Am späten Nachmittag folgten wir ihrer Einladung. Minou lebte wie die Made im Speck und bettelte sich beim Essen erfolgreich durch. Immer wieder wurde er von unseren Vermietern gelobt. Zu vorgerückter Stunde erzählte uns Familie Weber, wie glücklich sie waren, dass wir unseren Urlaub in ihrem Hause verbrachten. Vergeblich hatten sie versucht ein Mäuseloch unter dem Tannenbaum auszuheben. Sogar die herbeigerufene Ungezieferbekämpfung konnte nichts ausrichten. Allein an unserem ersten Urlaubstag hatte unser großer Jäger vier tote Mäuse auf Webers Kellertreppe abgelegt und es sollten noch etliche folgen.
(c) Marena Stumpf
Marena Stumpf 21.03.2007, 17.28 | (0/0) Kommentare | PL


