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Blogeinträge (themensortiert)
Thema: Kinderstübchen
Die Wunderperle
Nach Schulschluss rannte Martina hinunter zum Strand. Dort hielt
sie sich am liebsten auf. Bei jeder
herannahenden Welle sprang die Achtjährige vor Begeisterung in die Höhe und
jubelte. Sie beobachtete die
kreischenden Möwen über sich, wie sie durch die Luft segelten und nach Futter suchten.
„Ach, warum kann ich nicht sein wie Jonathan, die Möwe?“, dachte sie. „Der
musste auch nicht in die Schule gehen und war klug. Hätte ich doch nur eine
nette Lehrerin, die mich auch manchmal lobt und nicht ständig mit mir herummeckert. So macht Lernen doch überhaupt
keinen Spaß.“
Gedankenversunken ging Martina weiter und bemerkte die nächste heran
rollende Welle nicht, die sie von oben bis unten pitschnass spritzte. Sie
kicherte und ihr fiel die Geschichte vom
Herrscher aller Meere ein. „Oh, Neptun grollt in der Tiefe wieder mit seinen Untertanen“, flüsterte sie,
doch um Ihre Kleidung machte sie sich keine Sorgen, denn sie wusste, dass die
wärmenden Sonnenstrahlen ihre nassen Sachen in Windeseile trocknen würden.
Die nächste Welle spülte zwei wunderschöne, geschlossene Muscheln
genau vor ihre Füße. Das Mädchen bückte sich, hob die geschlossenen Schalen auf
und freute sich über ihren Fund. Die Farben ähnelten einem kleinen Regenbogen.
So etwas Tolles hatte Martina noch nie gesehen. Plötzlich öffnete sich eine
Muschel direkt vor ihren Augen.
„Habe keine Angst“, sprach ein zartes Stimmchen, „ich möchte mit
dir reden. Das Meer hat uns an Land gespült und wir müssen unbedingt ins Wasser
zurück, sonst sorgen sich unsere Eltern um uns. Kannst du uns dabei behilflich
sein? Hebe uns auf und werfe uns, so weit es geht, ins Meer zurück.“
Martina traute ihren Ohren nicht. Ja, gab es denn so etwas – eine
Muschel die sprechen konnte? Das Kind kniete sich vor die beiden Gehäuse und
betrachtete sie eingehend. „Spinne ich, oder kannst du wirklich reden?“, fragte
sie ungläubig.
„Wir sind keine gewöhnlichen Muscheln. Plötzlich wurden wir erfasst
und aus dem Meer geschleudert. Wir möchten so gerne zu unserer Familie zurück.
Kannst du uns dabei behilflich sein?“
„Das will ich gerne machen“, antwortete Martina und hob die beiden
Schalen auf. Gerade als sie ausholte und die Hand zum Wurf ansetzte,
meldete sich die offene Muschel noch einmal. „Wir möchten uns für deine Hilfe
bedanken. Nehme diese kleine Perle aus meinem Gehäuse und du wirst drei Wünsche
frei haben. Reibe sie an einem Stückchen Stoff und sage deinen Wunsch. So wird
es geschehen. Aber überlege deine Wünsche gut, es darf nichts mit käuflichen
Dingen zu tun haben. Sonst schlägt es genau ins Gegenteil um.“
Martina tat, wie ihr geheißen war und warf die Muscheln im hohen
Bogen ins Meer. Sie blieb noch eine Weile stehen, um sicher zu sein, dass die
Muscheln nicht wieder an Land gespült wurden. Glücklich betrachtete sie ihren
kostbaren Schatz. Sie eilte nachhause und legte die Kostbarkeit in ihr kleines
rotes Samtkästchen.
Abends im Bett dachte sie noch einmal über ihr Erlebnis nach.
Schnell sprang sie unter der Decke hervor, holte die Perle und legte sie unter ihr Kopfkissen. Bald darauf schlief sie ein. Aus der Ferne vernahm Martina leises
Meeresrauschen und plötzlich sah sie sich am Strand, inmitten lauter
schillernden Muscheln. Ein wunderschönes, blondes Wesen entstieg dem türkisfarbenem
Wasser, winkte ihr zu und sprach: „Ich möchte mich bei dir bedanken, dass du
meinen kleinen Lieblingen geholfen hast. Was quält dich so? Kann ich dir
behilflich sein?“
Unruhig bewegte Martina ihren Kopf hin und her. „Ich will in der
Schule nicht sitzenbleiben. Meine Eltern wären darüber ganz traurig und die
anderen Kinder in der Schule würden mich hänseln. Was kann ich nur machen?“,
schluchzte die Kleine.
Die Wasserfee lächelte verständnisvoll. „Du musst viel üben und
deine Hausaufgaben machen, dann wirst du
auch gut in der Schule sein.“
„Das nehme ich mir ja jeden Tag vor, doch wenn die Sonne scheint, dann gehe ich viel lieber am Strand Muscheln sammeln. Das macht viel mehr
Spaß, als das langweilige Lernen.“
Natürlich wusste das Mädchen, dass es sich auf den Hosenboden
setzen musste, wenn es nicht die Klasse wiederholen wollte.
„Ich mache dir einen Vorschlag“, sagte die Fee. „Du schaust jeden
Tag in deine Schulbücher und lernst ein bisschen. Abends legst du die Perle und
das Lehrbuch unter dein Kopfkissen. Wenn du am nächsten Morgen aufwachst, dann
wirst du alles, was für dich wichtig in der Schule ist, wissen.“
„Und das soll funktionieren?“, fragte das Mädchen ungläubig.
„Für heute schlafe weiter, aber ab morgen fangen wir damit an.
Versprochen?“ Dann verschwand die schöne Gestalt wieder.
Martina rollte sich im Bett unruhig hin und her. Sie wusste, dass
sie morgen eine Klassenarbeit schreiben würde und wie sollte es auch anders
sein, sie hatte dafür nicht geübt. Vor lauter Angst bekam sie Bauchschmerzen.
Was sollte sie nur machen? Dieser komische Traum ließ sie aufwachen. Plötzlich
wurde ihr ganz heiß und sie bekam Durst.
Mit einer Taschenlampe schlich sie die knarrenden Stufen zur Küche
hinunter und holte sich etwas zu Trinken. Sie hörte ihren Vater im Schlafzimmer
schnarchen und ging ganz leise wieder in ihr Zimmer zurück. Sie schaltete die
kleine Nachttischlampe neben ihrem Bett ein, holte die Perle hervor und dachte
nach. Wenn alles wirklich stimmte, was die Fee sagte, dann brauchte sie nur in ihrem
Deutschbuch die drei Seiten lesen und es anschließend samt Perle unter dem
Kopfkissen verstauen. Das wollte sie sofort
versuchen und am nächsten Morgen würde sie hoffentlich eine eins im Diktat schreiben.
Gespannt auf den neuen Tag ging Martina zur Schule. Gleich in der
ersten Stunde teilte die Lehrerin, Frau von Falkenvogel, die Diktathefte aus.
Dabei sah sie Martina eigenartig über
den Brillenrand an. Von ihr erwartete sie sowieso keine gute Note.
Das Mädchen holte die Federtasche aus der Schulmappe und hielt in der linken Faust die Perle festumklammert.
Jetzt konnte ihr nichts mehr passieren.
Die Lehrerin diktierte ganz ruhig und deutlich. Zwischendurch ging
sie durch die Reihen der Schulbänke und beobachtete die Schüler, damit auch
keiner abschrieb. Nachdenklich schaute Martina zur Decke und manchmal öffnete
sie ihre Hand, als ob dort die Antworten zu ihren Fragen verborgen waren.
Britta, ihre Schulkameradin, warf zwischendurch einen kurzen Blick zu ihr und
fragte sich, was für eine wundersame Verwandlung mit ihrer Freundin über Nacht geschehen war,
denn sie guckte überhaupt nicht rüber.
„Nicht abschreiben, Britta“, mahnte die Lehrerin, die nicht
wollte, dass ihre Lieblingsschülerin eine schlechte Note bekam. Frau von
Falkenvogel ertappte Martina dabei, wie sie die Hand öffnete und nach der Perle
schaute.
„Ach, hast du dir etwa einen Spickzettel in die Handfläche
geschrieben, damit du eine bessere Note bekommst?“, fragte sie argwöhnisch.
„Zeige mir sofort was du dort versteckst.“
Ertappt schüttelte Martina ihren hochroten Kopf. „Nein, ich habe
nichts in meine Hand geschrieben!“, beteuerte sie.
„Dann hast du auch nichts zu befürchten und kannst mir deine Hand
zeigen. Also los! Mach schon …“, beharrte die Lehrerin.
Vor Wut, dass man ihr nicht glaubte, stiegen bei Martina die
Tränen auf. Frau von Falkenvogel öffnete
die Hand der Schülerin gewaltsam. „Ach nein, du weißt doch, dass während der
Stunde jeglicher Art von Spielzeuge verboten sind.“
„Das ist meine Wunschperle!“, rief Martina beherzt und biss sich
gleich auf die Lippe um sich nicht noch mehr zu verplappern.
„Dann hättest du besser üben sollen!“ Frau von Falkenvogel
bewunderte die schimmernde Perle und nahm sie Martina aus der Hand. Sie rieb die
glitzernde Kugel an der Manschette ihrer Bluse und sagte: „Dann wünsche ich mir
jetzt, dass du eine genauso gute Schülerin wirst, wie deine Nachbarin, Britta! Dann
hast du auch nichts zu befürchten!“ Danach steckte sie die Perle in ihre
Hosentasche.
Martina war sehr traurig. Aus der Ferne hörte sie die Stimme der
Lehrerin und ihre Hand schrieb wie von Geisterhand geführt weiter. Beim
Einsammeln der Diktathefte warf Frau von Falkkenvorgel ihrer Schülerin einen bösen
Blick zu.
Seitdem die Lehrerin im Besitz dieser wundersamen Perle war,
fühlte sie sich voller Energie und zufrieden. Dieses Gefühl wollte sie noch
einen Tag auskosten. Am Nachmittag korrigierte sie zuhause die Diktate der
Kinder. Zu ihrer großen Überraschung
hatten Britta und Martina den gleichen Fehler. Beide schrieben: Die
Geschpenster spukten im Schloss. Ihr war sofort klar, dass Martina von Britta
abgeschrieben haben musste. Es war unmöglich, dass ein Kind so schnell
dazulernen konnte. Ihr fiel wieder die Perle in ihrer Hosentasche ein. Die
Lehrerin bewunderte diese und fragte sich, ob es eine Echte- oder Zuchtperle
war. So genau kannte sie sich auch nicht aus, zumal das Kügelchen zu schillern
begann.
Sie kochte sich einen Tee, setzte sich wieder an den Schreibtisch
und schaute die perlmuttfarbende Kugel an. Dann sagte sie: „Na, dann zeige mir
mal ob du wirklich zaubern kannst. Ich wünsche mir einen Mann, dem ich alle meine
Sorgen erzählen kann.“ Dabei polierte sie
die Perle am Revers ihrer Strickjacke. Anschließend packte sie für den nächsten
Schultag ihre Aktentasche.
Eine Stunde später klingelte es an der Wohnungstür der Lehrerin.
Ein junger Mann verbeugte sich vor ihr und stellte sich vor. „Mein Name ist
Robert Jung. Ich bin vor einem Monat hier eingezogen und habe nun ein kleines
Problem. Ich muss dringend eine Dienstreise antreten und wollte Sie fragen, ob
Sie meinen Kater Mäxchen füttern könnten. Es wäre ganz toll, wenn Sie auch
meine Blumen gießen würden und wenn es Ihnen nicht zu viel wird, bitte auch
meine Post aus dem Kasten nehmen.“
Frau von Falkenvogel war von Herrn Jung sehr angetan. Er sah gut
aus und schien auch gute Manieren zu besitzen. „Ja, gerne“, antwortete sie
freudig, „darf ich mir Ihr Mäxchen ansehen, dann weiß ich, ob wir beide
miteinander klarkommen.“
Herr Jung willigte ein und nahm sie mit hoch in die Wohnung. Der schwarz-weiße Kater kam ganz zutraulich
auf sie zugerannt und beschnupperte sie
neugierig..
„Wir könnten doch gleich du zueinander sagen, wenn mein Kater Sie
auf Anhieb mag“, meinte Robert und lud sie auf eine Tasse Kaffee ein. Noch
lange saßen Julia und Robert gemütlich beieinander und verabredeten sich nach
seiner Rückkehr zum Essen.
Julia fühlte sich verzaubert und fragte sich, ob dieses Treffen
irgendwie mit ihrem Wunsch zusammenhing. Schon lange hatte sie nach einem
geeigneten Partner gesucht. War das alles
nur ein Zufall? Kaum war sie zurück in ihrer Wohnung, griff sie abermals nach der Perle
und wünschte sich viel Geld und ein neues Auto.
Am nächsten Morgen machte sie sich auf den Weg zur Schule, mit
ihrem alten Audi. Gleich an der ersten Straßenkreuzung fuhr ihr jemand in die
Seite. Genervt stieg sie aus und brüllte den Mann an. „Haben Sie keine Augen im
Kopf? Warum passen Sie nicht auf? Sie haben wohl ihren Führerschein aus dem
Kaugummiautomaten gezogen. Was?““ Doch der Fahrer behauptete Stein und Bein,
dass sie bei rot über die Ampel gefahren sei. Sogar der Fahrzeughalter, der
hinter ihr fuhr, behauptete dieses auch. Schnell wurde ein Unfallprotokoll
aufgenommen und sie begab sich danach zur Arbeit.
Martina erwartete sie
bereits und forderte ihre Perle zurück. „Die habe ich heute nicht dabei“, log die Lehrerin gereizt und
verteilte die Diktathefte. Sie
überreichte Martina das Heft mit dem Kommentar: „Da hast du richtig gut von
Britta abgeschrieben. Ihr habt beide den gleichen Fehler gemacht. Am liebsten
hätte ich dir dafür eine fünf gegeben. Aber lassen wir das …“
Empört rief Martina: „Sehen Sie, lernen bringt doch nichts. Sie
glauben mir nicht einmal, wenn ich geübt habe. Sie waren doch gestern diejenige, die sich von meiner Perle gewünscht
hat, dass ich so gut wie Britta sein soll. Nun bin ich es und Sie sind immer
noch nicht zufrieden. Außerdem gehört die Wunschperle mir und nicht Ihnen!“
„Das ist ja interessant, vielleicht erzählst du uns noch ein
bisschen mehr von dieser Zauberperle“, bohrte die Lehrerin neugierig weiter.
Das Mädchen fühlte sich ertappt und schwieg. Sie fand das Benehmen der Lehrerin
unmöglich. Schließlich war es ihr Schatz und nun wollte diese Frau ihr die
Perle stehlen. In der großen Pause verließ Martina den Schulhof und rannte
weinend zum Strand. Außer Atem rief sie
nach der Wasserfee, die auch gleich zur Stelle war.
„Was ist dein Begehr, liebes Mädchen?“, erkundigte sie sich
besorgt.
Martina schniefte und wischte sich die Tränen von den Wangen und
erzählte, dass ihr die Lehrerin gestern die Perle abgenommen hatte.
„ich habe mich schon über deine seltsamen Wünsche gewundert. Nun
ist mir alles klar. Die Strafe hat deine Lehrerin heute Morgen bekommen. Sie
wünschte sich viel Geld und ein neues Auto. Ich sagte dir ja, es darf nichts
Materielles sein. Die Menschen sind von Natur aus habgierig. Sie wird immer
mehr für sich fordern und außerdem hat sie schon von mir drei Wünsche erfüllt
bekommen. Erst wenn sie erkennt, dass die Perle für sie wertlos geworden ist,
gibt sie dir dein Eigentum zurück. Lerne weiterhin fleißig für die Schule und
du wirst nichts zu befürchten haben.“ Die Fee winkte dem Mädchen zu und versank
wieder im Meer.
Martina rannte zur Schule zurück und tat so, als ob nichts
geschehen war. Frau von Falkenvogel war über das Verhalten ihrer Schülerin sehr
verärgert und setzte sie zur Strafe in die letzte Reihe.
Martina lernte weiterhin fleißig für die Schule und freute sich, wenn
sie mit guten Noten ihre Lehrerin ärgern konnte. Frau von Falkenvogel konnte
sich nicht erklären, warum die beiden Mädchen immer dieselben Fehler hatten,
obwohl sie nun weit auseinander saßen. Die Perle erfüllte ihr auch keine
Wünsche mehr und als sie am Ende des Schuljahres die Zeugnisse verteilte sagte
sie zu Martina: „Oh, ich habe da noch etwas für dich, ich glaube das gehört
dir!“, und legte ihr die Perle in die Hand.
Seitdem liegt die Wunschperle wohlbehütet in Martinas rotem Samtkästchen und wartet darauf, dass sie dem Mädchen drei Wünsche erfüllen darf.
(c) Marena Stumpf
Marena Stumpf 09.04.2008, 19.53 | (6/0) Kommentare (RSS) | PL
Halloween: Das Kürbisfest
Das Kürbisfest
Heute abend will sich die Vorschulklasse zu einem Laternenumzug treffen. Dennis, Marc und Amanda sind schon ganz aufgeregt und plappern laut durcheinander.
„Stopp, stopp, stopp, Kinder! Nicht alle auf einmal reden! Wer kann mir denn sagen warum wir heute diesen Laternenumzug machen?“, fragt die Lehrerin.
„Damit wir unsere selbstgebastelten Laternen durch die Straßen tragen können“, antwortet der blonde Dennis.
Marc meldet sich: „Gar nicht wahr, wir feiern das Kürbisfest.“
„Gut, Marc“, lobt ihn Frau Billert. „Kannst du uns noch ein bisschen mehr darüber erzählen?“
„Na ja, das ist so…“, beginnt Marc etwas schüchtern.
Amanda fällt ihm ins Wort: „Mein Papa schlachtet einen Kürbis und schnitzt ein gruseliges Gesicht in den Kopf und dann schimpft meine Mutter immer mit ihm, weil er die Küche so schmutzig macht.“
Frau Billert muss sich das Lachen verkneifen und ermuntert Marc weiter zu sprechen.
„Na ja, meine Oma hat gesagt, dass dieser Brauch vom Erntedankfest stammt, so war es früher. Dieser neumodische Kram, wie Halloween, kommt aus Amerika und ist nur Volksverdummung.“
Dennis mischt sich ein: „Frau Billert, ich weiß das ganz genau, mein Opa Rick kommt aus Amerika. Er hat mir alles klitzeklein von Halloween erzählt. Die Kinder verkleiden sich dort als Hexen, Geister oder auch als Gute Fee, sie gehen von Haus zu Haus und klopfen an die Türen und sagen: Trick or Treat. Viele Nachbarn sind freundlich, sie schenken den Kindern Süßigkeiten, aber wenn sie nichts geben, dann, oh je, oh je…“ Dennis lacht sich halb schief und hält seine Hand vor den Mund.
„Was machen sie dann, wenn sie nichts geschenkt bekommen?“, fragt Marc neugierig.
Geheimnisvoll kichert Dennis und flüstert naseweiß: „Die schmieren schwarze Schuhcreme auf die Türklinke oder beschmieren die Fenster mit Spüli und manche Kinder kippen sogar volle Mülltonnen um.“
„Ach nein, Dennis. Das finde ich gar nicht so toll was dir da dein Opa beibringt. Ich glaube, ich muss mit ihm mal ein ernstes Wörtchen reden. Halloween wurde nämlich schon lange vor Christi Geburt in Irland gefeiert. Bei den Kelten endete damals das Kalenderjahr schon am 31. Oktober. Die Einwohner gingen von Tür zu Tür und tauschten ausgehöhlte, beleuchtete Zuckerrüben gegen andere Opfergaben aus. Wer nichts gab, bei dem wurde eine Hexe an die Tür gemalt. Tja, so war es damals, aber jetzt legt eure Decken und Kissen in einen Kreis und ich erzähle euch wie das Kürbisfest bei uns zu Hause gefeiert wurde.
Damals war ich ungefähr so alt wie ihr jetzt. Ich erinnere mich noch ganz genau daran. Meine Eltern hatten einen Garten, im Frühjahr legte mein Vater Kürbiskerne in die umgepflügte Erde. Jeden Tag rannte ich zum Feld und schaute nach, ob die orangefarbenen Kürbisse endlich so weit waren, doch es war nichts zu sehen. Nach einiger Zeit lugten die ersten Sprösslinge aus dem Boden. In den nächsten Wochen schlängelten sich verzweigte Ranken auf dem Boden entlang. Später bildeten sich an den grünen, rauen Blättern wunderschöne goldgelbe Blüten. Munter summten die Bienen umher und saugten den süßen Nektar aus den Blütenkelchen. Wenn meine Mutter das sah, sagte sie zufrieden: Das wird wieder ein gutes Kürbisjahr. Bis zur Ernte dauerte es so lange, dass ich meistens die Kürbisse vergessen hatte.
Im September war es endlich soweit, meine Mutter holte die ersten Kürbisse in die Küche. Sie hatte von meiner Oma einige Rezepte und machte süß-saures Kürbisgemüse ein. Sehr zu meinem Leidwesen kochte sie auch Kürbissuppe, die ich überhaupt nicht mochte. Am leckersten war ihr Kürbiskuchen. Wenn meine Mutter mit allem fertig war, legte sie die weißen Samen zum trocknen auf ein sauberes Küchentuch. Vater und ich konnten es kaum abwarten, bis wir den leeren Kürbiskopf haben durften. Ich malte ein schönes Gesicht mit Mund, Nase und Augen darauf und mein Vater schnitt die markierten Stellen mit einem kleinen, scharfen Küchenmesser aus. Den fertigen Kürbiskopf stellten wir abends mit einer brennenden Kerze auf den breiten Zaunpfeiler. Uuuh, in dem Jahr grinste das Gesicht besonders furchterregend, es zog die Nachbarn magisch an. Wir standen lange auf der Straße und sangen Laternenlieder. Eines ging so:
Ich gehe mit meiner Laterne
Und meine Laterne mit mir
Dort oben leuchten die Sterne
Und unten leuchten wir
Mein Licht geht aus
Ich geh nach Haus
Ra-bimmel, ra-bammel, ra-bumm.
Wenn es dann draußen richtig dunkel und kalt wurde, brachte meine Mutter uns warmen Kakao und selbstgebackene Plätzchen vor die Tür, und mein Opa erzählte uns tolle Geschichten. Viel später als sonst, wurde es leider auch für mich Schlafenszeit. Meine Mutter musste immer erst unter meinem Bett und in den Schränken nachsehen, damit sich auch keine Geister in meinem Zimmer versteckten. Etwas ängstlich zog ich mir die Decke über den Kopf. Noch lange lag ich wach und summte ganz leise: Ra-bimmel, ra-bammel, ra-bumm. Insgeheim freute ich mich schon auf das nächste Kürbisfest.“
Dennis guckt seine Lehrerin fragend an. „Komisch, Frau Billert“, sagt er, „ sie brauchten doch gar keine Angst zu haben, die beleuchteten Kürbisse verscheuchen doch alle Gespenster. Oder?“
Frau Billert nickt: „Da hast du vollkommen recht, Dennis. Du bist ein kluges Kerlchen, aber daran habe ich als kleines Mädchen nicht gedacht.“
Bing, bang, bong, der Schulgong ertönt und verkündet das Ende der Stunde. Langsam erheben sich die Kinder und legen ihre Decken zusammen.
„Also, wir treffen uns heute Abend um sechs Uhr vor der Schule und vergesst bitte nicht eure Laternen mitzubringen“, erinnert Frau Billert die Kleinen noch einmal. „Bis dann!“
Fröhlich singen Dennis, Marc und Amanda beim Verlassen des Klassenzimmers: „Die Schul´ ist aus, wir geh´n nach Haus, ra-bimmel, ra-bammel, ra-bumm.“
(c) Marena Stumpf
Marena Stumpf 30.10.2007, 20.10 | (1/0) Kommentare (RSS) | PL
Der ängstliche Kürbis
Endlich war es so weit, der schönste Kürbis sollte heute Abend im Dorf preisgekrönt werden. Seit dem frühen Nachmittag waren die Straßen wie leer gefegt. Die Bauern hockten in ihren Küchen und beschäftigten sich mit ihren Kürbissen.
Auch Herr Thomas gab sich dieses Jahr besonders viel Mühe. Zuerst holte er das Fruchtfleisch aus dem Kürbis heraus und legte es für seine Frau in eine Schüssel. Sie sollte ihm am nächsten Tag ein leckeres Kompott zubereiten und einen schönen Kuchen backen. Mit einem kleinen scharfen Küchenmesser schnitzte er ein fröhliches Gesicht in den leeren Kürbiskopf. Als Herr Thomas fertig war betrachtete er zufrieden sein vollendetes Kunstwerk. Gemütlich lehnte er sich auf dem Küchenstuhl zurück und zündete sich sein Pfeifchen an. „So einen Prachtburschen wie dich hatte ich noch nie. Weißt du was, du bist mir so gut gelungen, ich werde dich Plutzer nennen. Ach, eine Kerze muss ich auch noch aus dem Keller holen, damit dein Kopf von innen beleuchtet wird.“
Herr Thomas stellte Plutzer vor die Haustür, damit alle Nachbarn ihn gut sehen konnten.
Von allen Seiten wurde Plutzer bewundert. Es dauerte nicht lange und man war sich einig, dass Herr Thomas mit seinem lachenden Kürbis den ersten Preis gewonnen hatte.
Gegen Abend wurde es empfindlich kühl und die Görner Einwohner zog es in ihre warmen Stuben. Nach und nach erloschen die Lichter hinter den Fenstern und die Leute gingen zu Bett.
Es dauerte nicht lange und Plutzers Kerze brannte herunter. Plötzlich stand er im Dunklen. Ihm verging das Grinsen, denn er bekam furchtbare Angst. Er rief ganz laut: „Herr Thomas, meine Kerze ist ausgegangen. Es ist bitterkalt hier draußen, ich friere so entsetzlich, bitte hole mich ins Haus.“
Fast war es Mucksmäuschen still. Im Nachbarhof bellte ein Hund und das Schnarchen von Herrn Thomas drang aus dem geöffneten Schlafzimmerfenster zu ihm hinunter. Plutzer fürchtete sich so sehr, dass er herzerweichend zu weinen begann.
Dicker grauer Nebel zog auf und er konnte nun gar nichts mehr sehen. Er lauschte in die Stille. Neidisch tuschelten die anderen Kürbisse über ihn. „Plutzer wird sich noch wundern, seine Schönheit wird nicht von Dauer sein. Bald wird er verschrumpeln, glitschig und hässlich werden.“
Eine andere Stimme antwortete: „ Hi, hi, hi, wenn der Schimmel ihn befällt, dann ist es aus mit unserem Gewinner. Er wird neben uns auf dem Komposthaufen landen.“
Dicke Tränen kullerten über Plutzers orangefarbene Pausbacken. Davon hatte ihm Herr Thomas nichts erzählt.
In der Dunkelheit entdeckte er einen kleinen hellen Punkt der immer größer wurde. Plutzer blinzelte, ein helles warmes Licht blendete ihn. Er erkannte zwei weiße Pferde die eine prächtige grüne Kürbis-Kutsche zogen und sie hielt genau vor seiner Tür. Eine wunderschöne Frau stieg aus und schwebte mit ihrem sternenbesetzten Gewand direkt auf ihn zu.
„Erschrecke dich nicht, Plutzer, ich bin die Kürbis-Fee, Malune. Ich habe dich weinen gehört und möchte dir helfen. Wenn du möchtest, dann darfst du mich auf mein Schloss begleiten. Neben meinem Thron wirst du einen Ehrenplatz erhalten. Ein nimmer endendes wärmendes Licht wird dich Tag und Nacht umgeben. Ich würde mich freuen, wenn du mir in meinem Reich Gesellschaft leistest. Hast du Lust mich zu begleiten?“
Plutzer war froh, dass er nicht mehr alleine war. In Malunes Gegenwart fühlte er sich sicher.
Er überlegte einen Moment. Sollte er wirklich mit ihr gehen? Herr Thomas hatte sich so viel Mühe mit ihm gegeben. Wie glücklich und stolz er aussah, als ihm die Nachbarn zu seinem ersten Preis gratulierten und ihm ein rotes Band mit einem runden goldenen Taler um den Hals hängten.
Nachdenklich schaute Plutzer auf das Fenster, hinter dem Herr Thomas immer noch schlief. Er fragte sich, ob Herr Thomas ihn etwa schon vergessen hatte? Warum ließ er ihn so ganz alleine hier draußen in der Kälte und Dunkelheit stehen? Wovon hatten vorhin die Kürbisse gesprochen? Vom Komposthaufen und vom verschrumpeln? Nein, so wollte er nicht enden.
Wieder begann er zu weinen. Malune tupfte ihm mit einem weichen Tuch die Tränen ab. „Hast du es dir überlegt, Plutzer, möchtest du mit mir gehen? Noch bevor die Kirchglocke zwölf Mal schlägt müssen wir zurück in meinem Schloss sein, sonst verliere ich meine Zauberkraft.“
Plutzer fragte etwas unsicher: „Versprichst du mir, dass ich nie wieder frieren oder im Dunklen stehen muss?“
Malune lächelte ihm zu: „Du hast mein Ehrenwort und auf dem Komposthaufen wirst du auch nicht landen.“
„Dann will ich mit dir gehen“, flüsterte er etwas ängstlich.
Mit ihrem funkelnden Zauberstab tippte sie gegen seinen Kopf. Plutzer war begeistert, mit Leichtigkeit schwebte er an Malunes Seite zur Kutsche. Im Schutze dicker Nebelschwaden fuhren sie in das Kürbis-Feenland.
Schon am Schlosseingang kam Plutzer aus dem Staunen nicht mehr heraus. Große Trompetenbäume verkündeten Malunes Rückkehr. Als sie ausstiegen, schwebte Plutzer ganz langsam hinter Malune her. Neugierig drehte er sich immer wieder um. Kleine tanzende Glühwürmchen erhellten ihnen den Weg. Malune öffnete die große Doppeltür und Plutzer traute seinen Augen nicht. Im ganzen Saal standen kleine und große, schöne und nicht so hübsche Kürbisse. Sie alle strahlten ihn freundlich an. Sprachlos setzte sich Plutzer einen Augenblick auf den moosbewachsenen Boden und schaute sich um. Als er endlich seine Sprache wieder fand, fragte er: „Malune, was machen die ganzen Kürbisse hier? Wohnen die alle bei dir?“
„Hast du schon vergessen, du bist hier im Kürbis-Feenland! Jeder von ihnen hatte ein Problem, aber das ist eine lange Geschichte, die erzähle ich dir morgen.“
Plutzer gähnte, er war müde von der langen aufregenden Nacht. Malune schüttelte ein rotes Samtkissen auf, das neben ihrem Thron lag und setzte Plutzer darauf. Leise flüsterte sie allen Kürbissen zu: „Gute Nacht, meine Lieben und süße Träume. Bis morgen.“
Am nächsten Morgen starrte Herr Thomas auf den leeren Platz, an dem Plutzer
gestern Abend noch gestanden hatte. Wütend knallte er die Haustür hinter sich zu und schimpfte: „Es ist nicht zu fassen! Wer in aller Welt hat meinen schönen Kürbis gestohlen? Verflixt noch Mal! Das darf doch wohl nicht wahr sein!“
Auf dem Küchentisch lag noch das rote Band mit seiner schönen Goldmedaille. Traurig legte er seinen ersten Preis in die Schublade und sagte zum Abschied etwas wehleidig: „Es waren schöne Stunden mit dir, Plutzer. Wo immer du im Augenblick auch stecken magst, ich hoffe, es geht dir gut!“
(c) Marena Stumpf
Marena Stumpf 21.10.2007, 12.56 | (0/0) Kommentare | PL
Kerwes und Knolle
Bauer Friedrich brachte die letzte Fuhre Kartoffeln in die Scheune.
Unsanft bollerten sie in die große Holzkiste, danach tuckerte er mit
seinem Traktor in den Hof. Kurz darauf erschien Herr Friedrich noch
einmal und stellte einen großen orangefarbenen Kürbis zu den kleineren
auf den Fußboden. „Das wäre geschafft“, murmelte er und schloss das
Scheunentor hinter sich.
Eine ganze Weile blieb es ruhig, bis ein zartes Stimmchen zu hören war: „Gehe runter von mir, du liegst auf meinem Gesicht.“
Jemand anderes kreischte schrill: „Ich bekomme keine Luft hier unten. Ich will sofort raus!“
Neugierig guckte der Kürbis zur Kiste hinüber und traute seinen Augen nicht. Die braunen Kartoffeln bewegten sich.
„Hey, ihr Nachtschattengewächse, was treibt ihr da?“
Für einen Moment wurde es wieder still, doch es dauerte nicht lange,
bis sich die Kartoffeln erneut schubsten. Eine flog in hohem Bogen aus
der Kiste und landete genau vor seinem runden Bauch.
„Pass´ doch auf, du ungeschickte Grumbirn, hättest mich beinahe
getroffen. Hast du keine Augen im Kopf?“, herrschte er die unförmige
Kartoffel an.
Die Kartoffel hatte Angst sich zu bewegen und bat den Kürbis um Entschuldigung.
„Sieh mich an, wenn ich mit dir rede“, kommandierte der Kürbis die Kartoffel herum.
„Ich kann nicht“, jammerte sie, „wenn ich meine Augen öffne, dann
bekomme ich Sand rein. Das habe ich schon auf dem Acker probiert, aber
das tat so furchtbar weh. Ich lasse sie lieber zu.“
„Erdapfel, falls du es noch nicht bemerkt hast, du bist nicht mehr auf
dem Feld. Mache endlich deine Augen auf und sieh mich an“, schimpfte
der Kürbis.
Vorsichtig begann die Kartoffel zu blinzeln, sie fasste ihren ganzen Mut zusammen und öffnete ihre Augen.
„Oh, du bist aber schön! Bist du einer von uns?“
„Du kleine Krumbiir, was bildest du dir eigentlich ein. Ich bin der
König der Kürbisse und mein Name ist Kerwes. Und wie heißt du?“
„Äh, äh, ich glaube Charlotte Festkochend. Das hatte ich mal unter der
Erde gehört, als der Bauer sich mit seiner Frau unterhielt.“
Die Zierkürbisse fingen furchtbar zu kichern an und meinten albern: „Charlotte Festkochend, was für ein ulkiger Name!“
„Willst du mich verärgern“, fragte Kerwes, „das ist doch kein Name.
Nee, nee, nee, hier in der Scheune herrscht Ordnung. Wir werden dir
einen schönen Namen aussuchen. Wie gefällt dir Beidat oder Bramburi?“
Die Kartoffel rümpfte ihre knubbelige Nase und fand diese Namen überhaupt nicht schön.
Der grün-gelb gestreifte Kürbis trat ein Stück vor und meldete sich.
„Ich würde sie Knolle nennen, weil sie so eine dicke Knollennase im
Gesicht hat.“
Neidisch schauten die anderen Kartoffeln über den Rand der Kiste und riefen: „Wir wollen auch Namen haben!“
„Nix da, ihr landet sowieso bald im Kochtopf. Knolle wird von jetzt an euer Anführer sein und damit basta!“
Knolle betrachtete die unterschiedlichen Kürbisse eingehend und fragte den grünen mit dem langen gebogenen Hals wie er heiße.
„Schwanenhals werde ich gerufen“, antwortete er stolz.
„Da haben wir es doch, bei euch in der Familie heißt jeder anders und
warum dürfen meine Verwandten keine eigenen Namen bekommen?“ Knolle
schmollte. Sie drehte sich wieder zu Kerwes um und fragte: „Was meinst
du damit: Sie werden im Kochtopf landen? Kannst du mir das erklären?“
Kerwes schaukelte leicht hin und her. „Vorhin stand ich bei der Bäuerin
auf dem Tisch. Sie schärfte gerade ihr großes Messer und wollte mich
zerlegen, plötzlich klingelte es. Sie redete mit der Wand und sagte
immer, ja, gut. Dann kam ihr Mann in die Küche und sie erzählte ihm,
dass der Pfarrer gerade angerufen hätte und er bräuchte für das
Erntedankfest einen großen Kürbis. Der Bauer hob mich vom Tisch und
trug mich in die Scheune zurück. Die Bäuerin rief ihm hinterher, dass
er Kartoffeln für die Suppe mitbringen soll. Knolle, falls der Bauer
hier auftaucht, dann sei klug und verstecke dich, sonst geht es dir an
die Schale.“
Unermüdlich ging das Gerangel in der Kartoffelkiste weiter, jeder
wollte oben liegen. Der Bauer kam in die Scheune zurück und packte mit
seinen großen Händen die oberen Kartoffeln und legte sie in einen
Weidenkorb, dann trug er sie fort.
Etwas traurig fragte Knolle: „Wohin geht der Bauer mit meiner Familie?“
Kerwes wusste darauf auch keine Antwort. Schweigend standen sie beieinander und warteten darauf, auch abgeholt zu werden.
Nach einer Weile näherten sich schnelle Schritte, der Bauer erschien
mit einem schwarz gekleideten Mann. Beide blieben vor den Kürbissen
stehen. Herr Friedrich zeigte mit dem Finger auf Kerwes. „Den habe ich
für Sie ausgesucht, Hochwürden. Ist der in Ordnung?“
Der Mann lächelte zufrieden. „Das ist ja ein Prachtbursche, Herr
Friedrich. Ja, der macht sich bestimmt gut neben dem Altar zum
Erntedankgottesdienst. Ach, bitte packen Sie mir noch einige schöne
Zierkürbisse und ein paar rotbäckige Äpfel ein. Was könnte ich denn
noch als Dekoration nehmen?“ Der Pfarrer drehte sich suchend in der
Scheune um.
„Wie wäre es mit gebundenen Kornähren oder Möhren?“, fragte der Bauer.
Der Pfarrer nickte nachdenklich und sein Blick fiel auf die
Kartoffelkiste. „Bitte legen Sie mir noch einige Kartoffeln von der
festkochenden Charlotte dazu.“
Der Bauer packte alle Sachen in einen großen Karton und als er Kerwes
hoch hob, entdeckte er Knolle dahinter. Er bückte sich und flüsterte:
„Bist wohl vorhin daneben gefallen, na, dann komm her, du darfst auch
noch mit.“ Er verstaute die Einkäufe des Pfarrers im Kofferraum und
knallte den Deckel zu.
Kerwes begann zu winseln: „Es ist hier drinnen so dunkel, ich will wieder zurück in die Scheune.“
„Du brauchst keine Angst zu haben, ich bin ja bei dir, Kerwes. Siehst
du, so fühlte ich mich die ganze Zeit, als ich noch in der Erde
eingebuddelt war. Hier drinnen hilft es dir auch nichts Augen zu haben.
Wenn du möchtest, dann darfst du dich an mich lehnen. Hoffentlich hört
das blöde Geschaukel und Gebrumme bald auf, mir wird ganz komisch
davon.“
Kerwes rückte ganz eng an seine Freundin Knolle und fühlte sich gleich ein bisschen wohler.
„Verzeih mir, Knolle, ich habe dir vorhin unrecht getan. Wir standen
immer draußen auf dem Feld und konnten alles beobachten. Ich konnte mir
nicht vorstellen, wie furchtbar es für dich sein musste, nichts sehen
zu können.“
Knolle schwieg und merkte, dass das Schaukeln aufhörte. Über ihnen
öffnete sich der Deckel und es wurde wieder hell. Der Pfarrer hob den
Karton heraus und stellte ihn am Altar ab.
Vor lauter Angst kniff Kerwes seine Augen zu. Als sie wieder alleine
waren, blinzelte Knolle in die Runde und sagte: „Oh, wow, das musst du
sehen. Hey, mache endlich deine Augen auf. Ich glaube, wir sind im
Paradies. Sieh nur die schönen bunten Fenster und die vielen
strahlenden Kronleuchter über uns. Oh je, da hängt ein Mann am Kreuz.
Er sieht ganz traurig aus und beobachtet uns.“
Kerwes und Knolle fuhren zusammen, als die Kirchglocke über ihnen zu
läuten begann. Nach und nach füllte sich die Kirche und die Orgel
begann leise zu spielen. Die Gäste bestaunten den reich gedeckten
Gabentisch.
Dann wurde es ganz still. Der Pfarrer betete. Er dankte Gott für die ertragreiche Ernte. Danach sang die Gemeinde ein
Dankeslied und die riesige Orgel spielte diesmal ganz laut dazu.
Kerwes und Knolle fühlten sich über so viel Aufmerksamkeit geehrt. Nie
wieder wollten sie in die dunkle alte Scheune zurück. Aber was war denn
das? Plötzlich standen die Leute auf, drehten sich um und verließen die
Kirche. Nur der kahlköpfige Holzschnitzer Petermann saß noch in der
ersten Reihe und wartete auf den Pfarrer.
„Hochwürden“, sagte er, „soll ich dieses Jahr wieder ein schönes Gesicht in den Kürbis schnitzen?“
„Warum nicht, letztes Jahr kam das gut bei den Leuten an.“
Herr Petermann ging an den Gabentisch und wollte Kerwes holen, doch
Knolle hielt sich an ihrem Freund ganz fest. Nie wieder wollte sie ohne
ihn sein.
„Das ist ja komisch, Herr Pfarrer, die Kartoffel hängt wie angeklebt am Kürbis. Soll ich sie abreißen?“
Der Pfarrer schüttelte seinen Kopf. „Nein, Herr Petermann, was Gott zusammengefügt hat, das soll man nicht trennen.“
Der Holzschnitzer nahm die beiden mit nach Hause und stellte sie auf
den Tisch. Er setzte sein scharfes Messer an und versuchte Kerwes einen
Mund zu schnitzen. „Auaaatsch“, schrie er auf, „bist du verrückt
geworden?“
Herrn Petermann fiel vor lauter Schrecken das Messer aus der Hand.
„Kannst du etwa sprechen? Nein, so etwas gibt es doch nicht!“ Ungläubig
starrte er auf den Kürbis.
„Ich wollte, ich wollte...“, stotterte er, „dir ein schönes Gesicht
machen und dich dann beleuchtet auf die Stufen der Kirche stellen, aber
das hat sich wohl erledigt.“
„Beleuchtet hört sich gut an“, meinte Knolle, „bekomme ich auch so eine schöne Kerze wie die, die vorhin auf dem Altar stand?“
„Du bist doch viel zu klein, wie soll ich eine Kerze in dich hinein stellen?“
Knolle wackelte mit ihrer Nase. „Ist mir egal! Hauptsache ich leuchte!“
Herr Petermann drehte und wendete die beiden, dann sagte er: „Ich
glaube, ich habe es.“ Er kramte in einer Schublade herum und kam mit
einer winzigen Geburtstagskerze zurück. „Darf ich euch jetzt
modellieren? Es tut auch kaum weh.“
Herr Petermann war ganz vorsichtig und als er fertig war, stellte er
noch am selben Abend Kerwes und Knolle auf die Stufen der Kirche.
Einige Fußgänger blieben stehen und lachten, andere machten Witze und sagten: "Die beiden sehen wie Latsch und Bommel aus."
Das war Kerwes und Knolle egal, Hauptsache, sie konnten
zusammenbleiben. Knolles Kerze brannte zuerst herunter und sie begann
an diesem kühlen Herbstabend zu frieren. „Mein Bauch wird so kühl“,
wimmerte sie, „Kerwes, gibst du mir ein bisschen von deinem Licht ab?“
„Wenn ich wüsste wie, dann würde ich es tun.“ Kerwes legte seinen Arm schützend um seine kleine Freundin.
Dankbar guckte Knolle den warmen Kürbis an und flüsterte: „Danke, dass
du mich vor dem Kochtopf gerettet hast. Hier draußen ist es viel
schöner mit dir.“
Kerwes sah hoch in den sternenklaren Himmel und seufzte. „Weißt du,
vorhin habe ich dir nicht erzählt, dass ich auch im Kochtopf landen
sollte. Zum Glück hatten unsere Schutzengel etwas Besseres mit uns vor.“
(c) Marena Stumpf
Marena Stumpf 20.10.2007, 17.53 | (2/0) Kommentare (RSS) | PL
Die hochnäsige Sonnenblume
Opa Julius verbrachte seine Freizeit am liebsten im Garten. Er genoss, fernab vom Straßenlärm, die Ruhe in der Laubenkolonie. Oft verweilte er an dem weißen Sommerflieder und beobachtete die Schmetterlinge, wie sie langsam ihre bunten Flügel öffneten und schlossen.
Liebevoll kümmerte sich der alte Mann um seine Rosen, die er vor vielen Jahren pflanzte. Er gab ihnen eigene Namen und sprach liebevoll zu ihnen. „Königin Victoria, prächtig hast du dich vom Winter erholt“, zärtlich streichelte er über ihre roten Blüten. Er beugte sich vor und atmete tief den Duft der gelben Prinzessin Madeleine ein. „Meine treuen Freunde, dieses Jahr habt ihr euch mit eurer Schönheit wieder selber übertroffen“, lobte er seine Schützlinge. Er ging ein Stückchen weiter und sprach mit den Lilien am Wegrand: „Recht so, stellt eure lila-gelben Schwerter hoch und passt auf, dass sich alle Blumen vertragen!“
Rank und schlank stand die rosafarbene Stockrose neben dem dunkelblauen Rittersporn. „Um euch brauche ich mir keine Sorgen machen, ihr seid immer zuverlässig und kehrt jedes Jahr wieder zurück. Röschen, wenn etwas ungewöhnliches im Garten passiert, dann läute deine zarten Glöckchen und ich bin sofort zur Stelle.“
Zufrieden nickte Julius, er war glücklich, dass alles so schön in seinem kleinen Reich blühte. Sobald er etwas Unkraut entdeckte, bückte er sich und zupfte es aus der aufgelockerten Erde.
Etwas besorgt ging er zur Sonnenblume, die ihm bereits über den Kopf gewachsen war. Ihr Gesicht hatte sie der Sonne zugewandt. Julius nahm seinen durchlöcherten Strohhut ab und kratze sich am Kopf. „Ach, du meine Güte, wenn du weiter so wächst, dann stößt du bald am Himmel an. Ich denke, heute nach meinem Mittagsnickerchen werde ich dir einen Besenstil zur Stütze hinstellen, sonst kippst du noch um.“ Der alte Mann gähnte und zog sich in seine Laube zurück.
Bisher fühlten sich alle Blumen in Julius Garten wohl. Das änderte sich, als die Sonnenblume eines Tages immer größer wurde und fast zwei Meter maß. Mit ihren gelben Blütenblättern ähnelte sie der Sonne und das wusste sie auch. Es dauerte nicht lange und sie wurde immer hochnäsiger. Sie war sich sehr wohl ihrer Schönheit bewusst. Geringschätzig sah sie auf die anderen Blumen herab. Ja, sie legte sich sogar mit der Königin der Rosen an. „Tu bloß nicht so erhaben, du hast Dornen, keiner will dich pflücken und in die Vase stellen. Ich bin die Schönste und der Sonne gleich“, prahlte sie und wiegte sich sanft im Wind hin und her.
„Du langes Elend, passe nur auf, dass du nicht bald aus den Latschen kippst, wackelst herum wie ein Lämmerschwanz!“, pieksten die Rosen zurück. „Bald picken die Vögel in deinem Gesicht herum und noch bevor der Sommer zu Ende ist, siehst du zerlöchert und hässlich aus. Wenn du die Wahrheit vertragen kannst, dann schaue zu uns hinunter, wie sich die Bienen und Schmetterlinge an unseren wundervollen Blütenkelchen erlaben. Unser herrlicher Duft strömt weit über den Gartenzaun hinaus und lockt die Spaziergänger an. Sie recken ihre Hälse und bewundern unsere Farbenpracht aus der Ferne. Julius verehrt und liebt uns, es vergeht kein Tag an dem er uns nicht liebevoll über die Blütenköpfe streichelt.“
Die Sonnenblume hatte genug von den Sticheleien der Rosen und legte sich mit den ruhigen Ringelblumen an. Sie musste einfach ihren Ärger los werden und verhöhnte die kleinen orangefarbenen Blumen. „Ihr verkrüppelten Zwerge, ihr seid es nicht Wert gegossen zu werden. Schade um jeden Tropfen Wasser“,
Die Ringelblumen wurden ganz traurig. Wortlos verschlossen ihre Blüten und schwiegen beleidigt.
Über so viel Gehässigkeiten schüttelten der Rittersporn und die Stockrose ihre Köpfe. „Gebt endlich Ruhe da drüben“, riefen sie den Streitsüchtigen zu. „Ihr traut euch doch nur zu meckern, wenn Julius und die Blumen-Fee Ignolia nicht in der Nähe sind. „ Wir leben hier wie im Paradies, guckt euch nur den verwilderten Nachbargarten an. Der Brombeerbusch macht sich so dick, dass die Kaiserkrone kaum noch Platz hat. Hört ihr ein böses Wort von drüben?“
„Ihr habt mir gar nichts zu sagen!“, antwortete die Sonnenblume schnippisch und warf einen geringschätzigen Blick auf das Nachbarbeet, dabei rümpfte sie ihre braune Nase.
Nun wurde es der Stockrose zu bunt und sie läutete aufgeregt ihre rosa Glöckchen. Sie wollte Julius zu Hilfe holen, doch er schlief tief und fest.
Den Streit bekamen auch die Bienen und die Schmetterlinge mit. Sie wussten, dass die Blumen-Fee alle gleich lieb hatte. Wenn sie doch nur hören könnte, wie hässlich sich die Sonnenblume benahm, dann hätte es sicherlich ein Donnerwetter gegeben. Auf gar keinen Fall hätte Ignolia das geduldet, da waren sich alle einig.
Gefährlich ballten sich die Wolken am dunklen Himmel zusammen und ein schweres Gewitter zog auf. Es blitzte und donnerte. Dicke Regentropfen prasselten auf die Sonnenblume und ihr nasser Kopf senkte sich immer weiter nach unten. „Hiiilfe, wo bleibt meine Stütze, Julius? Ich kann meinen Kopf nicht länger hoch halten. Hiiilfe!“, schrie sie entsetzt. Eine Sturmbö erfasste ihren langen, grünen Stängel und knickte ihn wie ein Streichholz ab.
So schnell das Unwetter kam, war es auch wieder verschwunden. Es dauerte nicht lange und die Sonne brach durch die Wolken. Schnell erholten sich die Blumen von dem Schrecken. Sie schüttelten die Regentropfen von ihren Blüten und entdeckten neben sich, in einer Pfütze, die abgebrochene Sonnenblume. Über und über war ihr schönes Gesicht mit Matsch bedeckt.
„Das geschieht ihr Recht“, pieksten die Rosen gleich wieder weiter. „Sie hat ihre gerechte Strafe für ihren Hochmut bekommen!“
Erst am Nachmittag wachte Julius auf und war überrascht, dass es geregnet hatte. Er drehte seine Runde durch die Blumenbeete und entdeckte die abgebrochene Sonnenblume. Etwas nachdenklich hob Julius sie auf und entfernte vorsichtig die nasse Erde aus ihrem Gesicht. „Ja, ja, meine Liebe, wer hoch hinaus will, kommt schnell zu Fall!“, murmelte er und legte sie zum trocknen auf den wurmstichigen Holztisch, der vor der Laube stand. Mit seinem Zeigefinger pulte er in ihrem Gesicht herum und sagte leise: „Sunny, die Vögel werden sich deine reifen Sonnenblumenkerne holen und was noch übrig bleibt, pflanze ich im nächsten Frühjahr wieder ein. Hoffentlich wachsen mir deine Nachkommen nicht auch über den Kopf, so wie du“, dabei zwinkerte ihr Julius geheimnisvoll zu.
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Marena Stumpf 27.05.2007, 17.43 | (0/0) Kommentare | PL
Die kluge Raupe
Eine kleine, gelbbrüstige Meise flog vergnügt durch einen Park. Auf einem Blatt entdeckte sie eine kriechende Raupe.
"Die kommt mir gerade recht", dachte sie und steuerte zielstrebig den Leckerbissen an. Nur um Haaresbreite verfehlte sie das Blatt und landete auf einem Zweig. Die kleine Raupe bangte um ihr Leben und sagte mit zartem Stimmchen: „Du hast wohl eine Meise, mich so zu erschrecken!“
Überrascht schaute die Meise sie an: „Nicht einmal richtig sprechen kannst du dummes Ding, das heißt – du bist wohl eine Meise.“
„Nein! Du hast wohl eine Meise“, wiederholte die Raupe. “Weißt du überhaupt wen du vor dir hast?“
„Ja, ja“, zwitscherte das Vögelchen, „ich rede mit meinem Abendbrot.“
Die kesse Raupe versuchte Zeit zu gewinnen. „Du wirst es nicht glauben, aber ich bin schon fast ein Schmetterling. Du musst noch ein wenig Geduld mit mir haben. Die Sache ist nämlich so: Meine Schmetterlingsmutter hat mich als Ei abgelegt, nach einiger Zeit bin ich geschlüpft und als Raupe zur Welt gekommen. Jetzt fresse ich ganz viele Blätter, damit ich schnell größer werde. Wenn ich weiter wachse, streife ich öfter meine zu eng gewordene Haut ab.“
„Und wozu soll das alles gut sein?“, fragte die Meise ungeduldig, dabei lief ihr schon das Wasser im Schnabel zusammen.
Die Raupe plapperte unbeirrt weiter und hoffte, dass die Meise irgendwann müde wurde und sie verschonte. „Ich suche mir einen ruhigen Ort, hefte mich an einen Stängel, dann wird meine Haut ganz fest.“
„Ach komm schon, du willst mich doch nur hinhalten“, schilpte die Meise ungehalten.
„Es geht noch weiter Vöglein, da wirst du bestimmt staunen! Ich verwandele mich in eine Puppe und nach zwei Wochen platzt mein Kokon auf.“
Die Raupe holte noch einmal tief Luft und setzte ihre Geschichte fort: „Aber, das Beste kommt jetzt − ich klettere heraus und entfalte vorsichtig meine bunten Flügel.“
„So eine dumme Geschichte habe ich noch nie gehört“, schrie die Meise. „Pah, eine Raupe die Flügel bekommt, da kann ich nur zwitschern!“
„Warte es nur ab, als Schmetterling kann ich mit dir um die Wette fliegen und wir werden sehen, wer von uns beiden schneller ist.“
Die Meise schaute die kleine Raupe nachdenklich an. „Also gut, ich gebe dir etwas Zeit, aber wenn du mich angeschwindelt hast, dann fresse ich dich später. Von jetzt an werde ich dich im Auge behalten!“
Die kleine Meise breitete ihre Flügel aus, schüttelte noch einmal zweifelnd ihr schwarzes Köpfchen und flog davon.
(c) Marena Stumpf
Marena Stumpf 22.04.2007, 13.24 | (1/0) Kommentare (RSS) | PL
Ei, ei, ei, was schlüpft denn da
An einem ruhigen See, gleich hinter dem dichten Schilf, brütete die Stockente ihre elf grünlich-grauen Eier aus. Geduldig saß sie auf ihrem weich gepolsterten Nest und wartete darauf, dass ihre Küken schlüpften. Gelangweilt beobachtete sie die Umgebung und entdeckte auf einem Seerosenblatt einen Frosch, der regungslos ins Wasser starrte. „Hey, was machst du da – gibt es etwas Besonderes zu sehen?“, rief sie ihm neugierig zu.
Etwas verwundert drehte sich der grüne Frosch um und sah die braun-weiß gestreifte Ente an. Er blähte seinen Hals auf und quakte: „Tagchen, vor knapp siebzig Tagen habe ich meinen Laich im See abgelegt. Täglich gucke ich nach, was mein Nachwuchs macht.“
Die Ente klapperte mit ihrem gelben Schnabel und schnatterte: „Warum braucht dein Nachwuchs so lange? Du bist doch viel kleiner als ich, und was bitteschön ist Laich?“
Kopfüber sprang der Frosch vom seinem Blatt und ist mit kräftigen Stößen an Land geschwommen. „Quak, quak, das sind ganz viele winzige Froscheier, die ich im Wasser abgelegt habe. Zuerst ist der Laichklumpen bis auf den Grund vom See gesunken, nach ein paar Tagen quoll das Wasser die glibberigen Eier auf und sie stiegen an die Wasseroberfläche. Etwas ängstlich schlüpften die Larven und hielten sich an ihren klebrigen Hüllen fest. Zwei Wochen später verwandelten sich die scheuen Larven in Kaulquappen. Ich machte mir große Sorgen, weil sie Kiemen und Ruderschwänze hatten. Flink wie kleine Fische schwammen sie durch das Wasser. Sie sahen überhaupt nicht wie meine Kinder aus.“
Mit ihren runden braunen Augen sah die Ente den Frosch fragend an. „Schnatt, schnatt, willst du mir sagen, wenn deine Jungen geboren werden, dass sie noch keine richtigen Frösche sind?“
Der grüne Frosch hüpfte auf dem Gras noch ein bisschen näher zur Ente, damit er nicht so laut quaken musste. „Es ist ähnlich wie bei dir, Stockente, du legst ja auch erst deine Eier und brütest sie dann aus. Quak, quak, aber lasse mich weiter erzählen: In der Tat, bis die Kaulquappen zu richtigen Fröschen werden, dauert es sehr lange. Von Woche zu Woche veränderten sie ihr Aussehen, ständig waren sie hungrig und knabberten Algen und Wasserpflanzen an. Langsam bildeten sich ihre Kiemen und Ruderschwänze zurück. Nach fünf Wochen wuchsen an ihren pummeligen Körperchen kräftige Hinterbeine. Weißt du, die sind ganz wichtig, damit sie sich später an Land bewegen können. Immer öfter sah ich die Kaulquappen an der Wasseroberfläche nach Luft schnappen. Endlich begannen ihre Lungen zu arbeiten. Zum Glück veränderte sich auch ihre Kopfform und sie wurden mir immer ähnlicher. Ich habe mich richtig gefreut, als ich das sah. Ihre Vorderbeine müssen noch ein bisschen wachsen und kräftiger werden. Ich denke, in ein paar Tagen kommen sie ans Ufer gehüpft und du kannst meine Jungen aus der Nähe betrachten. Sage mal, Stockente, wie lange wird es bei dir noch dauern, bis deine Küken ihre Eier verlassen?“
Unruhig begann der Frosch seine Augen in alle Richtungen zu bewegen. Als eine Mücke genau vor sein breites Maul flog, streckte er, schwuppdi-wuppdi, seine klebrige Zunge heraus und schluckte das summende Insekt herunter.
Die Stockente stellte sich auf ihre orangefarbenen Watschelbeine und schüttelte kräftig ihr Gefieder, danach hockte sie sich wieder auf ihr Nest. „Ach, ich brüte auch schon sechsundzwanzig Tage. Vom vielen sitzen sind meine Glieder ganz steif geworden. Jetzt! Jetzt ist es soweit! Ich kann die Küken piepsen hören und sie picken kräftig von innen an ihren Schalen. Upps!“, schnatterte sie plötzlich ganz aufgeregt und unter ihrer Brust schaute neugierig ein kleines gelbliches Köpfchen hervor. Das Küken drängelte und strampelte so lange, bis es mit seinem flauschigen schwarz-braunen Körper vor seiner Mutter stand. „Schnatt, schnatt, schnatt, wo willst du denn so schnell hin, mein Kleines? Warte bis deine restlichen Geschwister geschlüpft sind, dann können wir einen Ausflug machen!“ Ganz vorsichtig schob die Stockente das Küken wieder unter ihren Flügel. „Danke, Frosch, dass du mir ein bisschen Gesellschaft geleistet hast. Du siehst ja selber, im Augenblick habe ich keine Zeit mehr mit dir zu plaudern. Jetzt muss ich mich erst einmal um meinen Nachwuchs kümmern.“
(c) Marena Stumpf
Marena Stumpf 19.04.2007, 15.28 | (0/0) Kommentare | PL
Ignatz und Mariken
Auf den ersten Blick schien alles im Gewächshaus der Gärtnerei ruhig zu sein, doch wenn man genauer hinsah, stimmte das überhaupt nicht. Kein Windchen wehte und trotzdem wackelten die Blätter der Topfpflanzen hin und her. Ab und zu war ein ganz leises summen zu hören das kurz darauf wieder verstummte.
Hinten in der Ecke begann sich das aufgetürmte Laub zu bewegen. Neugierig flog Mariken, das rot-schwarz gepunktete Marienkäfermädchen, zu dem Haufen herüber und wollte nachsehen was dort raschelte. Zu ihrer großen Überraschung sah sie, wie sich unter den vertrockneten Blättern etwas glänzendes mit zwei Löchern heraus wühlte. Sie bekam Herzklopfen und konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen was das sein konnte. Sie schwebte auf der Stelle, summte dabei ganz leise und starrte gebannt unter sich. Plötzlich schälten sich zwei dunkelbraune Knopfaugen und ein ganz stacheliger Körper aus dem Blätterhaufen heraus. Noch etwas schlaftrunken blieb der ungebetene Gast einen Moment blinzelnd in der Sonne sitzen, bis ihm ein lautes Hatschi entfleuchte.
„Gesundheit“, sagte Mariken, die gut erzogen war.
Das braun-weiß stachelige Ding schaute sich scheu nach allen Seiten um. „Danke“, antwortete er und fragte kess, „und wo ist mein Essen?“ doch er sah keinen der mit ihm sprach.
„Hallo, hier oben bin ich“, rief sie ihm zu.
So sehr sich der stachelige Geselle auch bemühte, er konnte niemanden entdecken.
Nachdem Mariken sich wieder beruhigt hatte flog sie ein Stückchen näher an das unbekannte Wesen heran. Vergeblich versuchte er das lästige Insekt mit seinen Greiffingern zu verscheuchen.
Mariken ließ sich nicht so leicht einschüchtern. Endlich geschah mal etwas aufregendes im Gewächshaus und sie wollte unbedingt wissen, was dieser Eindringling hier zu suchen hatte.
„Also, wer bist du und was machst du hier?“ herrschte sie den Fremden an.
Gelangweilt gähnte das Tierchen und antwortete: „Ich bin Ignatz, der Igel, und ich habe hier überwintert. Der Gärtner war so freundlich und gab mir hier im Gewächshaus ein Plätzchen, damit ich draußen in der Kälte nicht erfrieren musste. Hast du vielleicht mein Tellerchen mit dem Futter gesehen? Bevor ich einschlief stand es noch hier!“
Ignatz störte die ständige Summerei vor seiner Nase und er fuchtelte wild mit seinen Vorderpfoten vor seinem Gesicht herum.
Vorsichtshalber breitete das Marienkäfermädchen ihre Flügel aus und hob ab. Sie schwebte mit etwas Abstand nun über seinem Kopf. Anstandshalber stellte sie sich vor. „Ich werde von meiner Familie Mariken gerufen, wir wohnen auch hier und helfen dem Gärtner die kranken Pflanzen gesund pflegen.“
Ignatz knurrte der Magen, ihm war so ziemlich alles egal was Mariken zu erzählen hatte. „Wo zum Kuckuck blieb nur der Gärtner mit dem Essen“, dachte er, und dann fiel ihm wieder ein, wie er sich den letzten Sommer mit Mäusen, Schnecken, Asseln, Regenwürmern, Kröten, Käfern und Spinnen den Bauch voll geschlagen hatte. Tja, und dann passierte das furchtbare Unglück als er dick und rund im Maschendrahtzaun stecken blieb. Er versuchte sich zu befreien und zappelte dabei so heftig, dass er sich zu allem Überfluss an der Hinterpfote verletzte. Herr Fink fand ihn hinten im Garten und half ihm aus der Drahtfalle heraus. Er pflegte Ignatz und stellte ihm täglich frisches Katzenfutter und sauberes Wasser hin. Letztendlich tat ihm das verletzte Tier so leid, dass er für den Igel ein schönes Laubhaus aus Moos, Gestrüpp und vielen trockenen Blättern baute. Bei Kälteeinbruch wurde Ignatz ganz müde und er hielt bis heute seinen Winterschlaf.
Hm, was hatte das alles zu bedeuten, musste er jetzt etwa wieder selber mit leerem Bauch auf die Jagd gehen? Nein, das wollte ihm gar nicht gefallen. Vielleicht sollte er Mariken fangen und sie zum Frühstück verspeisen? Schnell überlegte er es sich anders, denn von einem Insekt wurde man wirklich nicht satt. Warum ließ er sich nicht lieber von Mariken die ganze Familie zeigen und so konnte er sie dann alle auf einen Schlag fressen. Irgendwie musste Ignatz herausfinden wo sich alle versteckten und er fragte sie hinterlistig: „Ja, wo ist denn deine liebe Familie, ich kann gar keinen entdecken. Oder bist du doch alleine hier?“ Immer noch hungrig schnüffelte er ruhelos in jeder Ecke herum. Mit Abstand folgte Mariken ihm, die immer noch sehr gesprächig war.
„Die sitzen alle unter den Pflanzenblättern und fressen die Blattläuse ab.“
Erstaunt schaute Ignatz nach oben und entdeckte tatsächlich unter den Blättern jede Menge dicker Marienkäfer.
„Och, jo“, sagte er hinterhältig und grinste dabei. „Da muss ich doch glatt auf den Tisch klettern und die mir Mal aus der Nähe ansehen.“
Mariken wurde ein bisschen misstrauisch und versuchte ihn abzulenken. „Das ist viel zu hoch für dich, Ignatz. Lasse es lieber sein. Meine Familie ist hier zum arbeiten, also halte sie nicht davon ab!“
Mühsam kletterte Ignatz an einem eckigen Tischbein hoch. Er schnupperte an einem Pflanzenstängel und leckte den klebrigen Honigtau ab, den die Blattläuse hinterließen. Angestrengt dachte er nach, wie er sie alle auf einmal erwischen konnte ohne dass sie ihm davon flogen.
„Mariken, komme doch bitte zu mir und erkläre mir, was deine Familie hier macht. Irgendwie seht ihr alle gleich aus. Kann ich mir mal deine Familie ganz aus der Nähe ansehen?“
Mariken wurde die ganze Sache immer unheimlicher. Ignatz rückte ihr nun doch zu sehr auf die Pelle. „Hast du nicht Lust uns zu helfen? Die Blattläuse stechen mit ihren Rüsseln die Pflanzen an und saugen den ganzen Saft aus. Wie du hier oben siehst, rollen sich die grünen Blätter zusammen, sie werden braun und sterben dann ab. An einem Tag fressen wir Sieben-Punkt Marienkäfer so zwischen dreißig bis neunzig Larven. Glaube mir, am Abend sind wir pappsatt. Willst du mal dein Glück versuchen?“
Nein, in die Nase wollte er sich bestimmt nicht stechen lassen. Mit solchem Kinderkram gab er sich nicht ab. Gerade als Ignatz mit seinem Pfötchen ausholte und einige Marienkäfer fangen wollte, öffnete sich die Tür zum Gewächshaus und der Gärtner trat ein. Er warf einen kurzen Blick über die verlausten Pflanzen und stellte zufrieden fest, dass die fleißigen Marienkäfer schon eine Menge Schädlinge abgefressen hatten. Ignatz musste schon wieder niesen und so entdeckte ihn der Gärtner mitten auf dem Tisch.
„Hast du endlich ausgeschlafen, du Schlawiner? Geht es deinem Pfötchen wieder besser? Na ja, wer schon wieder auf den Tisch klettern kann, der muss wohl bei bester Gesundheit sein. Gerade wollte ich dich wecken kommen, draußen beginnt der Frühling und es wird wieder warm.“ Der Gärtner hob den Igel vorsichtig hoch, doch Ignatz erschreckte sich und rollte sich ganz schnell zu einer stacheligen Kugel zusammen.
„Na, na, wer wird denn gleich so borstig sein? Schau her, was ich dir leckeres mitgebracht habe…“, und Herr Fink stellte dem Igel einen Teller mit Katzenfutter hin.
An den leckeren Geruch des Futters konnte sich Ignatz noch lebhaft erinnern und er wusste auch, dass der Gärtner es gut mit ihm meinte. Vor lauter Hunger meldete sich sein knurrender Magen wieder und er vergaß sogar seine anfängliche Angst darüber. Langsam entrollte sich Ignatz und tippelte mit kleinen flinken Schritten zum gefüllten Unterteller. Ratzefatz fraß er das Futter auf. Als er fertig war, leckte er sich genüsslich mit seiner kleinen Zunge das Mäulchen ab. Schnell waren seine dummen Gedanken, die Marienkäfer zu fressen, verflogen.
Mariken war froh als der Gärtner den aufdringlichen Igel vom Tisch hob und ihn wieder unten auf den Laubhaufen setzte. Erleichtert flog sie noch eine Runde durch das Gewächshaus und landete dann sicher auf einem Pflanzenblatt, wo sie sofort wieder mit dem Abfressen der Blattläuse begann.
(c) Marena Stumpf
Marena Stumpf 06.04.2007, 07.49 | (0/0) Kommentare | PL
Der Eichhörnchen-Kindergarten
Waghalsig tobten Wuschel und Puschel in der Baumkrone herum. Frau Eichhorn blieb vor Angst fast das Herz stehen. „Tjuk, tjuk, tjuk“, rief sie und trommelte dabei mit ihren Vorderpfoten gegen den Baumstamm. „Genug jetzt Kinder, heute ist euer erster Eichhörnchen-Kindergartentag, kommt vom Baum herunter und setzt euch zu uns auf die Wiese. Wir wollen anfangen!“ Zur Begrüßung schenkte sie jedem Eichhörnchen eine Haselnuss.
Kuschel mochte die Kindergärtnerin und setzte sich ganz dicht zu ihr. Er wollte alles über Eichhörnchen lernen und nicht so wild herumtollen, wie seine Brüder.
„Hat denn jemand eine Frage?“, wollte Frau Eichhorn von ihren Schützlingen wissen.
Die rothaarige Wally meldete sich: „Wachsen wir Eichhörnchen auf dem Baum oder woher kommen wir?“
Frau Eichhorn schüttelte ihren Kopf und streichelte sich mit ihren Fingern über ihr weißes Brustfell. „Nein, Wally, eure Muttis haben euch ausgetragen. Ihr seid ganz winzig, nackt und blind in einem kuscheligen, warmen Nest zur Welt gekommen.“
„Genau – und dann haben wir ganz viele Nüsse gegessen, das weiß ich noch ganz genau, denn ich habe meiner Mutter immer die Vorräte stibitzt“, sagte Wuschel etwas vorlaut.
Kuschel sah Frau Eichhorn etwas verlegen an. „Ich glaube, unsere Mutter hat uns gestillt und erst später, als wir drei Monate alt waren, konnten wir Nüsse knabbern.“
„Du hast gut aufgepasst Kuschel! Zur Belohnung bekommst du ein paar Beeren von mir geschenkt“, lobte ihn Frau Eichhorn.
Wuschel zog Puschel an seinem roten, buschigen Schwanz. Er schrie: „Autsch! Lass´ das, das tut doch weh! Soll ich mal bei dir ziehen, damit du siehst wie schlimm das ist?“, schimpfte Puschel mit seinem übermütigen Bruder.
Frau Eichhorn versuchte die Situation zu retten und fragte: „Wer weiß denn, warum eure buschigen Schwänze so lang sind?“
Naseweiß antwortete Wuschel: „Damit ich Puschel besser dran ziehen kann!“
Jetzt musste auch Frau Eichhorn über die Jungen lachen. „Nein, eure Schwänze dienen als Ruder, ihr könnt euren weiten Sprung damit viel besser steuern und landet genau dort, wo ihr hin wollt.“
Puschel und Wuschel jagten sich schon wieder. „Also, gut ihr Zwei“, sagte die Kindergärtnerin, „zeigt uns bitte einmal wie ein richtiges Eichhörnchen läuft.“
Übermütig tollten die beiden über die Wiese, und schlugen Purzelbäume.
„Nein, nein, doch nicht so! Setzt euch bitte wieder hin, Kinder. Ich mache es euch vor!“
Frau Eichhorn lief ein paar Schrittchen, auf allen Vieren, und richtete sich wieder auf. Sie tat so, als ob sie nach Gefahr Ausschau hielt, dann rannte sie wieder ein kleines Stückchen weiter, hielt erneut Ausschau und guckte sich nach allen Seiten um.
„Und, wozu soll das gut sein?“, fragte Wuschel trotzig. „Ich kann so schnell rennen, wie ich will.“
„Wenn ihr euch umdreht, dann beobachtet ihr kurz die Umgebung“, versuchte Frau Eichhorn zu erklären. „Solltet ihr wirklich in Not geraten, dann könntet ihr euch noch rechtzeitig verstecken. So wie Wuschel durch die Gegend saust, merkt er überhaupt nicht, wenn über ihm ein Greifvogel kreist, und ihm ans Fell will.“
„Siehst du, Wuschel, das hat uns die Mutter auch schon erklärt“, antwortete Puschel und drehte sich beim Laufen etwas ängstlich um.
Frau Eichhorn rannte hinüber zu einem Baum und winkte die Kleinen zu sich.
„Vorhin hatte ich lauter leckere Sachen versteckt. Wo würde ein Eichhörnchen zuerst suchen? Was meint ihr wohl?“, fragte sie die Kleinen.
Neugierig flitzten Wuschel und Hazel den Baumstamm hoch. Hazel rief zuerst: „Ich habe ein Nest mit Beeren in der Astgabel gefunden!“ Gleich darauf meldete sich Wuschel: „Oh, wie lecker! Ich habe Samen in der Baumhöhle entdeckt, darf ich die futtern?“
Kuschel blieb lieber in der Nähe von Frau Eichhorn und suchte die Baumwurzeln ab. Stolz hielt er ein paar Haselnüsse in seinen roten Händchen. Auch Puschel ist im Erdloch fündig geworden und knabberte zufrieden an seinen Wallnüssen. Mit vollem Mäulchen fragte er: „Frau Eichhorn, ist es schlimm, wenn ich vergesse wo ich meinen Vorrat eingebuddelt habe?“
„Aber nein Puschel, mit etwas Glück keimt der Samen in der Erde, und nächstes Jahr wächst ein neues Bäumchen oder ein kleiner Haselnussstrauch daraus. Jetzt ist es aber Zeit für euren Mittagsschlaf. Eure Muttis warten schon hinter der Hecke auf euch. Bis morgen, Kinder!“
(c) Marena Stumpf
Marena Stumpf 06.04.2007, 07.11 | (0/0) Kommentare | PL
Das traurige Stinktier
Ein kleines schwarz-weißes Stinktier saß vor seinem Erdbau und weinte herzerweichend: „Keiner hat mich lieb!“
Ein farbenprächtiger Pfau schritt hoch erhobenen Hauptes des Weges und hörte das Wehklagen. Besorgt schaute er nach. „Was ist denn los? Warum jammerst du so?“, fragte er das kleine Stinktier.
„Eure Majestät, auch wenn ich es Euch erklären würde, so könntet Ihr es doch nicht verstehen“, schluchzte das Stinktier.
Stolz schlug der Pfau sein Rad. „Versuche es einfach - erzähle mir deinen Kummer“, forderte er den Jammernden auf.
„Keiner will
mit mir spielen, sobald jemand in meine Nähe kommt, dreht er sich um und rennt
weg. Alle schreien: Pfui, du stinkst - verschwinde! Dann fühle ich mich so
einsam und alleingelassen. Ich möchte auch gerne Spielkameraden haben, so wie
die anderen!“, seufzte das traurige Tierchen und wischte sich mit seinem
Pfötchen die Kullertränen ab.
„Weißt du, viele Tiere wären glücklich, wenn man sie in Ruhe lassen würde“, tröstete er das kleine Wesen. „Die Natur hat dich mit einem ganz besonderen Geschenk ausgestattet, das dich bei Gefahr beschützen soll, aber komm doch ein Stückchen näher, damit ich dich beschnuppern kann.“
Der Pfau macht einen langen Hals und schnüffelte erst vorsichtig am Köpfchen des Stinktiers, dann arbeitete er sich bis zum buschigen Schwanz herunter. Er schüttelte immer wieder sein gekröntes Haupt. „Beim besten Willen, ich kann nichts feststellen!“
Ein Marder kam des Weges und sah den beiden verwundert zu. „Hallo, was treibt ihr da? Was will der eitle Pfau von dir?“, fragte er seinen kleinen Freund neugierig.
„Och, nix – wir haben uns nur ein bisschen unterhalten und er wollte sehen, ob ich wirklich so unangenehm rieche wie es die Tiere im Wald behaupten.“
„Papperlapapp“, sagte der Marder, „das weiß doch jedes Kind, dass du nur in Notfällen deinen Schwanz hebst und die Stinkdrüse drückst. Das sind doch nur üble Gerüchte, die Meister Petz in die Welt gesetzt hat. Alles nur verletzte Eitelkeit, von dem dicken Zottel.“
„Pfau, Pfau“, schrie der prächtige Vogel neugierig, „gibt es etwas, was ihr mir erzählen solltet?“, und er schlug erneut sein farbenprächtiges Rad.
Aufgeregt trat der kleine Marder mit seinen Pfötchen das Gras platt. „Neulich, neulich wollte ein riesiger Braunbär unserem Stinker den Garaus machen. Skunky scharrte auf dem Boden und warnte ihn, aber Petz hörte nicht und wollte meinem Freund trotzdem an den Kragen. Skunky hob seinen Schwanz ganz lässig und spritzte dem aufdringlichen Burschen mitten ins Gesicht. Den alten Brummbären kann man heute noch Kilometer weit gegen den Wind riechen. Ha, ha, ha, dem hast du es aber gegeben! Du hättest Mal sehen sollen wie schnell der im Wald verschwunden war!“, lobte der Marder seinen Freund, in den höchsten Tönen und kugelte sich dabei vor Lachen im Gras.
Langsam schloss der Pfau sein langes, prächtiges Gefieder. „In der Tat, Skunky, du bist schon ein mutiges Kerlchen, wenn du es sogar mit einem großen Bären aufnimmst. Aber denke immer daran: Nur im Notfall benutzen – niemals im Spiel, sonst rennen dir eines Tages wirklich deine besten Freunde davon.“(c) Marena Stumpf
Marena Stumpf 18.03.2007, 18.07 | (0/0) Kommentare | PL


