
Einträge ges.: 53
ø pro Tag: 0
Kommentare: 102
ø pro Eintrag: 1,9
Online seit dem: 18.03.2007
in Tagen: 1890
Ausgewählter Beitrag
Wird der Weihnachtsmann arbeitslos?

„Wo bleiben denn dieses Jahr nur die Wunschzettel der Kinder?“, wunderte sich der Weihnachtsmann. Er schaute auf den Wandkalender und las leise: „ 20. November.“
Nachdenklich fuhr er sich durch den schlohweißen Bart und brummte: „Da stimmt doch etwas nicht, noch kein einziger Wunschzettel. Entweder streikt die Post, oder es gibt einen anderen triftigen Grund dafür. Der Sache werde ich sofort auf den Grund gehen.“
Er rief den Oberelfen
zu sich. „Es sieht so aus, als ob wir dieses Jahr nichts zu tun bekommen und
das begreife ich nicht“, sagte Santa Claus erregt.
„Und was gedenkst du zu unternehmen?“, erkundigte
sich sein Helfer und zupfte sich dabei nervös an der langen Nasenspitze.
„Ich werde
mich unter das Volk mischen und meine Ohren offen halten.“ Kaum hatte Santa den
Satz beendet, da eilte er zum Schrank und holte seinen roten Mantel und die
Mütze heraus.
„Aber, aber,
du wirst doch nicht zu dieser Jahreszeit in deiner roten Weihnachtskluft durch
die Menschenmengen laufen“, gab der Elf zu bedenken. „Da kichern ja die Hühner
und die Rentiere fangen an zu jodeln. Die Leute werden dich für verrückt
erklären, obwohl es schon seit Mitte September Schokoladenmänner zu kaufen gibt
…“
Der
Weihnachtsmann blieb stehen und dachte einen Moment nach. Er nickte einsichtig
und hängte seine Sachen wieder zurück. „Sicherlich hast du Recht, mein treuer
Freund. Einverstanden, ich ziehe meinen braunen Mantel an, so gekleidet wird
mich bestimmt niemand erkennen. Um kein Aufsehen zu erregen, werde ich auch
nicht mit dem Rentierschlitten fahren, sondern den Hundeschlitten nehmen.“
Bereits am Vormittag erreichte er eine größere
Stadt. Er hielt am Waldrand und bat die Huskys brav auf ihn zu warten. Neugierig
schaute der alte Mann sich in den festlich geschmückten Geschäften um. Sein Weg
führte ihn an einem Schulhof vorbei. Die Schüler hatten gerade große Pause.
Einige standen an den Zaun gelehnt und unterhielten sich. Sie bemerkten den
Zuhörer nicht, der sich ihnen von hinten auf leisen Sohlen näherte.
„Hast du
deinen Eltern schon deine Wünsche gesteckt?“, fragte einer der Jungen. „Sicherlich
sind sie aus den Latschen gekippt, als sie den Preis für die Raumstation erfuhren!“
Der andere Schüler
winkte lässig ab. „Dann müssen eben
meine Großeltern tiefer in die Tasche greifen“, antwortete dieser ziemlich
vorlaut.
Das wurde Santa
nun doch zu bunt und er mischte sich ein. „Habt ihr es mal mit einem
Wunschzettel an den Weihnachtsmann versucht?“, fragte er verärgert in die Runde.
„Hey Opa,
mache dich nicht lächerlich. Wer glaubt denn heutzutage noch an den
Weihnachtsmann? Das kannst du jemanden ohne Uhr erzählen, aber nicht uns. Jedes
Milchgesicht weiß doch, dass es ihn nicht gibt“, pöbelte ein anderer Jungendlicher
sofort los.
„Oh, oh, da
wäre ich mir nicht so sicher. Vielleicht erlebst du noch dein blaues Wunder.“
Mit gesenktem Kopf zog der Weihnachtsmann weiter und hielt vor einem
Kindergarten an. Einige Mädchen spielten Fangen im Garten und plötzlich
stolperte eines der Kinder und fiel der Länge nach hin. Besorgt kletterte der
alte Mann über den Zaun. „Oh, Kleines, du musst besser Acht geben, sonst
verletzt du dich noch.“
Das blonde
Mädchen schaute geradewegs in seine hellblauen Augen. „Autsch, das tut so weh“,
jammerte es plötzlich. Tränen kullerten ihr über die Wangen, als ihr Blick auf das
blutige Knie fiel.
„Das glaube
ich dir gerne, Mareike“, flüsterte der weise Mann und hielt einen Moment seine Hand schützend über ihr Knie. Sofort
ließ der Schmerz nach. Vom Blut und dem Loch in der Strumpfhose war kurz darauf
nichts mehr zu sehen.
Die
umstehenden Mädchen trauten ihren Augen nicht und sie begannen zu tuscheln.
„Hast du das gesehen? Das war ja die reinste Zauberei! Wer mag wohl dieser
geheimnisvolle Mann sein?“
Die
Kindergärtnerin kam sofort aus dem Gebäude gerannt und rief: „Kinder, was ist
hier draußen los und was hat dieser Fremde auf unserem Gelände zu suchen?“
„Christiane,
Christiane, er ist ein richtiger Zauberer, er legte seine Hand auf Mareikes
blutiges Knie und hat es wieder gesund gemacht!“, berichtete Johanna aufgeregt.
Christiane
sah in die gütigen Augen des Mannes und irgendwie kam ihr der Fremde vertraut
vor, doch sie konnte sich nicht erinnern, wann sie ihm schon einmal begegnet
war. Mareike sprang auf, als ob nie etwas geschehen war, und spielte mit ihren
Freundinnen weiter.
Langsam
erhob sich der Weihnachtsmann vom kühlen Boden. Die Erzieherin reichte ihm die
Hand zum Aufstehen. „Kennen wir uns von irgendwo her?“, fragte sie neugierig.
Er nickte. „Ja, das ist aber schon sehr, sehr lange her. Vielleicht halten Sie
mich für ein bisschen verrückt …, ich bin der Weihnachtsmann.“
Christiane
dachte: „Der Alte hat doch nicht alle Latten am Zaun, sicherlich ist er aus
einem Altersheim ausgebüchst und ein bisschen verwirrt im Kopf.“ Trotzdem war
sie um sein Wohl besorgt und führte den Unbekannten in die Küche. Schnell
setzte sie, für einen wärmenden Tee, einen Kessel mit Wasser auf die Herdplatte.
„Aha, jetzt
ist es mir wieder eingefallen“, sagte Santa erleichtert, „ Sie müssen damals so
um die sechs Jahre gewesen sein und Sie wünschten sich eine Negerpuppe mit
grünen Zöpfen. Leider hatten wir in der Werkstatt nur noch blonde Haare übrig
und deshalb bekamen Sie eine kahlköpfige Puppe geschenkt. Immerhin setzten wir
ihr blaue Klapperaugen ein, mit ganz langen Wimpern.“
Sprachlos stand
Christiane mit geöffnetem Mund da. Nie zuvor hatte sie jemanden von ihrem
abartigen Wunsch erzählt. Ihre Beine wurden weich wie Pudding und sie tastete
sich an der Tischkante entlang um nicht umzukippen. „Bist du es wirklich,
Santa?“, stammelte sie und konnte ihren Blick von ihm nicht lassen. „Ich kann es nicht glauben, aber was führt
dich um diese Jahreszeit zu uns?“
Der
Weihnachtsmann begann von seinen Sorgen zu erzählen. „Kannst du mir vielleicht
erklären, warum die Kinder keine Wunschzettel mehr schreiben?“
Christiane
zuckte mit den Schultern. „Das kann viele Gründe haben. Vielleicht liegt es an
den Eltern? Sie gehen mit ihren Kindern in die Kaufhäuser oder zeigen ihnen
Spielsachen in den Katalogen und dann
dürfen sich die lieben Kleinen etwas aussuchen. Auf alle Fälle macht das
weniger Arbeit, als sich mit ihnen hinzusetzen und einen Wunschzettel säuberlich
an dich zu schreiben. Oder liegt es eventuell an eurer veralteten Arbeitsweise?
Früher gab es Puppen, Autos, Himmelbettchen oder Roller, die ihr noch in eurer
Werkstatt selbst gebaut habt, doch schau dir heutzutage die hochmodernen und
technischen Spielzeuge an. Könnt ihr überhaupt so etwas herstellen? Die Kinder
wünschen sich jetzt Handys, Spielkonsolen, Raumschiffe oder bewegliche Roboter.“
Betrübt
schüttelte er sein weißes Haupt. Unumwunden musste er zugeben, dass er und die
Elfen sich mit der heutigen Technik überhaupt nicht auskannten. Der Alte rieb
sich verzweifelt an der Stirn. „Das ist doch zum Haare raufen. Nun bin ich so
alt geworden und habe nicht einmal bemerkt, wie schnell der Fortschritt seinen
Lauf genommen hat. Hast du eine Idee, wie wir unsere Werkstatt schnellstens modernisieren
können?“
Angestrengt
dachte Christiane nach, dann sagte sie lächelnd: “Ich glaube, ich habe eine
Idee. Mein Vater Gustav und mein Mann Niels arbeiten in der Spielzeugforschung.
Begleite mich nach Feierabend nachhause und wir werden mit ihnen reden.“
Dem
Weihnachtsmann fiel ein Stein vom Herzen. Er konnte es kaum abwarten die beiden
kennenzulernen. Als die junge Frau am späten Nachmittag ihren fremden Gast
vorstellte, brachen Gustav und Niels in schallendem Gelächter aus, denn sie glaubten,
es wäre wieder einer von ihren Kindergartenscherzen.
Christiane wurde
wütend und schämte sich zugleich über das Benehmen ihrer Familie. „Hört sofort auf
zu lachen! Dafür ist die Sache viel zu ernst. Der Weihnachtsmann steckt in
Schwierigkeiten. Glaubt mir doch und hört euch erst einmal an, was er zu sagen
hat!“
Der
Weihnachtsmann berichtete alles und warum ihn seine Reise jetzt schon zu den Menschen führte. Niels
kratzte sich nachdenklich am Kopf. „In der Tat, ihr habt ein echtes Problem.
Bei euch ist nämlich die Zeit stehen geblieben. Das können wir in ein paar
Stunden auch nicht beheben. Ihr müsstet alles neu, von der Picke auf, lernen
und das noch kurz vor dem Fest. Meinst du, dass ihr das schaffen werdet?
Mit tiefer
Stimme unterbrach Gustav seinen Schwiegersohn. „Wir haben doch noch so viele
Überstunden abzubummeln, und wenn wir den Weihnachtsmann zum Nordpol begleiten
würden – das müsste doch gehen, und bis zum Heiligen Abend hätten wir noch
genug Zeit den Elfen alles Wichtige beizubringen.“
„Nein, nein,
das packen wir zeitlich nie!“, winkte der Weihnachtsmann hoffnungslos ab.
Doch Gustav
ließ nicht locker. „Ich habe noch einen viel besseren Einfall. Heute Abend
erstelle ich dir eine tolle Homepage, wo die Kinder dir direkt ihre Wünsche per
Email mitteilen können. Du wirst sehen, das funktioniert ratz-fatz!“
„Das ist
ganz lieb von dir Gustav, aber ich weiß ja nicht einmal, wie man einen Computer
einschaltet, ganz zu schweigen wie so eine Kiste funktioniert ….“
Zusammengesunken saß der Weihnachtsmann auf der Couch und wusste nicht mehr
weiter.
„Auf!“,
sagte der Vater energisch, „machen wir uns ans Werk. Im Betrieb ist unsere
Weihnachtsproduktion längst beendet. Wir helfen jetzt dem Weihnachtmann. Ich
bastele für dich eine schöne Homepage und Christiane wird dir am anderen
Computer zeigen, wie alles funktioniert. Es ist wirklich nicht schwer zu
lernen. Und Niels, du rufst bei unserem Boss an und verklickerst ihm, dass der
Weihnachtsmann einen Notfall hat und wir ihm dringend helfen müssen. Ach ja,
vergesst nicht die Zeitungen zu informieren, sie müssen unbedingt darüber
berichten.“ Danach verschwand der Vater für einige Stunden im Hobbykeller.
Die Augen
des Weihnachtsmannes begannen zu glänzen und er schöpfte neuen Mut. Christiane
erklärte ihm alles Wichtige. Anfangs begriff er überhaupt nichts, doch dann
schrieb er alles auf, damit er auch nichts vergaß.
Nach einigen
Stunden tauchte Gustav wieder auf. „So,
das wäre geschafft. Von jetzt an können dir alle Kinder ihre Wünsche Online
mitteilen und ich habe auch ein paar Computer für deine Werkstatt bestellt. Sie
werden in den nächsten Tagen zum Nordpol geliefert. Na ja, die schenke ich dir,
als kleine Entschuldigung, weil wir uns vorhin so über dich lustig gemacht
haben“, meinte Gustav peinlich berührt, denn insgeheim glaubte er noch fest an
den Weihnachtsmann.
Bedenklich
wiegte Santa Claus seinen Kopf hin und her und wiederholte langsam die
fremdklingenden Worte: „O-n-l-i-n-e? E-m-a-i-l? I-n-t-e-r-n-e-t? Das hört sich
alles für mich, wie Chinesisch rückwärts an. Meint ihr wirklich, dass das gut
geht? Ich habe Angst vor dieser großen Umstellung. Ich glaube, dass wir im
hohen Norden schon viel zu alt für diese Spielereien sind.“
„Online
bedeutet nichts anderes, als mit dir direkt verbunden zu sein“, versuchte Niels
ihm zu erklären. „Und die Kinder müssten mit ihren Wunschbriefen nicht mehr zum
Postamt gehen. Sie schreiben dir von zuhause aus eine Elektronische Post, dazu
sagt man auch Email. Außerdem ist es nie zu spät zum Lernen. Bis zum Fest
werden wir euch nicht mehr von der Seite weichen. Du must mir aber versprechen,
dass wir bis zum Heiligen Abend wieder zurück bei meiner Frau sind.“
Christiane
packte für ihre Männer ein paar warme Sachen zusammen und begleitete die drei
bis zum Waldrand. Noch lange winkte sie dem Husky-Schlitten hinterher. Sie
wusste, dass noch eine Menge Arbeit vor ihnen lag.
Pünktlich,
wie versprochen, brachte der Weihnachtsmann am 23. Dezember seine beiden Helfer
zurück. Sanft setzte der Rentierschlitten vor dem Haus auf. Überglücklich und aufgeregt
berichtete Niels sofort seiner Frau vom
Nordpol und der tollen Rückreise.“Alle Elfen waren so lieb und hilfsbereit. Es
war eine wahre Wonne mit ihnen zu arbeiten. Eine Gruppe Elfen hatten wir für die
Wunschzettel eingeteilt und die Klügsten mussten an einem Computerkurs
teilnehmen. Sie lernten alle erstaunlich schnell. Nun ja, bis auf den Schlaumeier,
von Oberelfen. Er tat sich ein bisschen schwer. Manchmal war sein krummer
Finger viel zu schnell und er löschte, aus Versehen, das eine oder andere Wunschmail.
„Und nicht
zu vergessen“, fügte Gustav hinzu, „die Tagespresse hatte uns auch mit ihrem
Aufruf mächtig unterstützt. Sie druckten in fetter Überrschrift: „Weihnachtsmann
vor dem Aus? Wird der weltberühmte Mann arbeitslos?“ Viele Kinder schickten daraufhin ihre
Wunschzettel ab. Wir hatten wirklich alle Hände voll zu tun und es hat
unheimlich viel Spaß gemacht.“
Um Mitternacht verabschiedete sich der Weihnachtsmann herzlich von seinen neuen Freunden und lud sie für das kommende Jahr zum Nordpol ein. Er nahm die Zügel der Rentiere fest in die Hand, schnalzte mit der Zunge und schon sauste der Schlitten von dannen.
(c) Marena Stumpf
Marena Stumpf 27.11.2008, 21.25
Kommentare hinzufügen
Die Kommentare werden redaktionell verwaltet und erscheinen erst nach Freischalten durch den Bloginhaber.
Kommentare zu diesem Beitrag
Neeein, er kann nicht arbeitslos werden. Vielleicht nur ein Urlaub kann er nehmen, oder die Krise hat ihm auch angegriffen:P
vom 10.11.2010, 12.34
Es war sehr suess und lustig geschrieben. Was fuer eine Idee! Danke fuer diese Laecheln die ich jetzt habe!
vom 21.10.2010, 13.18



Lima,
ich muss dir zustimmen!
Vielleicht wurde er von der Krise angegriffen!
vom 08.02.2011, 10.13