Marenas Musenstübchen
 





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Ausgewählter Beitrag

Wird der Weihnachtsmann arbeitslos?

                                 

„Wo bleiben denn dieses Jahr nur die Wunschzettel der Kinder?“, wunderte sich der Weihnachtsmann. Er schaute auf den Wandkalender und las leise: „ 20. November.“

Nachdenklich fuhr er sich durch den schlohweißen Bart und brummte: „Da stimmt doch etwas nicht, noch kein einziger Wunschzettel. Entweder streikt die Post, oder es gibt einen anderen triftigen Grund dafür. Der Sache werde ich sofort auf den Grund gehen.“



Er rief den Oberelfen zu sich. „Es sieht so aus, als ob wir dieses Jahr nichts zu tun bekommen und das begreife ich nicht“, sagte Santa Claus erregt.


„Und was gedenkst du zu unternehmen?“, erkundigte sich sein Helfer und zupfte sich dabei nervös an der langen Nasenspitze.


„Ich werde mich unter das Volk mischen und meine Ohren offen halten.“ Kaum hatte Santa den Satz beendet, da eilte er zum Schrank und holte seinen roten Mantel und die Mütze heraus.


„Aber, aber, du wirst doch nicht zu dieser Jahreszeit in deiner roten Weihnachtskluft durch die Menschenmengen laufen“, gab der Elf zu bedenken. „Da kichern ja die Hühner und die Rentiere fangen an zu jodeln. Die Leute werden dich für verrückt erklären, obwohl es schon seit Mitte September Schokoladenmänner zu kaufen gibt …“


Der Weihnachtsmann blieb stehen und dachte einen Moment nach. Er nickte einsichtig und hängte seine Sachen wieder zurück. „Sicherlich hast du Recht, mein treuer Freund. Einverstanden, ich ziehe meinen braunen Mantel an, so gekleidet wird mich bestimmt niemand erkennen. Um kein Aufsehen zu erregen, werde ich auch nicht mit dem Rentierschlitten fahren, sondern den Hundeschlitten nehmen.“

 

Bereits am Vormittag erreichte er eine größere Stadt. Er hielt am Waldrand und bat die Huskys brav auf ihn zu warten. Neugierig schaute der alte Mann sich in den festlich geschmückten Geschäften um. Sein Weg führte ihn an einem Schulhof vorbei. Die Schüler hatten gerade große Pause. Einige standen an den Zaun gelehnt und unterhielten sich. Sie bemerkten den Zuhörer nicht, der sich ihnen von hinten auf leisen Sohlen näherte.


„Hast du deinen Eltern schon deine Wünsche gesteckt?“, fragte einer der Jungen. „Sicherlich sind sie aus den Latschen gekippt, als sie den Preis für die Raumstation erfuhren!“


Der andere Schüler winkte lässig ab. „Dann müssen eben meine Großeltern tiefer in die Tasche greifen“, antwortete dieser ziemlich vorlaut.


Das wurde Santa nun doch zu bunt und er mischte sich ein. „Habt ihr es mal mit einem Wunschzettel an den Weihnachtsmann versucht?“, fragte er verärgert in die Runde.


„Hey Opa, mache dich nicht lächerlich. Wer glaubt denn heutzutage noch an den Weihnachtsmann? Das kannst du jemanden ohne Uhr erzählen, aber nicht uns. Jedes Milchgesicht weiß doch, dass es ihn nicht gibt“, pöbelte ein anderer Jungendlicher sofort los.


„Oh, oh, da wäre ich mir nicht so sicher. Vielleicht erlebst du noch dein blaues Wunder.“ Mit gesenktem Kopf zog der Weihnachtsmann weiter und hielt vor einem Kindergarten an. Einige Mädchen spielten Fangen im Garten und plötzlich stolperte eines der Kinder und fiel der Länge nach hin. Besorgt kletterte der alte Mann über den Zaun. „Oh, Kleines, du musst besser Acht geben, sonst verletzt du dich noch.“


Das blonde Mädchen schaute geradewegs in seine hellblauen Augen. „Autsch, das tut so weh“, jammerte es plötzlich. Tränen kullerten ihr über die Wangen, als ihr Blick auf das blutige Knie fiel.


„Das glaube ich dir gerne, Mareike“, flüsterte der weise Mann und hielt einen Moment  seine Hand schützend über ihr Knie. Sofort ließ der Schmerz nach. Vom Blut und dem Loch in der Strumpfhose war kurz darauf nichts mehr zu sehen.


Die umstehenden Mädchen trauten ihren Augen nicht und sie begannen zu tuscheln. „Hast du das gesehen? Das war ja die reinste Zauberei! Wer mag wohl dieser geheimnisvolle Mann sein?“


Die Kindergärtnerin kam sofort aus dem Gebäude gerannt und rief: „Kinder, was ist hier draußen los und was hat dieser Fremde auf unserem Gelände zu suchen?“


„Christiane, Christiane, er ist ein richtiger Zauberer, er legte seine Hand auf Mareikes blutiges Knie und hat es wieder gesund gemacht!“, berichtete Johanna aufgeregt.

Christiane sah in die gütigen Augen des Mannes und irgendwie kam ihr der Fremde vertraut vor, doch sie konnte sich nicht erinnern, wann sie ihm schon einmal begegnet war. Mareike sprang auf, als ob nie etwas geschehen war, und spielte mit ihren Freundinnen weiter.


Langsam erhob sich der Weihnachtsmann vom kühlen Boden. Die Erzieherin reichte ihm die Hand zum Aufstehen. „Kennen wir uns von irgendwo her?“, fragte sie neugierig. Er nickte. „Ja, das ist aber schon sehr, sehr lange her. Vielleicht halten Sie mich für ein bisschen verrückt …, ich bin der Weihnachtsmann.“


Christiane dachte: „Der Alte hat doch nicht alle Latten am Zaun, sicherlich ist er aus einem Altersheim ausgebüchst und ein bisschen verwirrt im Kopf.“ Trotzdem war sie um sein Wohl besorgt und führte den Unbekannten in die Küche. Schnell setzte sie, für einen wärmenden Tee, einen Kessel mit Wasser auf die Herdplatte.


„Aha, jetzt ist es mir wieder eingefallen“, sagte Santa erleichtert, „ Sie müssen damals so um die sechs Jahre gewesen sein und Sie wünschten sich eine Negerpuppe mit grünen Zöpfen. Leider hatten wir in der Werkstatt nur noch blonde Haare übrig und deshalb bekamen Sie eine kahlköpfige Puppe geschenkt. Immerhin setzten wir ihr blaue Klapperaugen ein, mit ganz langen Wimpern.“


Sprachlos stand Christiane mit geöffnetem Mund da. Nie zuvor hatte sie jemanden von ihrem abartigen Wunsch erzählt. Ihre Beine wurden weich wie Pudding und sie tastete sich an der Tischkante entlang um nicht umzukippen. „Bist du es wirklich, Santa?“, stammelte sie und konnte ihren Blick von ihm nicht lassen. „Ich kann es nicht glauben, aber was führt dich um diese Jahreszeit zu uns?“


Der Weihnachtsmann begann von seinen Sorgen zu erzählen. „Kannst du mir vielleicht erklären, warum die Kinder keine Wunschzettel mehr schreiben?“


Christiane zuckte mit den Schultern. „Das kann viele Gründe haben. Vielleicht liegt es an den Eltern? Sie gehen mit ihren Kindern in die Kaufhäuser oder zeigen ihnen Spielsachen in  den Katalogen und dann dürfen sich die lieben Kleinen etwas aussuchen. Auf alle Fälle macht das weniger Arbeit, als sich mit ihnen hinzusetzen und einen Wunschzettel säuberlich an dich zu schreiben. Oder liegt es eventuell an eurer veralteten Arbeitsweise? Früher gab es Puppen, Autos, Himmelbettchen oder Roller, die ihr noch in eurer Werkstatt selbst gebaut habt, doch schau dir heutzutage die hochmodernen und technischen Spielzeuge an. Könnt ihr überhaupt so etwas herstellen? Die Kinder wünschen sich jetzt Handys, Spielkonsolen, Raumschiffe oder bewegliche Roboter.“


Betrübt schüttelte er sein weißes Haupt. Unumwunden musste er zugeben, dass er und die Elfen sich mit der heutigen Technik überhaupt nicht auskannten. Der Alte rieb sich verzweifelt an der Stirn. „Das ist doch zum Haare raufen. Nun bin ich so alt geworden und habe nicht einmal bemerkt, wie schnell der Fortschritt seinen Lauf genommen hat. Hast du eine Idee, wie wir unsere Werkstatt schnellstens modernisieren können?“


Angestrengt dachte Christiane nach, dann sagte sie lächelnd: “Ich glaube, ich habe eine Idee. Mein Vater Gustav und mein Mann Niels arbeiten in der Spielzeugforschung. Begleite mich nach Feierabend nachhause und wir werden mit ihnen reden.“


Dem Weihnachtsmann fiel ein Stein vom Herzen. Er konnte es kaum abwarten die beiden kennenzulernen. Als die junge Frau am späten Nachmittag ihren fremden Gast vorstellte, brachen Gustav und Niels in schallendem Gelächter aus, denn sie glaubten, es wäre wieder einer von ihren Kindergartenscherzen.  


Christiane wurde wütend und schämte sich zugleich über das Benehmen ihrer Familie. „Hört sofort auf zu lachen! Dafür ist die Sache viel zu ernst. Der Weihnachtsmann steckt in Schwierigkeiten. Glaubt mir doch und hört euch erst einmal an, was er zu sagen hat!“


Der Weihnachtsmann berichtete alles und warum ihn seine Reise  jetzt schon zu den Menschen führte. Niels kratzte sich nachdenklich am Kopf. „In der Tat, ihr habt ein echtes Problem. Bei euch ist nämlich die Zeit stehen geblieben. Das können wir in ein paar Stunden auch nicht beheben. Ihr müsstet alles neu, von der Picke auf, lernen und das noch kurz vor dem Fest. Meinst du, dass ihr das schaffen werdet?


Mit tiefer Stimme unterbrach Gustav seinen Schwiegersohn. „Wir haben doch noch so viele Überstunden abzubummeln, und wenn wir den Weihnachtsmann zum Nordpol begleiten würden – das müsste doch gehen, und bis zum Heiligen Abend hätten wir noch genug Zeit den Elfen alles Wichtige beizubringen.“


„Nein, nein, das packen wir zeitlich nie!“, winkte der Weihnachtsmann hoffnungslos ab.


Doch Gustav ließ nicht locker. „Ich habe noch einen viel besseren Einfall. Heute Abend erstelle ich dir eine tolle Homepage, wo die Kinder dir direkt ihre Wünsche per Email mitteilen können. Du wirst sehen, das funktioniert ratz-fatz!“


„Das ist ganz lieb von dir Gustav, aber ich weiß ja nicht einmal, wie man einen Computer einschaltet, ganz zu schweigen wie so eine Kiste funktioniert ….“ Zusammengesunken saß der Weihnachtsmann auf der Couch und wusste nicht mehr weiter.


„Auf!“, sagte der Vater energisch, „machen wir uns ans Werk. Im Betrieb ist unsere Weihnachtsproduktion längst beendet. Wir helfen jetzt dem Weihnachtmann. Ich bastele für dich eine schöne Homepage und Christiane wird dir am anderen Computer zeigen, wie alles funktioniert. Es ist wirklich nicht schwer zu lernen. Und Niels, du rufst bei unserem Boss an und verklickerst ihm, dass der Weihnachtsmann einen Notfall hat und wir ihm dringend helfen müssen. Ach ja, vergesst nicht die Zeitungen zu informieren, sie müssen unbedingt darüber berichten.“ Danach verschwand der Vater für einige Stunden im Hobbykeller.


Die Augen des Weihnachtsmannes begannen zu glänzen und er schöpfte neuen Mut. Christiane erklärte ihm alles Wichtige. Anfangs begriff er überhaupt nichts, doch dann schrieb er alles auf, damit er auch nichts vergaß.


Nach einigen Stunden tauchte Gustav wieder auf. „So, das wäre geschafft. Von jetzt an können dir alle Kinder ihre Wünsche Online mitteilen und ich habe auch ein paar Computer für deine Werkstatt bestellt. Sie werden in den nächsten Tagen zum Nordpol geliefert. Na ja, die schenke ich dir, als kleine Entschuldigung, weil wir uns vorhin so über dich lustig gemacht haben“, meinte Gustav peinlich berührt, denn insgeheim glaubte er noch fest an den Weihnachtsmann.


Bedenklich wiegte Santa Claus seinen Kopf hin und her und wiederholte langsam die fremdklingenden Worte: „O-n-l-i-n-e? E-m-a-i-l? I-n-t-e-r-n-e-t? Das hört sich alles für mich, wie Chinesisch rückwärts an. Meint ihr wirklich, dass das gut geht? Ich habe Angst vor dieser großen Umstellung. Ich glaube, dass wir im hohen Norden schon viel zu alt für diese Spielereien sind.“


„Online bedeutet nichts anderes, als mit dir direkt verbunden zu sein“, versuchte Niels ihm zu erklären. „Und die Kinder müssten mit ihren Wunschbriefen nicht mehr zum Postamt gehen. Sie schreiben dir von zuhause aus eine Elektronische Post, dazu sagt man auch Email. Außerdem ist es nie zu spät zum Lernen. Bis zum Fest werden wir euch nicht mehr von der Seite weichen. Du must mir aber versprechen, dass wir bis zum Heiligen Abend wieder zurück bei meiner Frau sind.“


Christiane packte für ihre Männer ein paar warme Sachen zusammen und begleitete die drei bis zum Waldrand. Noch lange winkte sie dem Husky-Schlitten hinterher. Sie wusste, dass noch eine Menge Arbeit vor ihnen lag.


Pünktlich, wie versprochen, brachte der Weihnachtsmann am 23. Dezember seine beiden Helfer zurück. Sanft setzte der Rentierschlitten vor dem Haus auf. Überglücklich und aufgeregt berichtete Niels sofort  seiner Frau vom Nordpol und der tollen Rückreise.“Alle Elfen waren so lieb und hilfsbereit. Es war eine wahre Wonne mit ihnen zu arbeiten.  Eine Gruppe Elfen hatten wir für die Wunschzettel eingeteilt und die Klügsten mussten an einem Computerkurs teilnehmen. Sie lernten alle erstaunlich schnell. Nun ja, bis auf den Schlaumeier, von Oberelfen. Er tat sich ein bisschen schwer. Manchmal war sein krummer Finger viel zu schnell und er löschte, aus Versehen, das eine oder andere Wunschmail.


„Und nicht zu vergessen“, fügte Gustav hinzu, „die Tagespresse hatte uns auch mit ihrem Aufruf mächtig unterstützt. Sie druckten in fetter Überrschrift: „Weihnachtsmann vor dem Aus? Wird der weltberühmte Mann arbeitslos?“  Viele Kinder schickten daraufhin ihre Wunschzettel ab. Wir hatten wirklich alle Hände voll zu tun und es hat unheimlich viel Spaß gemacht.“


Um Mitternacht verabschiedete sich der Weihnachtsmann herzlich von seinen neuen Freunden und lud sie für das kommende Jahr zum Nordpol ein. Er nahm die Zügel der Rentiere fest in die Hand, schnalzte mit der Zunge und schon sauste der Schlitten von dannen.



(c) Marena Stumpf


Marena Stumpf 27.11.2008, 21.25

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Kommentare zu diesem Beitrag

3. von Tobias N.

Lima,
ich muss dir zustimmen!
Vielleicht wurde er von der Krise angegriffen! :D

vom 08.02.2011, 10.13
2. von Lima B.

Neeein, er kann nicht arbeitslos werden. Vielleicht nur ein Urlaub kann er nehmen, oder die Krise hat ihm auch angegriffen:P

vom 10.11.2010, 12.34
1. von Mirko Buddin

Es war sehr suess und lustig geschrieben. Was fuer eine Idee! Danke fuer diese Laecheln die ich jetzt habe! :)

vom 21.10.2010, 13.18
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