
Einträge ges.: 53
ø pro Tag: 0
Kommentare: 102
ø pro Eintrag: 1,9
Online seit dem: 18.03.2007
in Tagen: 1890
Ausgewählter Beitrag
Urlaub mit Herrn Minou
Total gestresst sahen wir unserem dreiwöchigen Urlaub entgegen. Unser Problem hieß eindeutig, Minou. Trotz seiner zwölf Jahre sah er Felix, aus der Fernsehwerbung, zum verwechseln ähnlich. Fremden gegenüber benahm er sich ziemlich ruppig. Die Nachbarn machten einen großen Bogen um ihn, da er sie offensichtlich grundlos bei jeder Gelegenheit anfauchte oder anknurrte. Wir wussten nicht was in seinem Katzenkopf vor sich ging, denn uns gegenüber benahm er sich wie ein kleines Lämmchen. Keiner wollte auf unseren Rüpel aufpassen und so fassten wir den Entschluss: Minou muss mit in den Urlaub. Pensionen oder Ferienwohnungen gab es wie Sand am Meer, doch sobald ich erwähnte, dass wir unseren Kater mitbringen wollten, lautete die Antwort immer gleich: „Kinder und Hunde gerne, aber Katzen leider nicht. Die pinkeln überall hin und kratzen alles kaputt.“
Alle geeigneten Ferienobjekte, die wir im Umkreis von zwei Stunden Anfahrt im Internet fanden, klapperten wir ab. Nun waren schon drei Tage von unserem schönen Urlaub verstrichen und wir hatten immer noch kein geeignetes Quartier entdeckt.
Mein Mann spottete schon über mich, und meinte: „Was du suchst, Schatz, muss erst noch für dich gebaut werden. Ruhig, im Grünen, vom Straßenlärm abgelegen, super Ausblick, sauber und Katzengerecht. Wovon träumst du eigentlich nachts?“
Ich war genervt und fühlte mich von ihm bevormundet. So langsam wurde ich über seine Äußerungen stinksauer. Mir war unklar, warum es keine Tierliebhaber gab, die bereit waren uns auch mit Katze aufzunehmen. Also beschränkten wir uns auf Tagesausflüge. Im Odenwald hielt Rick vor einem netten Café an. Bei Cappuccino und Käsetorte versuchten wir noch einmal sachlich über unseren verbleibenden Urlaub zu sprechen, doch wir kamen auf keinen gemeinsamen Nenner. Bei einem Spaziergang durch Lützelbach entdeckten wir an einem hübschen Haus, ein unscheinbares Schild mit der Aufschrift: „Ferienwohnung mit Garten zu vermieten“. Wir hatten nichts zu verlieren und ich klingelte. Ein nettes, älteres Ehepaar öffnete uns und wir waren uns auf Anhieb sympathisch. Sie zeigten uns die Ferienwohnung und ich war sofort Feuer und Flamme. Dann kam meine allentscheidende Frage: „Dürfen wir unseren zwölfjährigen Kater mitbringen?“
Zum Glück hatten sie Katzen gegenüber keine Vorurteile. Bereitwillig zeigten sie uns die geschmackvoll eingerichtete Wohnung und führten uns durch ihren gepflegten Garten. Ich war begeistert. Genauso hatte ich mir unser Domizil vorgestellt. Vor lauter Freude wäre ich am liebsten unseren Vermietern um den Hals gesprungen. Herr Weber fragte wann wir anreisen wollten und ich antwortete spontan: „Sofort!“ Mein Traum ging in Erfüllung.
Mit Vollgas sausten wir nach Hause, packten unsere Sachen zusammen und verfrachteten, unter viel Protest, Herrn Minou in seine viel zu große Transportkiste. Es erschien mir wie ein halber Umzug, bis wir endlich alles im Auto verstaut hatten.
Auf dem Rückweg in den Odenwald keimten in mir die ersten Zweifel auf. „Hoffentlich findet sich unser Goldstück in der fremden Umgebung zurecht. Was machen wir, wenn er sich verläuft?“ Drei Stunden später standen wir vor unserem Ferienhaus. Minou inspizierte jeden Winkel unserer neuen Bleibe und rollte sich danach behaglich auf der Couch zusammen und schlief den Schlaf der Gerechten.
Am nächsten Morgen wurde unser Kätzchen recht unruhig und stupste mich immer wieder an. Ich stand auf, stellte ihm frisches Wasser und neues Futter hin. Demonstrativ schob er mit langer Pfote sein Fresschen zu und steuerte ohne Umwege die Terrassentür an, die in den Garten führte. Bettelnd maunzte er und ich wusste, dass er bereit war auf Entdeckungsreise zu gehen. Mir ging das alles viel zu schnell, denn schließlich sollte sich unser kleiner Schatz erst einmal an seine neue Umgebung gewöhnen. Er sollte wissen, wohin er gehörte. Es war Zeit für mich ins Bad zu gehen und unsere beleidigte Leberwurst gesellte sich zu seinem Herrchen ins Bett. Ich beeilte mich, joggte zum Bäcker, holte frische Brötchen und spurtete wieder zurück, damit Minou nicht so lange alleine bleiben musste.
In der winzigen Küche bereitete ich den Kaffee vor und stellte die Tassen und Teller auf ein Tablett. Schon am frühen Morgen schien die Sonne und ich deckte den Frühstückstisch auf der Terrasse. In aller Ruhe genoss ich meine erste Tasse Kaffee und lauschte dem Gesang der Vögel. Es dauerte nicht lange und mein Mann stand gähnend hinter mir. Noch bevor ich etwas sagen konnte, preschte Minou mit einem Affenzahn an ihm vorbei. Mir fuhr der Schrecken in die Glieder und ich stotterte: „Der Kater, der Kater…!“
Mein Mann hatte immer schon die Ruhe von einem Mottenscheißer weg und er fragte lapidar: „Was ist mit dem Kater? Hattest du vor ihn für immer hier einzusperren? Dass ist doch was du wolltest - Urlaub mit Minou? Oder nicht?“
„Mensch, der Kater soll sich an seine neue Umgebung erst einmal gewöhnen. In ein paar Tagen hätte ich ihn schon in den Garten gelassen. Wenn er nun wegläuft, was dann? Wo willst du ihn denn suchen?“, versuchte ich meine Ängste hektisch zu erklären.
Minou genoss sichtlich seine Freiheit. Mal schnupperte er an den Tulpen, dann stromerte er gemächlich durch das hohe Gras. Anscheinend gab es nichts was ihm missfiel. Nach seiner gnädigen Inspektion, gesellte er sich zu uns an den Frühstückstisch und lies sich mit Wurst, Käse und Oliven verwöhnen. Mir fiel ein Stein vom Herzen und ich fing an mich langsam zu entspannen. Als Minou dann auch satt war, legte er sich friedlich unter dem Tisch und wackelte gelegentlich mit seinem schwarzen Schwanz.
Für mich war das Erholung pur, fernab vom Großstadtlärm. Am Ende des Gartens, tauchten einige braun-weiß gefleckte Kühe auf. Mit einem langen muuuhhh begrüßten sie uns und beäugten uns neugierig. Der arme Minou erschreckte sich so sehr, dass er mit einem Satz auf meinem Schoß landete und seinen Kopf unter meinem Arm versteckte. Wir mussten beide über unseren Helden lachen.
Im Laufe des Vormittags, räumte mein Mann den Frühstückstisch ab, trug alles in die Küche und kam mit seinem Rätselheft unter dem Arm zurück. Ich holte mir eine Sonnenliege aus dem Keller und stellte sie im Garten auf. Schnell spülte ich das Geschirr ab und ging wieder nach draußen. Minou hatte es sich bereits auf meinem Sonnenstuhl bequem gemacht und er schlummerte tief und fest in der Sonne. Natürlich hatte meine Katze mich gut erzogen, und ich setzte mich auf den daneben stehenden Gartenstuhl. Das Wetter war herrlich, ein absolut bajuwarischer Himmel. Leise summten die Bienen und flogen von Blüte zu Blüte. Die Butterblumen wiegten ihre Köpfe bei jeder kleinen Brise und ich genoss jede Sekunde von unserem Gammelurlaub.
Irgendwann wurde es Herrn Minou in der Sonne zu warm und er suchte sich ein schattigeres Plätzchen, unter einer großen Tanne. Endlich durfte ich auf meine Liege. Für eine Weile lag ich nur so da, schaute in den Himmel und lauschte dem Ruf eines Käuzchens und träumte vor mich hin. Ab und zu drehte ich mich nach unserem Zögling um, der noch immer an der gleichen Stelle lag.
In der Mittagszeit durchbrach mein Mann die Stille und fragte, ob wir nicht das Mittagessen ausfallen lassen könnten. Stattdessen wollte er lieber Käsekuchen mit Sahne vom Bäcker holen. Mir war das recht, so brauchte ich nicht zu kochen und ich schickte ihn gleich los. In der Zwischenzeit bereitete ich neuen Kaffee vor. Vom Küchenfenster aus sah ich Minou immer noch unter der Tanne hocken.
Familie Weber schaute kurz vorbei und brachte als kleinen Willkommensgruß, eine Flasche Weißwein mit. Sie redeten ohne Ende über die schönen Wanderwege und Sehenswürdigkeiten in der Umgebung. Mit der Zeit war auch mein Männe vom Bäcker zurück und er lud anstandshalber unsere Vermieter zum Kaffee ein. Ich stellte wieder mein Geschirr auf das Tablett und wir begaben uns nach draußen. Ich traute meinen Augen nicht. Unser Kater saß mitten auf dem Tisch und schlang gerade den Rest vom Käsekuchen hinunter. Neben ihm lag eine dicke, fette, tote, graue Maus, die alle viere gen Himmel gestreckt hatte. Unschuldig putzte sich Herr Minou seinen weißen Bart.
Mir entgleisten sämtliche Gesichtszüge und ich dachte: „Das war´s wohl. Jetzt dürfen wir packen und nach Hause fahren, doch komischerweise grinste Familie Weber nur, und sagte nichts dazu.
Mein Mann lobte seine Mieze in den höchsten Tönen und dankte ihm für das tolle Geschenk. Beherzt packte er das Mausevieh am Schwanz, wickelte es in das zerplüserte Papier und entsorgte alles in der Mülltonne.
„Bei aller Liebe“, fauchte ich meinen Mann an, „du weißt doch, dass der Kater für Käsekuchen über Leichen geht. Wie konntest du nur den Käsekuchen unbeobachtet auf dem Tisch liegen lassen?“
Mir war gänzlich der Appetit vergangen und ich zog mich schmollend mit einem Buch auf meine Liege zurück. Minou musste wohl gemerkt haben, dass ich angesäuert war, denn er kuschelte sich eng an mich.
Am späten Nachmittag erschien Familie Weber abermals. Sie luden uns zum Grillabend ein und natürlich sollten wir auch unseren Kater mitbringen. Minou rannte gleich auf sie zu, scharwenzelte ihnen um die Beine und ließ sich bereitwillig streicheln. Ich fand das alles recht seltsam, zumal er sich sonst nie von Fremden anfassen ließ.
Am späten Nachmittag folgten wir ihrer Einladung. Minou lebte wie die Made im Speck und bettelte sich beim Essen erfolgreich durch. Immer wieder wurde er von unseren Vermietern gelobt. Zu vorgerückter Stunde erzählte uns Familie Weber, wie glücklich sie waren, dass wir unseren Urlaub in ihrem Hause verbrachten. Vergeblich hatten sie versucht ein Mäuseloch unter dem Tannenbaum auszuheben. Sogar die herbeigerufene Ungezieferbekämpfung konnte nichts ausrichten. Allein an unserem ersten Urlaubstag hatte unser großer Jäger vier tote Mäuse auf Webers Kellertreppe abgelegt und es sollten noch etliche folgen.
(c) Marena Stumpf
Marena Stumpf 21.03.2007, 17.28
Kommentare hinzufügen
Die Kommentare werden redaktionell verwaltet und erscheinen erst nach Freischalten durch den Bloginhaber.
Kein Kommentar zu diesem Beitrag vorhanden


