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Ausgewählter Beitrag
Szenen einer Ehe
Der Lack war ab. Um ehrlich zu sein, bröckelte auch schon die Grundierung. Was erwartete ich eigentlich, nach achtunddreißig Ehejahren? Wollte ich wirklich noch mit meinen neunundfünfzig Lenzen, wie ein jung verliebtes Mädchen, mit meinem Angetrauten turteln? Gewiss, wenn Wolfgang morgens ins Büro ging, sah er für seine schlappen sechzig immer noch prima aus. Trotzdem nervte er mich ohne Ende.
An seinen freien Tagen, nahm Wolfgang mit seiner grauen, ausgebeulten Jogginghose die stabile Seitenlage auf der Couch ein, und rührte sich kaum noch von der Stelle. Er behielt die Macht in der Hand und zappte für Stunden durch die Kanäle. Ich bezweifelte, dass er wirklich wusste, was in den Programmen lief. Zwischendurch baumelte sein Kopf schlaff hin und her. Manchmal erwischte er in seinem komaähnlichen Zustand die Lautstärketaste und schreckte hoch. Desinteressiert fiel sein verschlafener Blick auf die flimmernde Mattschreibe. Sein grauer stoppeliger Dreitagebart sah zum Kotzen aus und seine graumelierten, ungekämmten Haare standen in alle Himmelsrichtungen.
Zur Mittagszeit rief er: „Schatzi, wann ist das Essen fertig? Ich bekomme Knast in der Röhre.“ Es wurmte mich und ich wäre ihm am liebsten vor Wut an die Gurgel gegangen. Immerhin war dieser Couchpotato weder Arm- noch Beinamputiert. Mühelos hätte er es bis in die Küche, zum Kühlschrank, schaffen können. Widerwillig servierte ich das Mittagessen im Wohnzimmer, natürlich vor dem Glotzophon. Das schloss logischerweise jegliche Unterhaltung aus. Ich schmollte, schwieg und würgte mein Schnitzel samt Spargel hinunter. Ich fühlte mich wie Kunta Kinte, in einer modernen Wohngemeinschaft. Oft fragte ich mich, wie ich diesen Langweiler wieder aktivieren könnte?
Nachdem wir aufgegessen hatten, trug ich das Geschirr in die Küche, spülte ab und stellte den Trockner an. Ich erledigte meine samstäglichen häuslichen Pflichten. Ich war gerade dabei das Bad zu putzen, als der Trockner penetrant zu piepen begann. Wolfgang störte dieser Ton offensichtlich nicht und er machte auch keine Anstalten, seinen Alabasterköper von der Couch zu erheben. Ich erbarmte mich, legte meine Unterwäsche zusammen und verstaute sie im Schrank. Vor lauter Wut warf ich seine Piselotten demonstrativ auf die Seite seines Bettes. Sollte er mal sehen wie er heute Abend in die Falle kam.
Mein Zorn steigerte sich gegen Abend. Immer noch lag er auf der Couch. Sein Körper gab stinkende Winde von sich, die er mit lautstarken Rülpsern begleitete. Mir war nie aufgefallen, wie primitiv Wolfgang in den letzten Jahren geworden war.
Am Sonntag schaukelten sich meine Emotionen ins Unendliche. Seine saubere Unterwäsche lag nun auf dem Fußboden. Ich versuchte das zu ignorieren, ging ins Bad und machte mich fertig, danach stellte ich in der Küche die Kaffeemaschine an. Vom Schlafzimmer hörte ich schon seine Furzarie. Das signalisierte mir, Wolfgang war im Begriff wach zu werden. Zehn Minuten später stand er neben mir und gab mir meinen morgendlichen Kuss. Sein Atem roch wie eine Güllegrube und mir drehte sich der Magen um. Ich drehte mich um und wischte mir seinen schleimigen Kuss mit dem Handrücken von den Lippen. Trotzdem heuchelte ich die liebe Ehegattin und fragte, ob er Lust hätte mit mir Essen zu gehen.
„Ach nö, zu Hause ist es doch viel gemütlicher. Koche lieber selber etwas Schnuppeliges, Kleines. Wir machen es uns hier bequem“, säuselte er fast benommen.
Ich sah Wolfgang wutentbrannt an und fragte ihn missgestimmt, wie er gemütlich definierte. „Sollen wir zweistimmig rülpsen und furzen? Ich habe so genug! Tagein, tagaus – immer der gleiche Trott. Komme endlich runter von deinem Sofa, Puparsch, und lasse uns etwas unternehmen! Ich bin es leid, dich jedes Wochenende so vergammelt zu sehen. Ja, du bist nicht einmal in der Lage deine frisch gewaschenen Klamotten wegzuräumen!“
Wolfgang stand einen Moment wortlos da, fuhr sich mit den Fingern verdattert durch die verwuselte Mähne und fragte ruhig: „Bist du jetzt fertig?“
Ich hätte ihn eigenhändig für seine Gelassenheit mit dem Kopf an die Wand schlagen können. Merkte er nicht, wie sehr er mich mit seinem Verhalten verletzte?
„Was willst du von mir? Was mache ich angeblich, dass dir so an mir missfällt?“, fragte er gereizt. Seine Zornesfalten zogen sich über der Nasenwurzel zusammen.
„Was du machst? Frage mich lieber, was du nicht machst!“, schrie ich unkontrolliert zurück.
„Also, dann sage mir, was ich mache.“, begann er seine Wortklauberei.
„Du machst rein gar nichts. Dass ist es ja. Du liegst auf deiner faulen Bärenhaut und lässt dich obendrein von mir bedienen!“
Wolfgang setzte sein höhnisches Grinsen auf. „Wenn ich dir helfen will, dann mache ich es dir sowieso nicht recht. Wer nichts tut, der kann auch keine Fehler machen!“, wetterte er ziemlich lautstark und versperrte mir den Weg aus der Küche.
Ich konnte mich beim besten Willen nicht daran erinnern, wann ich Wolfgang das letzte Mal kritisiert hatte. Wenn er den überquellenden Mülleimer hinaus trug, vergaß ich nie mich dafür bei ihm zu bedanken. „Und, was ist mit deiner Wäsche, hast du sie schon zusammengelegt?“, zischte ich leicht provozierend.
Wolfgang sah mich erstaunt an. „Wieso ich? Die hast du sonst immer zusammengefaltet. Also los, erzähle mir was ich falsch mache!“, versuchte er mich aus der Reserve zu locken.
So langsam kam ich in Zugzwang. „Du lungerst das ganze Wochenende herum und du riechst so wie du aussiehst - einfach furchtbar!“, warf ich ihm an den Kopf und hoffte, dass sich damit das Thema erledigt hatte.
Wolfgangs Stimme überschlug sich. „Das können wir gleich ändern.“ Er drehte sich um und ging ins Bad. Die Tür knallte er demonstrativ hinter sich zu.
„Hoffentlich beruhigt er sich bald wieder“, dachte ich. War es denn wirklich so schlimm, dass ich mir ein bisschen mehr Umsicht im Haushalt von ihm wünschte? Wie oft passierte es, dass ich gerade mit dem Staubsaugen fertig war und Wolfgang krümelte in Windeseile, mit seinen geliebten Schokodoppelkeksen, alles wieder voll. Seine Missachtung mir gegenüber machte mich jedes Mal stinksauer. Es war doch wirklich nicht so schwer, sich die Krümel in die hohle Hand zu schieben und sie zu entsorgen. Es musste auch nicht sein, dass er mit seiner übervollen Kaffeetasse von der Küche bis ins Wohnzimmer kleckerte. Wie immer, hatte er natürlich überhaupt nichts bemerkt.
Es dauerte nicht lange und er stand frisch rasiert und geduscht, mit hochrotem Kopf vor mir. „Bist du jetzt zufrieden?“, zischte er mich zornig an. „Also, raus mit der Sprache, was ist dir für eine Laus über die Leber gelaufen?“
„Weißt du, ich wünschte mir, dass du etwas umsichtiger wärst. Schließlich gehe ich auch arbeiten und schmeiße den Haushalt - so ganz nebenbei. Du strafst meine Hausarbeit mit Nichtachtung und das verletzt mich.“ Ich merkte, dass sich meine Schilddrüse wieder zu regen begann. Mein Hals wurde eng und ich würgte meine aufsteigenden Tränen hinunter.
„Was war denn vor drei Jahren, als ich die Küche gewischt hatte. Immer wenn ich mir Mühe gegeben hatte und dir helfen wollte, warst du mit meiner Arbeit nie zufrieden. Dir kann man nichts recht machen. Also, lasse ich es lieber gleich sein und erspare mir deine Nörgeleien“, versuchte der Streithahn mit mir zu argumentieren.
Mir schwante nichts Gutes, ich wusste, dass Wolfgang gleich seinen Logorrhoe-Anfall bekam. Wie immer, fing er beim Urknall an und spielte seine alte Schallplatte wieder ab. Er brüllte ohne Luft zu holen. Vorsichtshalber schloss ich die Fenster, es war ja nicht nötig, dass die Nachbarn unseren Streit mitbekamen.
„Entschuldige Wolfgang, dass ich jetzt nicht lache, aber das ist doch eine ganz faule Ausrede von dir. Du hattest das gleiche Wasser zum Aufwischen genommen, mit dem du vorher die Töpfe und die fettige Pfanne abgewaschen hattest. Die Küche war total verschmiert. Ich sagte dir lediglich, dass man zum Aufwischen neues Wasser mit einem Schuss Dor nimmt. Das war alles. Nicht mehr und nicht weniger!“, versuchte ich mich zu rechtfertigen und wollte die Situation ins rechte Licht rücken.
„Siehst du, wenn ich versuche dir zu helfen, dann mache ich es sowieso nicht gut genug für dich!“, jammerte er mir die Ohren voll.
Das war ja wieder typisch für Wolfgang. Er schlüpfte in seine wohleinstudierte Märtyrerrolle. Wenn er sich in diesem Stadium befand, gab es meistens kein Entrinnen. Die Sache musste bis ins kleinste Detail ausdiskutiert werden. „Kann es sein, dass du dich mit Absicht so blöd anstellst, damit du nichts zu tun brauchst?“, äußerte ich meinen schwerwiegenden Verdacht. Das war Öl auf seine Mühle, sofort ging er in die Offensive. Alle angeblichen Verfehlungen meinerseits tischte er mir von den letzten achtunddreißig Jahren auf. Nichts wurde ausgelassen, er setzte sich gut in Szene. Dieses Wortgefecht hielt bis zum späten Nachmittag an. Mir langte es und ich zog mich ins Computerzimmer zurück. Als ob nichts geschehen wäre, nahm Wolfgang auf der Couch wieder seine stabile Seitenlage ein und schlief den Schlaf der Gerechten.
Ich ging leise ins Schlafzimmer, suchte mir einige Anziehsachen zusammen und packte meinen Koffer. Ich wollte nur noch meine Ruhe vor ihm haben. Sollte er doch sehen, wie er zurechtkam. Anstandshalber legte ich ihm einen Zettel vor die Kaffeemaschine und teilte ihm mit, dass ich für einige Tage eine Auszeit nahm. Da ich selber noch nicht wusste, wohin mich mein Selbstfindungstrip führte, hinterließ ich dementsprechend auch keine Angaben über meinen Verbleib.
Ich fuhr eine gute Stunde auf der Autobahn, und merkte wie meine aufsteigenden Tränen mir die Sicht und Konzentration nahmen. An der nächsten Ausfahrt fuhr ich runter und mietete mich in der Pension „Grünes Herz“ ein. Mein Zimmer war recht gemütlich. Der wundervolle Blick über die grüne Landschaft konnte meinen seelischen Schmerz nicht lindern. Meine Gedanken kamen und gingen. Hatte ich überreagiert? Wäre ein sachliches Gespräch nicht besser gewesen? Gegen Wolfgangs Methoden kam ich ohnehin nicht an. Er hatte seine vorgefertigte Meinung und damit basta. Was war in unserer Beziehung schief gelaufen? Ich zermarterte mir das Gehirn. So verkehrt war er ja eigentlich nicht. Er ging nicht in die Kneipe, trieb sich nicht auf dem Fußballplatz herum. Wir verreisten drei Mal im Jahr, gingen ab und zu ins Theater und zum Essen. Was erwartete ich eigentlich von Wolfgang? Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf. Am nächsten Morgen hatte ich die Antwort, mir fehlte seine Anerkennung. Das war es also, was mich dermaßen auf die Palme brachte. Alles war für Wolfgang so furchtbar selbstverständlich geworden.
Ich meldete mich für den kommenden Tag im Beauty-Center an, und lies mich nach Strich und Faden verwöhnen. Es tat so gut, diese sanften kreisenden Bewegungen auf meinem Körper zu spüren. Am Nachmittag merkte ich bereits, wie sich meine dunklen Nebelschwaden aus dem Kopf lichteten. Plötzlich wurde mir klar, dass ich in den letzten Jahren wie ein Roboter funktionierte. Ich war immer für meine Familie da, und hatte nie Zeit für mich beansprucht. Gegen Abend rief ich bei Wolfgang an und erkundigte mich nach seinem Wohlbefinden.
„Wie soll es schon einem verlassenen Ehemann gehen?“, antwortete er mir theatralisch.
„Sollen wir versuchen miteinander zu reden?“, versuchte ich ihm eine Brücke zu bauen.
„Wüsste nicht worüber“, antwortete er knapp und war wohl schon wieder im Begriff den Hörer aufzulegen.
„Wolfgang, ich bin mir über vieles im klaren geworden. Bei uns hat sich seit einigen Jahren etwas eingeschlichen und so wie es zurzeit zwischen uns läuft, möchte ich nicht mehr weiter machen.“
„Ich verstehe nicht ganz, was du mir damit sagen willst. Nenne mir bitte ein konkretes Beispiel“, schnaubte er barsch und atmete dabei erregt in die Sprechmuschel.
„Kannst du dich daran erinnern, wann du mir das letzte Mal Blumen mitgebracht hast?“, fragte ich etwas provozierend. Damit wollte ich ihm einen kleinen Denkanstoß geben.
Wolfgang dachte einen Moment nach und antwortete etwas zögernd: „Das ist wohl schon etwas länger her. Als ich dir damals die Rosen mitbrachte, fragtest du mich, ob ich ein schlechtes Gewissen hätte. Ich antwortete dir darauf: Nein, nur so - weil ich dich liebe. Aber diese Antwort reichte dir nicht aus.“. Das war typisch für meinen Mann. Sofort sezierte er wieder unsere Unterhaltung und legte seine alte Platte auf.
Ich schluckte schwer, als ich diesen Vorwurf hörte. Es stimmte, was er sagte, und ich hatte es zu ihm aus Scherz gesagt, weil ich so gerührt über sein Geschenk war. Ich wollte ihm nicht meine wahren Gefühle zeigen.
„Weist du, Wölfi, du buddelst immer die alten Kamellen aus, das stört mich ungemein. Das sind doch Dinge, die wir schon längst aufgearbeitet hatten. Darüber ist doch längst Gras gewachsen“, versuchte ich die Sache zu beschwichtigen.
„Wenn du meinst! Wo steckst du eigentlich? Hast du vor, irgendwann wieder zurück zukommen?“, fragte er monoton am anderen Ende der Strippe.
„Vorerst nicht“, antwortete ich beherzt, „ich melde mich wieder bei dir.“ Ich merkte, wie meine alte Wut in mir wieder aufstieg. Er begriff überhaupt nichts. Ich wünschte ihm eine Gute Nacht und beendete mein Telefonat. Lange saß ich in der Dunkelheit und wusste nicht ein noch aus. Waren wir schon zu alt um uns noch zu ändern. Der Gedanke machte mir Angst.
Am nächsten Tag lief ich ziellos durch den Kurpark. Ich hätte eine starke Schulter zum Ausheulen gebrauchen können. Ich setzte mich auf eine Bank, überlegte was ich an Wolfgang mochte und beobachtete dabei die quirligen Wassertropfen im Springbrunnen. Ich zog für mich Bilanz: Er war pünktlich, trieb sich nie herum. Er brachte sein schwerverdientes Geld nach Hause. Er war sehr sparsam und beanspruchte selten etwas für sich persönlich. Nur seine Bequemlichkeit störte mich ungemein an ihm.
Plötzlich fühlte ich mich furchtbar einsam. Ich wünschte mir einen Menschen, mit dem ich offen über meine Gefühle sprechen konnte.
Gegen Abend wählte ich wieder Wolfgangs Telefonnummer.
„Schneider“, blaffte er unfreundlich am anderen Ende.
„Guten Abend! Ich bin´s. Wollte nur mal hören, wie es dir geht. Störe ich?“
„Wie soll es mir schon gehen? Ich kann nachts nicht schlafen, ernähre mich von McDonald und bin entsetzlich traurig. Ich verstehe nicht was mit uns momentan passiert. Ich bildete mir immer ein, bei uns läuft alles so gut.“
Jetzt war ich sprachlos. Einen Moment war es ruhig in der Leitung. Mir klopfte das Herz bis zum Hals. „Hast du Lust mich am Samstag, hier in Bad Berka, zu besuchen? Wir könnten einige Dinge klären“, fragte ich besänftigend.
Wolfgang zögerte einen Moment. „Was machst du in Bad Berka? Musst du nicht arbeiten? Ich frage mich ernsthaft nach alledem, möchtest du mich überhaupt noch sehen?“
So eine blöde Frage konnten nur Männer stellen. Natürlich wollte ich ihn sehen, sonst hätte ich nicht angerufen! „Diese Woche musste ich notgedrungen meine Überstunden abbummeln“, antwortete ich und gab ihm, im gleichen Atemzug, meine hiesige Anschrift durch.
Am nächsten Tag stand er geschniegelt vor mir. Seine dicken Tränensäcke sprachen Bände.
Er reichte mir, wie einer guten Bekannten, die Hand zum Gruß. „Du siehst gut aus, da geht es dir offensichtlich besser als mir“, stellte er sachlich fest. Dieser Ausspruch hatte bei mir die Wirkung nicht verfehlt. Ich dachte: „Du kleiner Miesepeter, diesen Satz hättest du dir auch sparen können!“ Des lieben Friedenwillen schluckte ich meine Worte herunter.
Draußen schien die Sonne und wir spazierten an der Ilm entlang. Wir unterhielten uns über unverfänglichen Themen. Irgendwann fragte mich Wolfgang, warum ich ihn verlassen hatte.
„Weißt du, solange die Kinder noch zu Hause waren, hat mir die Hausarbeit nie etwas ausgemacht. Seit zwanzig Jahren stehe ich wieder im Berufsleben und du gehst einfach davon aus, dass alles wie früher weiter geht. Ich bin auch nicht jünger geworden. Jetzt, wo wir alleine leben, verbringen wir die Wochenenden zu Hause und unternehmen gar nichts mehr.“
„Und was schlägst du vor?“, fragte Wolfgang gespannt und wartete meine Antwort ab.
Da war es wieder. Er versuchte mich mit seiner Frage in die Ecke zu drängen. Ich holte tief Luft und nahm meinen ganzen Mut zusammen. „Wir könnten am Wochenende irgendwohin fahren, oder wie wäre es mit einem Musical-Besuch? Es stinkt mir jedes Wochenende den Putzlappen zu schwingen und du machst einen Laui auf der Couch. Du lässt dich von hinten bis vorne bedienen und es tut mir weh, wenn ich dich in deinem Gammellook, krümelnd im Wohnzimmer, herumlungern sehe!“ Woher hatte ich nur den Mut genommen, so mit ihm zu sprechen? Ich genoss mein neues Selbstvertrauen.
Wolfgang blieb einen Moment stehen und sah mich baff an. „Von dieser Seite habe ich das noch nie betrachtet. Woher sollte ich wissen, dass dich diese Sachen ärgern, wenn du nie mit mir darüber sprichst. Es liegt mir fern dich zu verletzen, dafür liebe ich dich viel zu sehr“, beteuerte er mir fast reumütig. Betreten schaute er auf den Boden.
Ich nickte verlegen und mir drohten die Felle weg zu schwimmen. Wir erreichten eine Parkbank und setzten uns. „Und ich dachte immer, du erledigst diese Dinge gerne, weil sie dir Spaß machen!“, murmelte er nachdenklich und zog mit seiner Schuhkante ein Fragezeichen auf die Erde.
Ich war von den Socken und ganz perplex. „Wölfi, nun sage mal ehrlich, was soll am Putzen Spaß machen? Warum hilfst du nicht mit, wenn du der Meinung bist, dass es so unheimlichen Bock bringt?“, pustete ich meinen Frust heraus.
Theatralisch schlug er sich mit der flachen Hand vor die Stirn. „Was bin ich bloß für ein bequemer und egoistischer Idiot. Das ist alles meine Schuld und ich habe es nicht einmal bemerkt. Er versuchte wieder seine alte Schallplatte aufzulegen.
„Höre sofort auf damit!“, herrschte ich ihn selbstbewusst an. „Du machst mit deiner alten Masche alles kaputt. Diese Nummer zieht bei mir nicht mehr. Spare dir deine Worte, damit schindest du keinen Eindruck mehr. Gerne können wir über aktuelle Anlässe reden, aber bleibe dabei realistisch.“
Erstaunt sah er mich an. „Ich werde es versuchen, ich weiß aber nicht, ob es mir gelingt. Meinst du, wir sollten es noch einmal miteinander versuchen?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Warum nicht, aber dann werden die Karten neu gemischt. In Zukunft werden wir einige Hausarbeiten aufteilen und ich kann mir auch mal einen freien Tag im Monat gönnen.“
Zaghaft legt er seine Hand auf meinen Handrücken. „Ich habe dich so vermisst, Schatz. Ich dachte, dass ich dich für immer verloren habe. Du hast mir richtig Angst gemacht.“
Nach diesem Gespräch fühlte ich mich etwas erleichterter. Ich begann mich in Wolfgangs Nähe endlich wieder wohl zu fühlen. Am späten Nachmittag wurde mein Mann zusehends unruhiger. Er wollte abends unbedingt nach Hause fahren. Ich konnte mir seine übereilte Abreise nicht erklären. Wir verabschiedeten uns herzlich und ich kündigte ihm für den nächsten Tag meine Heimkehr an. In der Pension packte ich meine Sachen zusammen und malte mir dabei das absolute Chaos unserer Wohnung aus. Mit gemischten Gefühlen fuhr ich nach dem Frühstück in Richtung Heimat.
Ich war gänzlich aus dem Häuschen, als ich auf dem Couchtisch einen Blumenstrauß zur Begrüßung vorfand. Die Wohnung blitze, das Geschirr war ordentlich im Geschirrspüler verstaut und zu meiner größten Überraschung lagen keine Krümel und keine dreckige Wäsche herum.
Ich bereitete ein Candle-Light-Dinner für den Abend vor und deckte den Tisch, in der Essecke. Als Wölfi von der Arbeit kam, nahm er mich liebevoll in den Arm und entschuldigte sich für seine Ignoranz. Nach dem Essen half er das Geschirr abzuräumen. An diesem Abend blieb der Fernseher aus und wir schwelgten in alten, schönen Erinnerungen.
Während der folgenden Tage beobachtete ich meinen Mann mit Argusaugen. Wie lange würde es dauern, bis er wieder rückfällig wurde? Es vergingen vier Wochen, dann schlich sich der alte Schlendrian wieder ein. Ich verkroch mich in mein Schneckenhaus und machte auch keine Anstalten mich an den Herd zu stellen. In der Mittagszeit fragte Wolfgang, was es zu Essen gäbe. „Nichts“, antwortete ich kurz angebunden. „Wupps“, sagte er, und wusste sofort was die Glocke geschlagen hatte. „Bin wohl wieder rückfällig geworden“, brummte er und verschwand peinlich ertappt im Badezimmer. Eine halbe Stunde später liefen wir Hand in Hand zu unserer Stammpizzeria. Wölfchen hielt für mich die Tür auf und flüsterte mir zu: „Liebling, du siehst heute wieder bezaubernd aus. Ich weiß nicht wie du es mit mir aushältst.“
Ich hauchte ihm einen Kuss auf die Wange und dachte: „Du alter Schlawiner“, dabei sah ich ihn verliebt an.
„Buongiorno, ihr Turteltäubchen! Man könnte fast neidisch werden, wenn man euch so glücklich sieht. Habt ihr dafür ein Geheimrezept?“, erkundigte sich Giovanni bei uns. Er hatte immer einen freundlichen Spruch auf Lager.
Lachend zwinkerten wir uns zu und bestellen zwei Combinatione und zwei Chaussee-Brandy.
Wölfchen grinste verschmitzt und flüsterte stolz: „Das ist harte Teamarbeit! Wie du siehst, lohnt sich der Aufwand!“
(c) Marena Stumpf
Marena Stumpf 20.10.2007, 18.27
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Kommentare zu diesem Beitrag



Märtyrerrolle...Echt! Männer können das sehr gut spielen.
Eine sehr schlau geschrieben Geschichte
vom 30.11.2010, 11.15