Marenas Musenstübchen
 





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Omas haben einen Dürfschein


Vor mir, an der Supermarktkasse, stand eine sehr gepflegte Frau mittleren Alters und packte ihre Einkäufe auf das Band. Offensichtlich kannte sie die Kassiererin, denn beide Frauen unterhielten sich recht angeregt. „Guten Morgen, Frau Schütz! Ich sehe, sie haben wieder viele leckere Sachen für ihre Enkelchen eingekauft. Wie fühlt man sich als Oma?“, erkundigte sich die Kassiererin freundlich.
Die Kundin strahlte eine innere Gelassenheit aus und schmunzelte etwas geheimnisvoll. „Danke der Nachfrage, Frau Bayer – einfach super! Eigentlich schade, dass die Natur es so verdreht eingerichtet hat.“
„Was eingerichtet hat?“, hakte die Kassiererin etwas irritiert nach und zog unbeirrt, die Kekse, Schokolade, Lutscher, Vanilleeis, Brötchen, Wurst und den Käse, über den Scanner.
„Na, dass man zuerst Mutter und dann erst Oma wird“, antwortete die Kundin lächelnd und zog die Geldbörse aus ihrer rehbraunen Lederjackentasche.
Erstaunt schaute die Kassiererin die Kundin an: „Wie kommen sie denn darauf?“, und hielt mit ihrer Arbeit einen Moment inne.
„Das ist ganz einfach“, erklärte Frau Schütz. “Als ich noch jung und knusprig war, brachte ich drei Kinder zur Welt. Nebenher musste ich noch arbeiten gehen und den Haushalt schmeißen. Das Geld langte weder vorne noch hinten. Ich hatte viel zu wenig Zeit für meine Familie. Es war damals einfach Stress hoch fünf für mich!“
Die Kassiererin winkte ab und ging wieder ihrer Arbeit nach. Sie schüttelte ihr leicht ergrautes Haupt und erwiderte: „Das war bei uns allen so, Frau Schütz. Damals gab es nur ein viertel Jahr Entbindungsurlaub und das war es!“
Glücklich antwortete die Kundin: „Jetzt sind meine Kinder erwachsen und außer Haus, sie haben ihre eigenen Familien. Ich merke, dass ich mit meinen Enkelkindern viel toleranter und großzügiger umgehe. Natürlich müssen sich die Kleinen an die Spielregeln halten, aber vieles dürfen sie, was ich damals meinen eigenen Kindern verboten hatte. Ich nehme mir heutzutage die Zeit für die Zwerge, lasse einfach meinen Haushalt links liegen. Morgen ist auch noch ein Tag und wenn es einmal hektisch wird, dann weiß ich, in ein paar Stunden holt meine Tochter die Kids wieder ab.“
„Komisch“, sagte die Kassiererin nachdenklich, „bei mir ist es ganz genauso! Ich gehe viel lockerer mit meinen Enkeln um. Schade, dass ich mit meinen eigenen Kindern nicht so nachsichtig war. Heute Nachmittag besucht mich meine Rasselbande auch und ich freue mich schon richtig darauf.“
Alle Artikel waren über den Scanner gezogen und die Kassiererin sagte: „Das macht dreiundzwanzig neunundachtzig!“
Frau Schütz bezahlte und verstaute ihre Einkäufe in einem Weidenkorb. Freundlich verabschiedete sich Frau Bayer von der Kundin und wünschte ihr noch viel Spaß mit den Kleinen.
Ich musste über beide Frauen schmunzeln. Sie hatten Recht, als Oma hat man einen ganz besonderen „Dürfschein“.

(c) Marena Stumpf

Marena Stumpf 17.04.2007, 19.47

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