Marenas Musenstübchen
 





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Mord im Feriendorf



Mit gemischten Gefühlen parkte Christoph seinen Mercedes vor dem Grundstück seines Vaters. Er stieg aus und trug seine Reisetaschen den steilen Weg zum Ferienhaus hinauf. Freundlich grüßte er den Nachbarn, der gerade mit dem Rasenmähen fertig war.
Die Sonne schien einladend auf die Terrasse. Christoph legte bunte Sitzkissen auf die Holzbänke und genehmigte sich ein Bier. Für einen Moment schloss er seine Augen, atmete tief die würzige Waldluft ein und sah sich in Gedanken wieder mit seinen Freunden Räuber und Gendarm spielen.
„Kommen Sie aus Berlin?“, unterbrach der Nachbar unsanft Christophs Tagträumerei. „Wie lange wollen Sie bleiben?“

„Weiß noch nicht genau. Mal sehen, wie lange ich es in dieser Einöde aushalte! Ziemlich schwül heute, haben Sie Lust auf ein kühles Bier?“, fragte Christoph anstandshalber.
Gemächlich schlurfte der alte Mann über das Gras und setzte sich zu Christoph. „Tag, noch Mal. Mein Name ist Rupprecht. Was führt Sie denn zu uns? Hier oben ist Totentanz bei Tante Elli – wenn Sie verstehen was ich meine.“ Rupprecht grübelte, wo er dieses Gesicht schon einmal gesehen hatte.
Christoph holte eine zweite Flasche Bier aus dem Kasten und stellte sie vor seinen Gast.
„Vor zwanzig Jahren verbrachte ich oft als Kind meine Ferien hier mit meinen Eltern.“ Nachdenklich sah Christoph über die Talsenke zu den anderen Waldhügeln hinüber. „Stand nicht früher auf diesem Grundstück ein großer Baum mit einem Baumhaus?“
Nervös hob Rupprecht seine Flasche Bier und leerte sie in einem Zug. Misstrauisch fragte er: „Kannten Sie die Käfersteins?“
Christoph schüttelte schweigend seinen Kopf und stellte seinem Nachbarn ein neues Bier hin.
„Käferstein ließ nach dem Tod seiner Frau den Baum fällen. Dieses Subjekt vergewaltigte regelrecht die Natur. Wissen Sie, als das Dorf damals gebaut wurde, waren wir eine große Familie, mit einigen Ausnahmen natürlich. Einmal im Jahr planten wir ein großes Fest. Jedes Haus ließ sich etwas Besonderes einfallen. Gerlinde und ich backten meist Kuchen und Torten. Käferstein, dieser niederträchtige Bursche, ließ sich von seinen Köchen raffinierte Kartoffelrezepte entwerfen und jubelte sie uns als seine eigenen Kreationen unter. Am Ende des Abends ermittelte eine Jury die besten Speisen des Tages. Der Sieger erhielt einen Lorbeerkranz mit gekreuzten goldenen Kochlöffeln. Für ein Jahr zierte er den Dachgiebel des Gewinners. Natürlich waren diese Goldenen Kochlöffel sehr begehrt. In den Medien wurde darüber berichtet, auch ich hätte diese Werbung gut für meine Konditorei gebrauchen können. Aber nein, dieses korrupte Schwein von Käferstein blendete alle mit seinen Betrügereien. Die Nacht vor unserem letzten Fest erwischte ich ihn, wie sein Partyservice heimlich vorbereitete krabbengefüllte Folienkartoffeln lieferte. Seine Frau musste sie am nächsten Tag nur noch mit einer Knoblauch-Käsesoße überbacken.“ Rupprecht unterbrach seinen Redeschwall und nahm wieder einen kräftigen Zug aus der Bierflasche. Mit seinem haarigen Handrücken wischte er sich den Mund ab.
Mittlerweile öffnete Christoph die zehnte Flasche Bier. „Was ist aus dieser Familie Käferstein geworden? Lassen die sich noch manchmal hier blicken?“ Christoph versuchte gleichgültig zu klingen.
„Nein, schon lange nicht mehr. Er kam nach dem Tod seiner Bettina nie wieder her. Er vermietet nur noch das Haus.“

„Woran ist Frau Käferstein gestorben?“, fragte Christoph beiläufig.
Rupprecht kniff seine kleinen braunen Schweinsaugen zusammen und wurde hellhörig. Eingehend musterte er Christophs Gesichtszüge. Er überlegte wieder, wo er diese leuchtenden hellblauen Augen schon einmal gesehen hatte und dann fiel es ihm wie ein Paukenschlag wieder ein. Es waren Bettinas Augen. Was hatte dieser Schnüffler hier zu suchen? Er musste sich Gewissheit verschaffen. „Ich besitze von unseren Dorffesten noch einige alte Fotos. Falls Sie Interesse haben, dann schauen Sie heute Abend auf ein Gläschen Wein bei mir vorbei. Wir könnten in alten Erinnerungen schwelgen.“
„Gerne“, sagte Christoph, in der Hoffnung noch mehr über den Tod seiner Mutter zu erfahren. Er legte sich zwei Stunden hin um wieder einen klaren Kopf zu bekommen.

Gegen 19.00 Uhr klopfte Christoph an Rupprechts Haustür. „Kommen sie rein“, rief er von der Küchenempore. Mit einer Weinflasche unter dem Arm und einem sauberen Glas in der anderen Hand stieg Rupprecht die fünf Stufen zum Wohnzimmer hinunter. “Der Korken will nicht aus der Flasche gehen. Wollen Sie Mal ihr Glück versuchen?“
Für einen Moment starrte Christoph auf das Etikett. Er stieß einen bewundernden Pfiff aus. „Das ist ein edler Tropfen, Jahrgang dreiundsiebzig, der Firma Käferstein. Die haben Sie aber lange aufbewahrt. Wollen Sie den nicht lieber für einen feierlicheren Anlass aufheben?“
„Einen besseren Anlass kann ich mir kaum vorstellen. Nur zu mein Freund! Ich bekomme nicht oft so netten Besuch.“
„Und Sie? Wollen Sie nicht kosten?“, fragte Christoph sein Vis-a-vis.
„Danke, ich habe noch.“ Er zeigte mit dem Finger auf das volle Glas, das bereits auf dem klebrigen Couchtisch stand.
„Sie wissen nicht was sie verpassen.“ Christoph zwinkerte ihm kameradschaftlich zu.
„Oh, doch, mein Junge! Das weiß ich!“ Rupprecht kramte aus einem Schuhkarton einige alte Aufnahmen hervor. „Das hier ist Käferstein mit seiner Familie.“
Christophs Gesicht wurde dunkelrot, als er das Bild seiner Mutter sah. Ein dicker Knoten im Hals schnürte ihm allmählich die Kehle zu. Hastig trank er noch einen großen Schluck aus dem Weinglas.
„Irgendwie hat der kleine Chrissi Ähnlichkeit mit Ihnen. Finden Sie nicht auch?“ Rupprecht studierte Christophs Gesicht.
„Alle kleinen Jungen sehen sich in diesem Alter ähnlich“, lallte Christoph und sein Körper wurde schwer wie Blei.
„Ist Ihnen nicht gut, Chrissi? Das wird sicher gleich vorbei sein.“, beruhigte Rupprecht seinen jungen Gast.
Unkontrolliert rollte Christophs Kopf hin und her. „Hoffentlich“, röchelte er. „Wasser! Mir ist so...“
Rupprechts Gesicht nahm etwas Fratzenhaftes an. „Du kannst jetzt noch nicht gehen, ich muss dir unbedingt den Rest der Geschichte erzählen. Während des Festes ging ich zu meinem Haus zurück und präparierte eine gute Flasche Rotwein. Ich löste Arsen auf, zog das Gemisch in einer Spritze auf und injizierte diese tödliche Mixtur durch den Korken. Dann ging ich wieder zurück. In aller Öffentlichkeit entkorkte ich die Flasche und schenkte zwei Gläser ein. Eines davon reichte ich deinem Vater, aber leider wurden wir von einem Gast gestört. Er stellte das Glas auf dem Tresen ab. An unserem Stand hatten wir alle Hände voll, mit dem Kuchenverkauf, zu tun. Ich bemerkte nicht, dass deine Mutter irrtümlich den Rotwein getrunken hatte. Sie krümmte sich und brach ohne Vorwarnung zusammen. Ein anwesender Arzt konnte nur noch ihren Tod feststellen. In den folgenden Tagen kümmerte sich meine Frau rührend um dich und deinen Vater. Abends schwärmte sie mir von diesem Käferstein vor, und eines Tages wollte sie mich sogar wegen diesem Schnösel verlassen. Das wusste ich zu verhindern. Beim Abendbrot verabreichte ich ihr den Rest von diesem speziellen Tröpfchen. Noch in der gleichen Nacht vergrub ich Gerlinde im Blumenbeet und verbreitete das Gerücht, sie sei mit euch durchgebrannt.“
Rupprecht griff nach Christophs Handgelenk und versuchte seinen Puls zu fühlen. Er hievte den leblosen Körper auf die Schulter und schleppte ihn keuchend auf den Beifahrersitz. Leise flüsterte er: „So mein Freund, wir machen jetzt eine kleine Spritztour zu den Serpentinen. Wie von Geisterhand wird dein toller Schlitten in die Schlucht stürzen und kein Mensch käme jemals auf die Idee, dass der alte Mann vom Feriendorf etwas mit diesem furchtbaren Unfall zu tun hatte.“

(c) Marena Stumpf



Marena Stumpf 06.04.2007, 07.23

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