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Ausgewählter Beitrag
Ignatz und Mariken
Auf den ersten Blick schien alles im Gewächshaus der Gärtnerei ruhig zu sein, doch wenn man genauer hinsah, stimmte das überhaupt nicht. Kein Windchen wehte und trotzdem wackelten die Blätter der Topfpflanzen hin und her. Ab und zu war ein ganz leises summen zu hören das kurz darauf wieder verstummte.
Hinten in der Ecke begann sich das aufgetürmte Laub zu bewegen. Neugierig flog Mariken, das rot-schwarz gepunktete Marienkäfermädchen, zu dem Haufen herüber und wollte nachsehen was dort raschelte. Zu ihrer großen Überraschung sah sie, wie sich unter den vertrockneten Blättern etwas glänzendes mit zwei Löchern heraus wühlte. Sie bekam Herzklopfen und konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen was das sein konnte. Sie schwebte auf der Stelle, summte dabei ganz leise und starrte gebannt unter sich. Plötzlich schälten sich zwei dunkelbraune Knopfaugen und ein ganz stacheliger Körper aus dem Blätterhaufen heraus. Noch etwas schlaftrunken blieb der ungebetene Gast einen Moment blinzelnd in der Sonne sitzen, bis ihm ein lautes Hatschi entfleuchte.
„Gesundheit“, sagte Mariken, die gut erzogen war.
Das braun-weiß stachelige Ding schaute sich scheu nach allen Seiten um. „Danke“, antwortete er und fragte kess, „und wo ist mein Essen?“ doch er sah keinen der mit ihm sprach.
„Hallo, hier oben bin ich“, rief sie ihm zu.
So sehr sich der stachelige Geselle auch bemühte, er konnte niemanden entdecken.
Nachdem Mariken sich wieder beruhigt hatte flog sie ein Stückchen näher an das unbekannte Wesen heran. Vergeblich versuchte er das lästige Insekt mit seinen Greiffingern zu verscheuchen.
Mariken ließ sich nicht so leicht einschüchtern. Endlich geschah mal etwas aufregendes im Gewächshaus und sie wollte unbedingt wissen, was dieser Eindringling hier zu suchen hatte.
„Also, wer bist du und was machst du hier?“ herrschte sie den Fremden an.
Gelangweilt gähnte das Tierchen und antwortete: „Ich bin Ignatz, der Igel, und ich habe hier überwintert. Der Gärtner war so freundlich und gab mir hier im Gewächshaus ein Plätzchen, damit ich draußen in der Kälte nicht erfrieren musste. Hast du vielleicht mein Tellerchen mit dem Futter gesehen? Bevor ich einschlief stand es noch hier!“
Ignatz störte die ständige Summerei vor seiner Nase und er fuchtelte wild mit seinen Vorderpfoten vor seinem Gesicht herum.
Vorsichtshalber breitete das Marienkäfermädchen ihre Flügel aus und hob ab. Sie schwebte mit etwas Abstand nun über seinem Kopf. Anstandshalber stellte sie sich vor. „Ich werde von meiner Familie Mariken gerufen, wir wohnen auch hier und helfen dem Gärtner die kranken Pflanzen gesund pflegen.“
Ignatz knurrte der Magen, ihm war so ziemlich alles egal was Mariken zu erzählen hatte. „Wo zum Kuckuck blieb nur der Gärtner mit dem Essen“, dachte er, und dann fiel ihm wieder ein, wie er sich den letzten Sommer mit Mäusen, Schnecken, Asseln, Regenwürmern, Kröten, Käfern und Spinnen den Bauch voll geschlagen hatte. Tja, und dann passierte das furchtbare Unglück als er dick und rund im Maschendrahtzaun stecken blieb. Er versuchte sich zu befreien und zappelte dabei so heftig, dass er sich zu allem Überfluss an der Hinterpfote verletzte. Herr Fink fand ihn hinten im Garten und half ihm aus der Drahtfalle heraus. Er pflegte Ignatz und stellte ihm täglich frisches Katzenfutter und sauberes Wasser hin. Letztendlich tat ihm das verletzte Tier so leid, dass er für den Igel ein schönes Laubhaus aus Moos, Gestrüpp und vielen trockenen Blättern baute. Bei Kälteeinbruch wurde Ignatz ganz müde und er hielt bis heute seinen Winterschlaf.
Hm, was hatte das alles zu bedeuten, musste er jetzt etwa wieder selber mit leerem Bauch auf die Jagd gehen? Nein, das wollte ihm gar nicht gefallen. Vielleicht sollte er Mariken fangen und sie zum Frühstück verspeisen? Schnell überlegte er es sich anders, denn von einem Insekt wurde man wirklich nicht satt. Warum ließ er sich nicht lieber von Mariken die ganze Familie zeigen und so konnte er sie dann alle auf einen Schlag fressen. Irgendwie musste Ignatz herausfinden wo sich alle versteckten und er fragte sie hinterlistig: „Ja, wo ist denn deine liebe Familie, ich kann gar keinen entdecken. Oder bist du doch alleine hier?“ Immer noch hungrig schnüffelte er ruhelos in jeder Ecke herum. Mit Abstand folgte Mariken ihm, die immer noch sehr gesprächig war.
„Die sitzen alle unter den Pflanzenblättern und fressen die Blattläuse ab.“
Erstaunt schaute Ignatz nach oben und entdeckte tatsächlich unter den Blättern jede Menge dicker Marienkäfer.
„Och, jo“, sagte er hinterhältig und grinste dabei. „Da muss ich doch glatt auf den Tisch klettern und die mir Mal aus der Nähe ansehen.“
Mariken wurde ein bisschen misstrauisch und versuchte ihn abzulenken. „Das ist viel zu hoch für dich, Ignatz. Lasse es lieber sein. Meine Familie ist hier zum arbeiten, also halte sie nicht davon ab!“
Mühsam kletterte Ignatz an einem eckigen Tischbein hoch. Er schnupperte an einem Pflanzenstängel und leckte den klebrigen Honigtau ab, den die Blattläuse hinterließen. Angestrengt dachte er nach, wie er sie alle auf einmal erwischen konnte ohne dass sie ihm davon flogen.
„Mariken, komme doch bitte zu mir und erkläre mir, was deine Familie hier macht. Irgendwie seht ihr alle gleich aus. Kann ich mir mal deine Familie ganz aus der Nähe ansehen?“
Mariken wurde die ganze Sache immer unheimlicher. Ignatz rückte ihr nun doch zu sehr auf die Pelle. „Hast du nicht Lust uns zu helfen? Die Blattläuse stechen mit ihren Rüsseln die Pflanzen an und saugen den ganzen Saft aus. Wie du hier oben siehst, rollen sich die grünen Blätter zusammen, sie werden braun und sterben dann ab. An einem Tag fressen wir Sieben-Punkt Marienkäfer so zwischen dreißig bis neunzig Larven. Glaube mir, am Abend sind wir pappsatt. Willst du mal dein Glück versuchen?“
Nein, in die Nase wollte er sich bestimmt nicht stechen lassen. Mit solchem Kinderkram gab er sich nicht ab. Gerade als Ignatz mit seinem Pfötchen ausholte und einige Marienkäfer fangen wollte, öffnete sich die Tür zum Gewächshaus und der Gärtner trat ein. Er warf einen kurzen Blick über die verlausten Pflanzen und stellte zufrieden fest, dass die fleißigen Marienkäfer schon eine Menge Schädlinge abgefressen hatten. Ignatz musste schon wieder niesen und so entdeckte ihn der Gärtner mitten auf dem Tisch.
„Hast du endlich ausgeschlafen, du Schlawiner? Geht es deinem Pfötchen wieder besser? Na ja, wer schon wieder auf den Tisch klettern kann, der muss wohl bei bester Gesundheit sein. Gerade wollte ich dich wecken kommen, draußen beginnt der Frühling und es wird wieder warm.“ Der Gärtner hob den Igel vorsichtig hoch, doch Ignatz erschreckte sich und rollte sich ganz schnell zu einer stacheligen Kugel zusammen.
„Na, na, wer wird denn gleich so borstig sein? Schau her, was ich dir leckeres mitgebracht habe…“, und Herr Fink stellte dem Igel einen Teller mit Katzenfutter hin.
An den leckeren Geruch des Futters konnte sich Ignatz noch lebhaft erinnern und er wusste auch, dass der Gärtner es gut mit ihm meinte. Vor lauter Hunger meldete sich sein knurrender Magen wieder und er vergaß sogar seine anfängliche Angst darüber. Langsam entrollte sich Ignatz und tippelte mit kleinen flinken Schritten zum gefüllten Unterteller. Ratzefatz fraß er das Futter auf. Als er fertig war, leckte er sich genüsslich mit seiner kleinen Zunge das Mäulchen ab. Schnell waren seine dummen Gedanken, die Marienkäfer zu fressen, verflogen.
Mariken war froh als der Gärtner den aufdringlichen Igel vom Tisch hob und ihn wieder unten auf den Laubhaufen setzte. Erleichtert flog sie noch eine Runde durch das Gewächshaus und landete dann sicher auf einem Pflanzenblatt, wo sie sofort wieder mit dem Abfressen der Blattläuse begann.
(c) Marena Stumpf
Marena Stumpf 06.04.2007, 07.49
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