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Ausgewählter Beitrag
Ein Sommermorgen am Weiher
von Dagmar Buschhauer
An einem Weiher, außerhalb des Dorfes, von Wiesen und Wald umgeben, zwitscherten im Morgengrauen die ersten Singvögel. Frühnebel zog wabbernd über seine stille Oberfläche und verflüchtete sich allmählich. Die aufgehende Sonne tauchte den Horizont in ein mildes Licht. Es versprach wieder ein schöner Sommertag zu werden. Das Dorf schlief noch, und außer dem Bellen eines Hofhundes, war kein Laut zu hören.
Am Ufer des Weihers standen mehrere Reiher, die ihre Morgenmahlzeit fischten. Rasant landete ein Storch auf der Wiese. Mit langen Schritten gesellte er sich zu ihnen. „Flott, flott“, riefen ihm die Reiher zu, „du scheinst ja schon voller Tatendrang zu stecken so früh am Tag.“ Der Storch begrüßte sie mit fröhlichem Geklapper und meinte: „Tja Leute, was will man machen? Die Nacht war lang, und unser Nachwuchs hat einen gewaltigen Appetit. Während meine Frau das Nest in Ordnung bringt, will ich eben das Frühstück für alle besorgen.“ Sagte es, und schwupp, hatte er schon den ersten Frosch gefangen.
„Ja, ja“, seufzten die Reiher, „uns geht es genauso. Unsere Frauen haben uns auch auf Futtersuche geschickt. Bis die Jungen groß sind, ist es ein gutes Stück Arbeit ihre hungrigen Mäuler zu stopfen. Manchmal muss man weite Wege zurücklegen, um genügend Essbares für alle zu finden.“
„Da habt ihr recht“, klapperte der Storch und fing den nächsten Frosch, „die Mäuse sind in diesem Jahr auch nicht so fett wie sonst. Außerdem fangen die Greifvögel sie uns oft genug vor dem Schnabel weg, sodass wir viel länger mit der Suche beschäftigt sind.“
Diesen letzten Satz bekam eine kleine Feldmaus mit, die sich ganz in der Nähe unter einem Haselnussstrauch aufhielt. Verflixt, ein Storch! Vor Schreck wäre sie fast gestorben. Nix wie weg und die anderen warnen, dachte sie nur noch. Sie nahm ihr Mauseherz in beide Pfötchen, und lief, so schnell sie konnte, davon.
Durch das Rascheln im Strauch aufmerksam geworden, bemerkten die Reiher die kleine Maus. „Schau mal, Storch, dort rennt deine Mahlzeit“, lachten sie.
„Oh“, antwortete er bedauernd, „das wäre wahrlich ein feines Häppchen gewesen. Es ist doch zu schade, dass Mäuse so schnell flitzen können.“
„Einmal haben wir sogar, als es wenig zu Essen gab, Goldfische aus einem Zierteich der Menschen stibitzt“, führten die Reiher die unterbrochene Unterhaltung fort, „hat uns richtig Spaß gemacht sie zu fangen. Es war zwar etwas schwierig, weil sie immer wieder unter die Teichrosen entwischten, doch es hat ihnen nichts genutzt.“
„Einen Goldfisch hatte ich noch nie“, staunte der Storch.
„Och, ist nichts besonderes“, sagte einer der Reiher heiter, „Fisch ist Fisch.“
„Du bist ja auch kein Feinschmecker“, neckten ihn die anderen, „irgendwie sind sie doch oberflutschig.“
„Schaut mal, da kommt jemand, der es ganz schön eilig haben muss“, sagte der Storch plötzlich.
Von weitem sahen sie eine Staubwolke, die sich rasch dem Weiher näherte. Vorsichtig geworden und zum schnellen Abflug bereit, sahen ihr alle gespannt entgegen. Dann erblickten sie ein regelrechtes Drama. Ein gut genährtes Kaninchen raste Haken schlagend auf sie zu, verfolgt von einem anscheinend sehr hungrigen Fuchs.
„Aus dem Weg!“, schrie es sich fast überschlagend. „Dieser Bursche hat die Absicht, mich zu verspeisen!“
„Wollen wir das nicht am liebsten alle?“, klapperte der Storch aufgeregt und mit glänzenden Augen. „Schade, dass du zu groß bist, dich hätte ich auch gerne als Imbiss.“
Die ganze Gesellschaft flog hoch, um den beiden aus dem Weg zu sein, und kreiste eine Runde über dem Weiher. Sie sahen zu, wie Jäger und Gejagter am Horizont immer kleiner wurden, bis sie schließlich aus ihrem Blickfeld verschwanden. Dann landeten sie wieder.
„Und das am frühen Morgen“, schnatterten ein paar Enten aufgeregt, die nahe am Ufer vorbeischwammen und das Schauspiel mit ansahen.
„Jetzt nur nicht blicken lassen“, flüsterte ein Fisch unter ihnen im Wasser seiner Familie zu, „und keine Albernheiten von den Kleinen, wie an die Oberfläche hochspringen und so. Als wenn es mit den großen Vögeln da oben nicht schon gefährlich genug wäre, nun kommt auch noch das gefräßige Federvieh daher!“
Mittlerweile stieg die Sonne höher. Es summte und brummte ringsumher. Die Lerchen sangen mit Inbrunst hoch am Himmel ihr Lied. Bunte Schmetterlinge flogen über blühende Wiesen, und Rehkinder spielten vergnügt am Waldrand. Übermütig versuchten sie sich gegenseitig mit den tollsten Bocksprüngen zu übertreffen. Auf den Weiden grasten Kühe, die sich zärtlich um ihre Kälbchen kümmerten. Ein Maulwurf steckte seine Nase aus einem frisch geschaufelten Haufen und verschwand sofort wieder unter Tage, als die Morgensonne ihn kitzelte.
Nun hörte man auch aus dem Dorf die ersten Geräusche, bald würde es heller Tag sein. Über dem Weiher flogen die munteren Schwalben, die dicht über dem Wasser nach Insekten jagten. Ihr fröhliches Gezwitscher erfüllte die Luft.
Storch und Reiher verabschiedeten sich.
„Macht` s gut, Jungs, die Familie schreit nach Frühstück, ich muss weiter“, sagte der Storch und flog auch schon los.
„Ja, man sieht sich“, riefen die Reiher ihm nach, „vielleicht treffen wir uns schon morgen in aller Frühe wieder hier.“ Dann begaben sie sich wieder auf Nahrungssuche.
Marena Stumpf 05.04.2007, 15.44
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vom 17.01.2011, 12.04