Marenas Musenstübchen
 





Statistik
Einträge ges.: 53
ø pro Tag: 0
Kommentare: 102
ø pro Eintrag: 1,9
Online seit dem: 18.03.2007
in Tagen: 1890

Ausgewählter Beitrag

Dufte Äpfel

Dufte Äpfel

Eva Zimmermann

„Nun mach schon! Du bist nicht zum Rumstehen hier! Los, fass endlich mit an!“ Piet war sauer auf seinen Kumpel, der es nicht eilig zu haben schien. Er selbst hatte schon eine ganze Vitrine ausgeräumt. Jan dagegen stand apfelkauend da und rührte keinen Finger. Nun aber gab er sich einen Ruck, legte den angebissenen Apfel auf den Verkaufstisch und öffnete die Tür eines weiteren, etwas abseits stehenden gläsernen Schaukastens. Ein ohrenbetäubender Lärm brach los. „Mist, der Alarm!“, stieß Piet hervor. „Lass uns ‘ne Fliege machen, bevor die Bullen kommen!“ Er ließ noch ein paar goldene Schmuckstücke in die Tasche gleiten, bevor er zum Ausgang hastete. Auch Jan raffte drei oder vier Perlenketten aus der Vitrine, steckte den angebissenen Apfel in seine Jackentasche und schon verschwanden beide durch die Hintertür. Das Auto wartete bereits mit laufendem Motor. Die beiden Schmuckdiebe gingen betont ruhig und, wie sie hofften, ohne Aufsehen zu erregen, zu dem Wagen, in dem Ferdi auf sie wartete. „Los, drück auf die Tube“, kommandierte Piet, „aber bleib unauffällig!“

Kommissarin Jutta Menders sah sich am Tatort um. Ihr Assistent, Ben Freitag, knöpfte sich inzwischen die Nachbarschaft vor. Frau Menders konnte zwar nichts sehen, das auch nur den kleinsten Hinweis auf die Täter gab, doch irgendetwas war ungewöhnlich. Sie spürte es, konnte es jedoch nicht beim Namen nennen. Aber sie machte sich darüber vorerst keine Gedanken, denn sie wusste, dass es ihr früher oder später einfallen würde.

Ihr Handy klingelte. „Eine Nachbarin hat den Alarm gehört und aus dem Fenster gesehen“, verkündete Ben, „und sie hat sich sogar die Nummer des Fluchtwagens aufgeschrieben. Natürlich gestohlen!“ – „Gut! Wir müssen nach dem Auto fahnden!“ Die Kommissarin fühlte, dass ihr Assistent grinste. „Schon geschehen!“, war seine Antwort, „Und schon gefunden! Er steht nur ein paar Straßen von hier!“ 

Die drei Männer waren inzwischen in Ferdis Auto umgestiegen, das sie nicht weit vom Juweliergeschäft geparkt hatten. „Du machst alles wie besprochen“, sagte Piet, der sich gerne als der Boss aufspielte, zu Jan. Der nickte, während er den Schmuck in seinen Rucksack stopfte. Außer ein paar Äpfeln war nichts darin, daher war genug Platz für die Juwelen. Jan steckte eine der Früchte in die Jackentasche und bemerkte dabei, dass der angebissene Apfel fehlte. War er ihm hinausgerutscht? Er verschwendete jedoch keinen weiteren Gedanken daran. Dann sah er auf. „Da vorne, das weiße Haus, das ist es. Kannst mich hier schon rauslassen“, sagte er zu Ferdi. „Bist du sicher, dass alles klar geht? Merkt die Alte nichts? Ist sie schon zu senil?“, fragte Piet, obwohl sie alles vorher schon dreimal durchgekaut hatten. Jan verlor allmählich die Geduld. „Mensch, ich habe dir doch gesagt, dass sie um diese Zeit immer einkaufen geht! Mach dir jetzt nicht in die Hose! Es ist der sicherste Platz, solange die Ware heiß ist. Darauf kommt niemand!“ Damit stieg er aus und schlenderte auf das Haus seiner Großmutter zu. In der Hand hielt er schon wieder einen Apfel und biss kräftig hinein.

Jutta Menders und Ben Freitag stiegen aus ihrem Auto und begutachteten den grünen Mercedes, den die Diebe unverschlossen abgestellt hatten. Die Kommissarin öffnete die Tür und streckte den Kopf ins Wageninnere. Sie stutzte, schnupperte, und rief dann triumphieren: „Ich hab’s!“ Verständnislos sah Ben sie an, als er in der Hand seiner Vorgesetzten einen halb gegessenen Apfel entdeckte. „Ich wusste, dass am Tatort irgendetwas seltsam war. Jetzt ist alles klar: Es roch dort nach Äpfeln! Etwas ungewöhnlich für einen Juwelenladen, nicht?“ Dem jungen Mann war deutlich anzusehen, dass er keinen blassen Schimmer hatte, warum dieser Geruch so wichtig sein sollte. „Apfel-Jan!“, erklärte Frau Menders. „Sagt dir das was?“ Ben nickte. Dieser Spitzname war auch ihm ein Begriff, zumal Jan und er dieselbe Schule besucht hatten. Sein Mitschüler war im ganzen Ort dafür bekannt, dass er für alle kleineren und größeren Apfeldiebstähle der Umgebung verantwortlich war. „Obst ist ihm inzwischen wohl eine Nummer zu klein geworden“, meinte die Polizistin, „und nun verlegt er sich auf Gold. Wohnt er noch bei seiner Großmutter?“ Ben schüttelte den Kopf. „Er ist bei einem Kumpel untergekommen, soweit ich weiß, aber ich habe keine Ahnung, wo der wohnt.“ Jutta Menders seufzte. „Wäre ja auch zu einfach gewesen. Aber trotzdem, ich finde, wir statten ihr mal einen Besuch ab!“

Als Frau Sander die Polizistin sah, wurde sie blass. Zu oft schon hatte diese Frau vor ihrer Tür gestanden und nie hatte es etwas Gutes bedeutet. Da sie der Nachbarschaft aber keinen Gesprächsstoff liefern wollte, sagte sie: „Kommen Sie rein!“ und zog die Kommissarin hastig ins Haus. Freitag folge, bevor sich die Tür schloss. Ihm fiel auf, dass seine Vorgesetzte schnupperte, aber sie sagte nichts.

„Frau Sander“, begann Jutta Menders, „wann haben Sie Ihren Enkel Jan zuletzt gesehen?“ Die alte Frau hatte durch schmerzliche Erfahrung gelernt, dass Lügen nichts halfen. Daher sagte sie wahrheitsgemäß: „Der Junge kam heute, als ich gerade zum Einkaufen gehen wollte. Er meinte, ich solle mich nicht aufhalten lassen, er wolle sich nur eine Tasse Kaffee machen und dann wieder verschwinden.“ - „Hm, Kaffee klingt gut! Ich hätte gegen ein Tässchen auch nichts einzuwenden!“, unterbrach die Kommissarin sie. Frau Sander verstand sofort und verschwand Richtung Küche.

Kommissarin Menders gab ihrem Assistenten ein Zeichen und er folgte der alten Frau, um sie so lange wie möglich vom Korridor fernzuhalten.

Die Polizistin begann sofort, sich auf den Geruch im Flur zu konzentrieren, und schon bald war ihr klar, dass er vom Fußboden aufstieg. Und richtig – zwei der hölzernen Bodendielen unterschieden sich deutlich von den anderen, weil der Staub in den Ritzen fehlte. Nach kurzer Suche fand die Kommissarin in einer Ecke, halb von der Garderobe versteckt, eine Eisenstange, mit deren Hilfe sie die Dielen hochstemmte.

Bingo! In dem Hohlraum unter dem Boden lag ein prall gefüllter Rucksack, in dem die Frau nicht nur alle entwendeten Schmuckstücke fand, sondern auch drei unter der Last der Juwelen etwas zerquetschte Äpfel, von denen ein verlockender Duft aufstieg.

Der Rest war schnell erledigt. Frau Sander rückte zwar ungern, aber doch wahrheitsgemäß, mit Jans neuer Adresse heraus. Frau Menders und Ben spürten das verblüffte Trio dort auf, das keinerlei Widerstand bei der Verhaftung leistete.

Welch ein Glück für die Polizei, dass Jan diese stark duftende, wohlschmeckende Apfelsorte bevorzugte!

(c) Eva Zimmermann

Marena Stumpf 14.09.2009, 16.03

Kommentare hinzufügen

Die Kommentare werden redaktionell verwaltet und erscheinen erst nach Freischalten durch den Bloginhaber.











Kommentare zu diesem Beitrag

8. von Claudia Fischer

Tolle Geschichte. Hat mir echt gefallen. Ein Hoch auf die duftenden Äpfel. :ok:

vom 10.01.2011, 14.52
7. von Irene Kohl

Komisch dass man nur mit ein Geruch eine Geheimniss lösen kann! Es hat mir gut gefallen. :)

vom 16.11.2010, 11.19
6. von marilena kleine

War eine gute Lesung! danke dass du es hier gepostet hast :) ich liebe Krimis :D LG, Mari

vom 22.10.2010, 13.30
5. von Gloria H.

Klasse! Ich liebe diese Geschichten :D

vom 20.10.2010, 15.02
4. von Bauer

Einfach klasse!

vom 14.10.2010, 14.39
3. von Sina

Supi :)

vom 13.10.2010, 14.27
2. von Jecki

Lustig und gut geschrieben :D

vom 13.10.2010, 11.29
1. von Eric

Echt wunderschön :-) :ok:

vom 10.08.2010, 12.24
RSS 2.0 RDF 1.0 Atom 0.3
Marenas Musenstübchen

Suche
Es wird in allen
Einträgen gesucht.