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Ausgewählter Beitrag
Die Wunderperle
Nach Schulschluss rannte Martina hinunter zum Strand. Dort hielt
sie sich am liebsten auf. Bei jeder
herannahenden Welle sprang die Achtjährige vor Begeisterung in die Höhe und
jubelte. Sie beobachtete die
kreischenden Möwen über sich, wie sie durch die Luft segelten und nach Futter suchten.
„Ach, warum kann ich nicht sein wie Jonathan, die Möwe?“, dachte sie. „Der
musste auch nicht in die Schule gehen und war klug. Hätte ich doch nur eine
nette Lehrerin, die mich auch manchmal lobt und nicht ständig mit mir herummeckert. So macht Lernen doch überhaupt
keinen Spaß.“
Gedankenversunken ging Martina weiter und bemerkte die nächste heran
rollende Welle nicht, die sie von oben bis unten pitschnass spritzte. Sie
kicherte und ihr fiel die Geschichte vom
Herrscher aller Meere ein. „Oh, Neptun grollt in der Tiefe wieder mit seinen Untertanen“, flüsterte sie,
doch um Ihre Kleidung machte sie sich keine Sorgen, denn sie wusste, dass die
wärmenden Sonnenstrahlen ihre nassen Sachen in Windeseile trocknen würden.
Die nächste Welle spülte zwei wunderschöne, geschlossene Muscheln
genau vor ihre Füße. Das Mädchen bückte sich, hob die geschlossenen Schalen auf
und freute sich über ihren Fund. Die Farben ähnelten einem kleinen Regenbogen.
So etwas Tolles hatte Martina noch nie gesehen. Plötzlich öffnete sich eine
Muschel direkt vor ihren Augen.
„Habe keine Angst“, sprach ein zartes Stimmchen, „ich möchte mit
dir reden. Das Meer hat uns an Land gespült und wir müssen unbedingt ins Wasser
zurück, sonst sorgen sich unsere Eltern um uns. Kannst du uns dabei behilflich
sein? Hebe uns auf und werfe uns, so weit es geht, ins Meer zurück.“
Martina traute ihren Ohren nicht. Ja, gab es denn so etwas – eine
Muschel die sprechen konnte? Das Kind kniete sich vor die beiden Gehäuse und
betrachtete sie eingehend. „Spinne ich, oder kannst du wirklich reden?“, fragte
sie ungläubig.
„Wir sind keine gewöhnlichen Muscheln. Plötzlich wurden wir erfasst
und aus dem Meer geschleudert. Wir möchten so gerne zu unserer Familie zurück.
Kannst du uns dabei behilflich sein?“
„Das will ich gerne machen“, antwortete Martina und hob die beiden
Schalen auf. Gerade als sie ausholte und die Hand zum Wurf ansetzte,
meldete sich die offene Muschel noch einmal. „Wir möchten uns für deine Hilfe
bedanken. Nehme diese kleine Perle aus meinem Gehäuse und du wirst drei Wünsche
frei haben. Reibe sie an einem Stückchen Stoff und sage deinen Wunsch. So wird
es geschehen. Aber überlege deine Wünsche gut, es darf nichts mit käuflichen
Dingen zu tun haben. Sonst schlägt es genau ins Gegenteil um.“
Martina tat, wie ihr geheißen war und warf die Muscheln im hohen
Bogen ins Meer. Sie blieb noch eine Weile stehen, um sicher zu sein, dass die
Muscheln nicht wieder an Land gespült wurden. Glücklich betrachtete sie ihren
kostbaren Schatz. Sie eilte nachhause und legte die Kostbarkeit in ihr kleines
rotes Samtkästchen.
Abends im Bett dachte sie noch einmal über ihr Erlebnis nach.
Schnell sprang sie unter der Decke hervor, holte die Perle und legte sie unter ihr Kopfkissen. Bald darauf schlief sie ein. Aus der Ferne vernahm Martina leises
Meeresrauschen und plötzlich sah sie sich am Strand, inmitten lauter
schillernden Muscheln. Ein wunderschönes, blondes Wesen entstieg dem türkisfarbenem
Wasser, winkte ihr zu und sprach: „Ich möchte mich bei dir bedanken, dass du
meinen kleinen Lieblingen geholfen hast. Was quält dich so? Kann ich dir
behilflich sein?“
Unruhig bewegte Martina ihren Kopf hin und her. „Ich will in der
Schule nicht sitzenbleiben. Meine Eltern wären darüber ganz traurig und die
anderen Kinder in der Schule würden mich hänseln. Was kann ich nur machen?“,
schluchzte die Kleine.
Die Wasserfee lächelte verständnisvoll. „Du musst viel üben und
deine Hausaufgaben machen, dann wirst du
auch gut in der Schule sein.“
„Das nehme ich mir ja jeden Tag vor, doch wenn die Sonne scheint, dann gehe ich viel lieber am Strand Muscheln sammeln. Das macht viel mehr
Spaß, als das langweilige Lernen.“
Natürlich wusste das Mädchen, dass es sich auf den Hosenboden
setzen musste, wenn es nicht die Klasse wiederholen wollte.
„Ich mache dir einen Vorschlag“, sagte die Fee. „Du schaust jeden
Tag in deine Schulbücher und lernst ein bisschen. Abends legst du die Perle und
das Lehrbuch unter dein Kopfkissen. Wenn du am nächsten Morgen aufwachst, dann
wirst du alles, was für dich wichtig in der Schule ist, wissen.“
„Und das soll funktionieren?“, fragte das Mädchen ungläubig.
„Für heute schlafe weiter, aber ab morgen fangen wir damit an.
Versprochen?“ Dann verschwand die schöne Gestalt wieder.
Martina rollte sich im Bett unruhig hin und her. Sie wusste, dass
sie morgen eine Klassenarbeit schreiben würde und wie sollte es auch anders
sein, sie hatte dafür nicht geübt. Vor lauter Angst bekam sie Bauchschmerzen.
Was sollte sie nur machen? Dieser komische Traum ließ sie aufwachen. Plötzlich
wurde ihr ganz heiß und sie bekam Durst.
Mit einer Taschenlampe schlich sie die knarrenden Stufen zur Küche
hinunter und holte sich etwas zu Trinken. Sie hörte ihren Vater im Schlafzimmer
schnarchen und ging ganz leise wieder in ihr Zimmer zurück. Sie schaltete die
kleine Nachttischlampe neben ihrem Bett ein, holte die Perle hervor und dachte
nach. Wenn alles wirklich stimmte, was die Fee sagte, dann brauchte sie nur in ihrem
Deutschbuch die drei Seiten lesen und es anschließend samt Perle unter dem
Kopfkissen verstauen. Das wollte sie sofort
versuchen und am nächsten Morgen würde sie hoffentlich eine eins im Diktat schreiben.
Gespannt auf den neuen Tag ging Martina zur Schule. Gleich in der
ersten Stunde teilte die Lehrerin, Frau von Falkenvogel, die Diktathefte aus.
Dabei sah sie Martina eigenartig über
den Brillenrand an. Von ihr erwartete sie sowieso keine gute Note.
Das Mädchen holte die Federtasche aus der Schulmappe und hielt in der linken Faust die Perle festumklammert.
Jetzt konnte ihr nichts mehr passieren.
Die Lehrerin diktierte ganz ruhig und deutlich. Zwischendurch ging
sie durch die Reihen der Schulbänke und beobachtete die Schüler, damit auch
keiner abschrieb. Nachdenklich schaute Martina zur Decke und manchmal öffnete
sie ihre Hand, als ob dort die Antworten zu ihren Fragen verborgen waren.
Britta, ihre Schulkameradin, warf zwischendurch einen kurzen Blick zu ihr und
fragte sich, was für eine wundersame Verwandlung mit ihrer Freundin über Nacht geschehen war,
denn sie guckte überhaupt nicht rüber.
„Nicht abschreiben, Britta“, mahnte die Lehrerin, die nicht
wollte, dass ihre Lieblingsschülerin eine schlechte Note bekam. Frau von
Falkenvogel ertappte Martina dabei, wie sie die Hand öffnete und nach der Perle
schaute.
„Ach, hast du dir etwa einen Spickzettel in die Handfläche
geschrieben, damit du eine bessere Note bekommst?“, fragte sie argwöhnisch.
„Zeige mir sofort was du dort versteckst.“
Ertappt schüttelte Martina ihren hochroten Kopf. „Nein, ich habe
nichts in meine Hand geschrieben!“, beteuerte sie.
„Dann hast du auch nichts zu befürchten und kannst mir deine Hand
zeigen. Also los! Mach schon …“, beharrte die Lehrerin.
Vor Wut, dass man ihr nicht glaubte, stiegen bei Martina die
Tränen auf. Frau von Falkenvogel öffnete
die Hand der Schülerin gewaltsam. „Ach nein, du weißt doch, dass während der
Stunde jeglicher Art von Spielzeuge verboten sind.“
„Das ist meine Wunschperle!“, rief Martina beherzt und biss sich
gleich auf die Lippe um sich nicht noch mehr zu verplappern.
„Dann hättest du besser üben sollen!“ Frau von Falkenvogel
bewunderte die schimmernde Perle und nahm sie Martina aus der Hand. Sie rieb die
glitzernde Kugel an der Manschette ihrer Bluse und sagte: „Dann wünsche ich mir
jetzt, dass du eine genauso gute Schülerin wirst, wie deine Nachbarin, Britta! Dann
hast du auch nichts zu befürchten!“ Danach steckte sie die Perle in ihre
Hosentasche.
Martina war sehr traurig. Aus der Ferne hörte sie die Stimme der
Lehrerin und ihre Hand schrieb wie von Geisterhand geführt weiter. Beim
Einsammeln der Diktathefte warf Frau von Falkkenvorgel ihrer Schülerin einen bösen
Blick zu.
Seitdem die Lehrerin im Besitz dieser wundersamen Perle war,
fühlte sie sich voller Energie und zufrieden. Dieses Gefühl wollte sie noch
einen Tag auskosten. Am Nachmittag korrigierte sie zuhause die Diktate der
Kinder. Zu ihrer großen Überraschung
hatten Britta und Martina den gleichen Fehler. Beide schrieben: Die
Geschpenster spukten im Schloss. Ihr war sofort klar, dass Martina von Britta
abgeschrieben haben musste. Es war unmöglich, dass ein Kind so schnell
dazulernen konnte. Ihr fiel wieder die Perle in ihrer Hosentasche ein. Die
Lehrerin bewunderte diese und fragte sich, ob es eine Echte- oder Zuchtperle
war. So genau kannte sie sich auch nicht aus, zumal das Kügelchen zu schillern
begann.
Sie kochte sich einen Tee, setzte sich wieder an den Schreibtisch
und schaute die perlmuttfarbende Kugel an. Dann sagte sie: „Na, dann zeige mir
mal ob du wirklich zaubern kannst. Ich wünsche mir einen Mann, dem ich alle meine
Sorgen erzählen kann.“ Dabei polierte sie
die Perle am Revers ihrer Strickjacke. Anschließend packte sie für den nächsten
Schultag ihre Aktentasche.
Eine Stunde später klingelte es an der Wohnungstür der Lehrerin.
Ein junger Mann verbeugte sich vor ihr und stellte sich vor. „Mein Name ist
Robert Jung. Ich bin vor einem Monat hier eingezogen und habe nun ein kleines
Problem. Ich muss dringend eine Dienstreise antreten und wollte Sie fragen, ob
Sie meinen Kater Mäxchen füttern könnten. Es wäre ganz toll, wenn Sie auch
meine Blumen gießen würden und wenn es Ihnen nicht zu viel wird, bitte auch
meine Post aus dem Kasten nehmen.“
Frau von Falkenvogel war von Herrn Jung sehr angetan. Er sah gut
aus und schien auch gute Manieren zu besitzen. „Ja, gerne“, antwortete sie
freudig, „darf ich mir Ihr Mäxchen ansehen, dann weiß ich, ob wir beide
miteinander klarkommen.“
Herr Jung willigte ein und nahm sie mit hoch in die Wohnung. Der schwarz-weiße Kater kam ganz zutraulich
auf sie zugerannt und beschnupperte sie
neugierig..
„Wir könnten doch gleich du zueinander sagen, wenn mein Kater Sie
auf Anhieb mag“, meinte Robert und lud sie auf eine Tasse Kaffee ein. Noch
lange saßen Julia und Robert gemütlich beieinander und verabredeten sich nach
seiner Rückkehr zum Essen.
Julia fühlte sich verzaubert und fragte sich, ob dieses Treffen
irgendwie mit ihrem Wunsch zusammenhing. Schon lange hatte sie nach einem
geeigneten Partner gesucht. War das alles
nur ein Zufall? Kaum war sie zurück in ihrer Wohnung, griff sie abermals nach der Perle
und wünschte sich viel Geld und ein neues Auto.
Am nächsten Morgen machte sie sich auf den Weg zur Schule, mit
ihrem alten Audi. Gleich an der ersten Straßenkreuzung fuhr ihr jemand in die
Seite. Genervt stieg sie aus und brüllte den Mann an. „Haben Sie keine Augen im
Kopf? Warum passen Sie nicht auf? Sie haben wohl ihren Führerschein aus dem
Kaugummiautomaten gezogen. Was?““ Doch der Fahrer behauptete Stein und Bein,
dass sie bei rot über die Ampel gefahren sei. Sogar der Fahrzeughalter, der
hinter ihr fuhr, behauptete dieses auch. Schnell wurde ein Unfallprotokoll
aufgenommen und sie begab sich danach zur Arbeit.
Martina erwartete sie
bereits und forderte ihre Perle zurück. „Die habe ich heute nicht dabei“, log die Lehrerin gereizt und
verteilte die Diktathefte. Sie
überreichte Martina das Heft mit dem Kommentar: „Da hast du richtig gut von
Britta abgeschrieben. Ihr habt beide den gleichen Fehler gemacht. Am liebsten
hätte ich dir dafür eine fünf gegeben. Aber lassen wir das …“
Empört rief Martina: „Sehen Sie, lernen bringt doch nichts. Sie
glauben mir nicht einmal, wenn ich geübt habe. Sie waren doch gestern diejenige, die sich von meiner Perle gewünscht
hat, dass ich so gut wie Britta sein soll. Nun bin ich es und Sie sind immer
noch nicht zufrieden. Außerdem gehört die Wunschperle mir und nicht Ihnen!“
„Das ist ja interessant, vielleicht erzählst du uns noch ein
bisschen mehr von dieser Zauberperle“, bohrte die Lehrerin neugierig weiter.
Das Mädchen fühlte sich ertappt und schwieg. Sie fand das Benehmen der Lehrerin
unmöglich. Schließlich war es ihr Schatz und nun wollte diese Frau ihr die
Perle stehlen. In der großen Pause verließ Martina den Schulhof und rannte
weinend zum Strand. Außer Atem rief sie
nach der Wasserfee, die auch gleich zur Stelle war.
„Was ist dein Begehr, liebes Mädchen?“, erkundigte sie sich
besorgt.
Martina schniefte und wischte sich die Tränen von den Wangen und
erzählte, dass ihr die Lehrerin gestern die Perle abgenommen hatte.
„ich habe mich schon über deine seltsamen Wünsche gewundert. Nun
ist mir alles klar. Die Strafe hat deine Lehrerin heute Morgen bekommen. Sie
wünschte sich viel Geld und ein neues Auto. Ich sagte dir ja, es darf nichts
Materielles sein. Die Menschen sind von Natur aus habgierig. Sie wird immer
mehr für sich fordern und außerdem hat sie schon von mir drei Wünsche erfüllt
bekommen. Erst wenn sie erkennt, dass die Perle für sie wertlos geworden ist,
gibt sie dir dein Eigentum zurück. Lerne weiterhin fleißig für die Schule und
du wirst nichts zu befürchten haben.“ Die Fee winkte dem Mädchen zu und versank
wieder im Meer.
Martina rannte zur Schule zurück und tat so, als ob nichts
geschehen war. Frau von Falkenvogel war über das Verhalten ihrer Schülerin sehr
verärgert und setzte sie zur Strafe in die letzte Reihe.
Martina lernte weiterhin fleißig für die Schule und freute sich, wenn
sie mit guten Noten ihre Lehrerin ärgern konnte. Frau von Falkenvogel konnte
sich nicht erklären, warum die beiden Mädchen immer dieselben Fehler hatten,
obwohl sie nun weit auseinander saßen. Die Perle erfüllte ihr auch keine
Wünsche mehr und als sie am Ende des Schuljahres die Zeugnisse verteilte sagte
sie zu Martina: „Oh, ich habe da noch etwas für dich, ich glaube das gehört
dir!“, und legte ihr die Perle in die Hand.
Seitdem liegt die Wunschperle wohlbehütet in Martinas rotem Samtkästchen und wartet darauf, dass sie dem Mädchen drei Wünsche erfüllen darf.
(c) Marena Stumpf
Marena Stumpf 09.04.2008, 19.53
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Kommentare zu diesem Beitrag
Wer hat das Bild gemacht? Ich finde es sehr suess.
und die Geschichte ist auch wunderbar, wie gewohnt!vom 24.01.2011, 13.05
eine Wunschperle wollet ich sehr als Kind treffen...oder ein Fisch oder ein genie. Ach, Kindheit ist so wunderbar und naiv!
vom 24.10.2010, 15.42
Hallo, vielen Dank für die schöne Geschichte. Ich finde heutzutage gibt es viel zu wenig Neues.
Weiter so.vom 30.11.2008, 14.58



Wundervoll geschrieben. Hat mir gefallen.
vom 28.02.2011, 17.43