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Die quälende Frage

Dienstags besuchten Marc und Amanda meistens ihre Oma Marena, die sie liebevoll Ami nannten. Sie konnten es dieses Mal kaum abwarten, denn sie hatten richtigen Kummer und mussten ihn loswerden. Kaum saßen sie im Auto, da erzählten die Kinder ganz empört, was ihr Papa am Vorabend zu ihnen gesagt hatte: „Für einen Adventkalender seid ihr schon viel zu groß!“ Das empfanden die Siebenjährige und der Achtjährige überhaupt nicht so und wollten sofort Amis ehrliche Meinung dazu hören. Sie hatte für ihre Lieblinge immer ein offenes Ohr. Kaum waren die drei zuhause angekommen, da setzte sich die Großmutter an den Computer und schrieb schnell eine E-mail an den „Nikolaus“.
Einige Tage später meldete sich der „Nikolaus“ per Internet und antwortete, dass sich dieses Jahr so viele Kinder einen Kalender wünschten und er mit der Produktion nicht hinterher käme. Da die beiden aber das ganze Jahr in der Schule fleißig waren, würde er diese Angelegenheit zur „Chefsache“ erklären und zusehen, was er für sie tun könne. Die Geschwister warteten gespannt ab, keine weiteren Nachrichten folgten und man harrte der Dinge, die kommen sollten.
Endlich, am 30.11. war es so weit. Eilig lieferte der Nikolaus zwei Kalender vor der Haustür der Familie Keller ab und verschwand. Marc und Amanda waren begeistert, dass alles wie am Schnürchen klappte. Am 1. Dezember öffneten die Geschwister das erste Türchen, doch was war das? Eine große Tüte rutschte Marc entgegen und er freute sich riesig und hoffte, dass es nun jeden Tag so weiter ginge. Seine Mama ahnte fast das Malheur und zog ihrem Sohn den Kalender fort. Und richtig, der Nikolaus hatte vergessen die Playmobil-Kalender zusammenzubauen. Na ja, Pannen passierten überall und so nahmen die Kinder es dem Nikolaus nicht weiter übel.
In den nächsten Tagen traf wieder vom „Nikolaus“ ein kurzes Email bei Familie Keller ein. Es war eine kleine Erinnerung an Amanda und Marc, wann ihre Wunschzettel abholbereit sein sollten. Heutzutage war alles mit der modernen Technik möglich.
Am Nikolaustag war es so weit. Die Wunschzettel waren verschwunden, die Stiefel reichlich gefüllt und die Kinder endlich beruhigt. Jetzt hieß es abwarten und Daumen drücken, ob der Weihnachtsmann alles am Lager hatte.
Na ja, Marc zweifelte anfangs schon ein bisschen, zumal einige böse Zungen in der Schule behaupteten, dass es den Weihnachtsmann überhaupt nicht gäbe. Was war dran an dieser Geschichte? Marc wollte der Sache auf den Grund gehen.
Amanda ließ sich nicht beirren und war fest davon überzeugt, dass es diesen gütigen Mann wirklich gäbe. Marc zweifelte immer noch, denn überall in der Stadt liefen verkleidete Gestalten herum; ob sich etwa der richtige Weihnachtsmann unter das Volk mischte? Na ja, der rotgekleidete Mann wusste vieles von einem und ließ sich nie ein X vor ein U machen, oder petzten etwa die Eltern heimlich?
Marc beschloss beim nächsten Besuch die Ami zu fragen, sie wusste auf vieles eine Antwort.
Und so geschah es dann auch. Ami holte die wartenden Kinder wieder mit dem Auto ab. An diesem Nachmittag schauten sie zu dritt Santa Claus 2. Oha, im Film ging es hoch her und diese quälende Frage kam unweigerlich wieder hoch. Jetzt hieß es Farbe bekennen: Was wusste Ami über den Weihnachtsmann? Schließlich war sie schon sechzig Jahre alt und hatte eine Menge Erfahrungen in ihrem Leben gesammelt. Auf der Rückfahrt gab es für Oma kein Entrinnen mehr und sie wurde mit Fragen bombardiert. Natürlich wollte Oma erst einmal hören, was ihre Enkel zu diesem Thema zu sagen hatten.
Amanda war immer noch felsenfest davon überzeugt, dass es den Weihnachtsmann gäbe, doch Marc holte ein bisschen weiter aus und erklärte folgendes:
„Das ist doch so - wie die Sache mit Gott. Wer hat ihn schon jemals gesehen? Man geht jeden Sonntag in die Kirche und glaubt fest an ihn. Weißt du, er ist doch auch schon über 2000 Jahre alt und hat so manches mit seinen Strafen verbockt. Ich finde das nicht gut - mit den ganzen Plagen und was er so alles verzapft hatte. Na ja, mit dem zunehmenden Alter ist er ruhiger geworden und die Strafen fallen jetzt milder aus. Vielleicht ist Gott einfach nur müde geworden und schläft jetzt mehr, deshalb stellt er nicht mehr so viel an.“
Amanda stimmte ihrem Bruder eifrig zu. „Ja, das kannst du ruhig glauben, Ami, so hat es Marc im Kommunionsunterricht gelernt. Aber unsere Frage ist ja noch längst nicht beantwortet, gibt es ihn oder nicht?“ beharrte das blondgelockte Mädchen auf eine klärende Antwort.
Oma schwieg eine Weile und dachte nach, bis sie endlich vor einer roten Ampel halten musste. Plötzlich sagte sie in die Finsternis hinein: „Stellt euch vor, es gäbe überhaupt keinen Weihnachtsmann. Was wäre dann?“
„Oh je, oh je, oh jemine!“, stimmten die beiden ein Klagelied an. „Das wäre absolut furchtbar!“, stellte Marc fest, „dann müssten die Eltern die Geschenke kaufen, oder du und der Api, das würde dann richtig teuer für euch werden!“
„Das denke ich auch“, sagte Oma lachend. „Und wenn es keinen Weihnachtsmann gäbe, was passiert dann?“
Marc wiegte bedenklich seinen Kopf hin und her. „Na ja, dann gäbe es keinen Weihnachtsbaum und keine Geschenke. Das wär ganz schön traurig!“
„Und keine Krippe, und was würde aus den ganzen Weihnachtsliedern und Geschichten werden?“, fügte Amanda aufgeregt hinzu, „All das würde überhaupt nicht existieren. Dann wäre das Fest ganz schön doof und langweilig, so ganz ohne diese Vorfreude. Das geht doch überhaupt nicht! Oder?“
Die Ampel zeigte grün und Oma fuhr weiter. „Ich bin nun auch davon überzeugt, dass es ihn gibt“, murmelte Marc erleichtert.
„Na klar - gibt es ihn“, bestätigte Oma, „ihr könnt ihn nur nicht sehen. Genauso wenig wie wir begreifen, dass so schwere Flugzeuge sich mit Leichtigkeit in die Lüfte erheben und wir kleinen Menschen können es nicht. Die wichtigen Dinge des Lebens bleiben für unser Auge unsichtbar. All diese Wunder kann der Klügste auf dieser Welt nicht sehen, nur der Glaube können diese Wunder bewahren. Ich bin auch davon überzeugt, dass es den Weihnachtsmann gibt, leider fällt das den meisten Erwachsenen ziemlich schwer zu glauben.“
„Und wie funktioniert das mit den Wunschzetteln?“, schob Amanda gleich die nächste Frage hinterher?“
Leider fanden die drei keine plausible Erklärung dafür, doch letztendlich wurde man sich einig, dass ruhig mehrere Wünsche auf dem Zettel stehen dürfen, falls mal etwas beim Weihnachtsmann vergriffen sein sollte. Diese Antwort gefiel der Oma sehr, vor allen Dingen, dass die kleinen Leute wussten, dass nicht immer alles erfüllt werden konnte. Denn schließlich hatte Marc zwei Tage später Geburtstag und dafür musste ja auch noch ein Geschenk übrig bleiben.
Die Kinder berichteten von ihrem Keyboard-Unterricht und das sie gerade ein Weihnachtslied übten. Wenn die Familie schön brav war, dann würden sie das Lied am Heiligen Abend vorspielen. Unterwegs sangen die drei ganz laut Stille Nacht, Heilige Nacht, bis Oma vor der Haustür hielt. Alle waren zufrieden und freuten sich auf das bevorstehende Fest, da Tante Joy sich mit Timmy und Onkel Billy angesagt hatte.
An diesem Abend vergaßen die Kinder ihre Wünsche für einen Moment und dachten noch lange über dieses Gespräch nach. Die Hauptsache war doch, dass die ganze Familie gesund und glücklich beieinander sein konnte.
© Marena Stumpf
Marena Stumpf 05.09.2010, 18.48
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Kommentare zu diesem Beitrag
Du bist eine super Omi. Mach weiter so.
vom 10.01.2011, 14.47
Ich erinnere mich an diese Tage..ich habe meine eigene Briefe geschrieben und meine Eltern haben diese noch.
vom 06.12.2010, 11.47
Das Bild ist sehr hübsch! Du bist eine sehr glückliche Oma!
Lg, Luisavom 26.10.2010, 10.03
So eine kreative Oma!
Diese Geschichte hat mir Inspiration gegeben! Ich liebe auch Sachen inventieren
LG aus Bulgarien, Barbaravom 22.10.2010, 14.30



Ich warte auf Deine neue Geschichte
vom 11.01.2011, 12.59