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Die kluge Raupe
Eine kleine, gelbbrüstige Meise flog vergnügt durch einen Park. Auf einem Blatt entdeckte sie eine kriechende Raupe.
"Die kommt mir gerade recht", dachte sie und steuerte zielstrebig den Leckerbissen an. Nur um Haaresbreite verfehlte sie das Blatt und landete auf einem Zweig. Die kleine Raupe bangte um ihr Leben und sagte mit zartem Stimmchen: „Du hast wohl eine Meise, mich so zu erschrecken!“
Überrascht schaute die Meise sie an: „Nicht einmal richtig sprechen kannst du dummes Ding, das heißt – du bist wohl eine Meise.“
„Nein! Du hast wohl eine Meise“, wiederholte die Raupe. “Weißt du überhaupt wen du vor dir hast?“
„Ja, ja“, zwitscherte das Vögelchen, „ich rede mit meinem Abendbrot.“
Die kesse Raupe versuchte Zeit zu gewinnen. „Du wirst es nicht glauben, aber ich bin schon fast ein Schmetterling. Du musst noch ein wenig Geduld mit mir haben. Die Sache ist nämlich so: Meine Schmetterlingsmutter hat mich als Ei abgelegt, nach einiger Zeit bin ich geschlüpft und als Raupe zur Welt gekommen. Jetzt fresse ich ganz viele Blätter, damit ich schnell größer werde. Wenn ich weiter wachse, streife ich öfter meine zu eng gewordene Haut ab.“
„Und wozu soll das alles gut sein?“, fragte die Meise ungeduldig, dabei lief ihr schon das Wasser im Schnabel zusammen.
Die Raupe plapperte unbeirrt weiter und hoffte, dass die Meise irgendwann müde wurde und sie verschonte. „Ich suche mir einen ruhigen Ort, hefte mich an einen Stängel, dann wird meine Haut ganz fest.“
„Ach komm schon, du willst mich doch nur hinhalten“, schilpte die Meise ungehalten.
„Es geht noch weiter Vöglein, da wirst du bestimmt staunen! Ich verwandele mich in eine Puppe und nach zwei Wochen platzt mein Kokon auf.“
Die Raupe holte noch einmal tief Luft und setzte ihre Geschichte fort: „Aber, das Beste kommt jetzt − ich klettere heraus und entfalte vorsichtig meine bunten Flügel.“
„So eine dumme Geschichte habe ich noch nie gehört“, schrie die Meise. „Pah, eine Raupe die Flügel bekommt, da kann ich nur zwitschern!“
„Warte es nur ab, als Schmetterling kann ich mit dir um die Wette fliegen und wir werden sehen, wer von uns beiden schneller ist.“
Die Meise schaute die kleine Raupe nachdenklich an. „Also gut, ich gebe dir etwas Zeit, aber wenn du mich angeschwindelt hast, dann fresse ich dich später. Von jetzt an werde ich dich im Auge behalten!“
Die kleine Meise breitete ihre Flügel aus, schüttelte noch einmal zweifelnd ihr schwarzes Köpfchen und flog davon.
(c) Marena Stumpf
Marena Stumpf 22.04.2007, 13.24
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Kommentare zu diesem Beitrag



Die kluge Raupe nimmerdumm.
vom 09.12.2010, 13.49