Marenas Musenstübchen
 





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Ausgewählter Beitrag

Der Weihnachtsmannlehrling



 

 Der Weihnachtsmann wurde von einem schlimmen Hexenschuss geplagt. Er konnte sich vor Schmerzen kaum rühren. Besorgt eilten seine Elfen herbei und beratschlagten, wie die Kinder auf Erden zu ihren Geschenken kommen sollten. Der Weihnachtsmann ließ seinen Nikolauslehrling zu sich rufen und sprach: „Timmy, du bist all die Jahre brav in meine Nikolausschule gegangen und warst der Fleißigste von allen Schülern, doch nun ist die Zeit für deinen ersten Einsatz gekommen. Vertrete mich würdig und achte besonders auf den Weihnachtsgrabsch. Er wird versuchen dir das Leben schwer zu machen. Er liebt Geschenke über alles und stibitzt sie, wo immer er eine Gelegenheit findet. Also, sei stets auf der Hut vor ihm.

 

„Ach, da mache dir mal keine Sorgen, lieber Weihnachtsmann“, antwortete Timmy mit roten Wangen und hinkte sorglos ab. „Du hast mir ja alles beigebracht, was soll da schief gehen?“

 

In der Zwischenzeit hatten alle Elfen emsig den Weihnachtsschlitten beladen und versorgten die Rentiere mit frischem Futter und Wasser.


Timmy verabschiedete sich vom Weihnachtsmann und wünschte ihm gute Besserung. Er versprach, gleich nach seinem letzten Einsatz zum Nordpol zurückzukehren. Der Weihnachtsmann überreichte Timmy feierlich ein rotes Samtsäckchen mit Zauberstaub und ermahnte ihn noch einmal, es nur im Notfall zu benutzen.


Etwas Herzklopfen hatte Timmy schon; eigentlich hätte er dieses Jahr den Weihnachtsmann begleiten sollen, doch nun kam dieser lästige Hexenschuss dazwischen. „Irgendwie werde ich es packen“, tröstete sich Timmy, schließlich lagen im Handschuhfach des Rentierschlittens ein Erste-Hilfe-Buch für Pannen, Probleme und nicht zu vergessen, das himmlische Handy. Je näher die Zeit des Abschieds nahte, desto aufgeregter wurde der Nikolauslehrling. War er wirklich alt genug, dieses ehrenvolle Amt ganz allein zu übernehmen?


Am Rentierschlitten warteten seine Elfeneltern auf ihn. Mutter Joy zog ein Spitzentaschentuch aus der Schürzentasche und wischte sich die Tränen fort. Sie machte sich große Sorgen um ihren Sohn und sagte noch einmal eindringlich: „Timmy, du darfst bei der Kälte nie den roten Mantel ausziehen und achte darauf, dass du die Mütze immer aufhast. Bitte melde dich zwischendurch, damit ich weiß, dass alles bei dir in Ordnung ist.“


Auch Vater Tobias nahm seinen Sohn noch einmal zum Abschied in den Arm und sagte: „Mache deine Sache gut, Timmy. Wir sind alle mächtig stolz auf dich.“ Liebend gerne hätte er seinen Sohn begleitet, doch in dem vollgeladenen Schlitten hätte nicht einmal mehr eine Maus ein Plätzchen gefunden.


Timmy nahm die Zügel der Rentiere fest in die Hand und rief laut: „Ho, ho, ho! Unsere Reise kann beginnen. Auf geht´s, meine Freunde.“


Lautlos hob der Schlitten ab, nur der helle, melodische Klang der Glöckchen war zu hören. Während des Fluges nahm Timmy den langen Zettel vom Weihnachtsmann zur Hand und kontrollierte nochmals, wo er seine Geschenke zuerst verteilen sollte. Ganz deutlich stand dort geschrieben: „Fliege zuerst nach Rembrücken. Suche das Haus der Familie Keller und liefere dort deine Päckchen ab.“


„Nichts einfacher als das“, dachte Timmy und landete vorsichtig mit dem Rentierschlitten auf dem Dach. Zum Glück war das Feuer im Kamin erloschen und er zwängte sich mit den Geschenken für Marc und Amanda durch den Schornstein. Die Mutter hatte vor dem Zubettgehen für ihn ein Glas Milch und ein paar Vanillekipferl hingestellt. Flink legte Timmy die Geschenke unter den Weihnachtsbaum und steckte die Kekse für später ein. Immerhin hatte er ja noch eine lange Fahrt vor sich. Als nächstes Ziel stand Görne auf seinem Zettel.


Hier kam Timmy ordentlich ins Schwitzen, denn Dennis hatte eine sehr lange Wunschliste an den Weihnachtsmann geschrieben. Da nicht alles in den großen Sack passte, musste Timmy sich mehrmals durch den engen Schlot zwängen. „Ach, wenn doch jedes Kind nur einen Wunsch frei hätte“, dachte er, „dann wäre alles viel einfacher. Früher war das noch so, aber in der heutigen Zeit wurden die Wünsche immer größer.“


Als der Nikolauslehrling mit dem letzten Päckchen im Wohnzimmer landete, wunderte er sich über ein komisches Geräusch. Hatte er etwa den kleinen Jungen geweckt? Für einen Moment hielt er den Atem an. Alles blieb ruhig und nun wollte Timmy schnell alles unter den Baum legen und wieder verschwinden, doch was war das? Der Christbaum lag umgestürzt auf dem Fußboden und der große Jutesack war auch nicht mehr da. Wollte ihm jemand einen Streich spielen? Suchend riss er alle Schranktüren auf, warf einen Blick hinter die Couch und verschob die Sessel. Das konnte nicht mit rechten Dingen zugehen. Plötzlich hörte Timmy Schritte und versteckte sich in dem bemalten Bauernschrank.


Vom Poltern wurde auch Dennis geweckt und er stand verschlafen in der Wohnzimmertür. Er hoffte, dem Weihnachtsmann mit seinen Geschenken zu begegnen, doch im Schein der Straßenlaterne bemerkte Dennis den umgekippten Baum. Mutig tastete er sich zum Lichtschalter vor und entdeckte das Chaos. Sofort dachte er an Einbrecher, die vielleicht seine Geschenke stehlen wollten und rief laut: „Ist da jemand?“, doch nichts rührte sich. Auch er warf einen Blick unter die Couch und öffnete alle Schranktüren. Plötzlich starrten ihn zwei weit aufgerissene, blaue Augen an.


„Psssst, bitte nicht schreien! Ich bin der Nikolauslehrling, Timmy. Der Weihnachtsmann ist krank geworden und er hat mich gebeten, den braven Kindern die Geschenke zu bringen, doch irgendwie hat dein Geschenksack Beine bekommen und ist davongelaufen. Ich habe schon alles abgesucht, doch ich konnte ihn nicht finden.“


Dennis stampfte wütend mit dem Fuß auf den Boden. „So ein Mist!“, schimpfte er. „Überlege doch einmal, wo du den Sack abgestellt hast.“


„Genau hier vor dem Tannenbaum und als ich nur ganz kurz deine anderen Pakete holen wollte, war er wie vom Erdboden verschluckt.“


Timmy stellte den Weihnachtsbaum wieder auf, als plötzlich ein frischer Wind die Terrassentür aufdrückte. „Sage mal Dennis, lasst ihr immer die Tür zum Garten offen?“, fragte er den blonden Jungen.


„Nein! Nie! Wieso? Du hast sicherlich selbst vergessen sie zu schließen?“

Timmy schüttelte seinen Kopf und antwortete. „Natürlich nicht! Ich bin ein guter Nikolauslehrling und weiß genau, wie man in die Häuser der Kinder kommt. Wir fragen mal die Rentiere, ob sie etwas gesehen haben.“


Dennis zog sich schnell seinen Schneeanzug über den Pyjama und folgte Timmy nach draußen.


„Blixen, habt ihr jemanden beobachtet, der aus dem Haus mit einem dicken, schweren Geschenksack kam?“, fragte Timmy aufgeregt. Die Rentiere nickten und erzählten ihm, dass ein graugekleidetes Männchen schwer beladen aus dem Gartentor in die Dunkelheit huschte. Er hatte es sehr eilig und schnaufte vor sich her.


„Und was machen wir nun?“, fragte Dennis gespannt. „Ich möchte doch gerne meine Geschenke haben.“


Timmy griff zum Handy und rief den Weihnachtsmann an. Er erzählte alles genau und brauchte nun den Rat des weisen Mannes. Dieser erkundigte sich sofort, ob die Rentiere jemanden gesehen hatten. „Ja“, berichtete Timmy weiter. „Grau gekleidet war er und schleppte einen schweren Sack auf dem Buckel.“


Der Weihnachtsmann brummte nachdenklich am anderen Ende. „Das hört sich ganz nach dem Werk vom Räuber Grabsch an. Man weiß nie so genau, wo dieser Halunke sich herumtreibt. Hast du genug Platz in deinem Schlitten, damit du Dennis als Verstärkung mitnehmen kannst? Zuerst suchst du alle alleinstehenden Häuser in der Umgebung ab und wenn du ihn dort nicht finden kannst, dann suche weiter im Wald. Meistens kommt er nicht weit mit seiner schweren Beute. Viel Glück!“ Dann rauschte es und die Verbindung wurde unterbrochen.


Die beiden Jungen saßen auf dem Rentierschlitten und lauschten in die dunkle Nacht hinein. „Dort! Siehst du den langen Schatten am Ende des Feldweges?“, flüsterte Dennis aufgeregt. „Meinst du, das könnte der Weihnachtsdieb sein?“


Timmy zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht, denn ich habe ihn noch nie gesehen. Los, wir schleichen uns beide von hinten an und beobachten, wohin er geht. Wenn wir sicher sind, dann schlagen wir zu.“


Diese dunkle Gestalt lief in den dunklen Wald hinein, bis er plötzlich vor einem Strauch stehen blieb, ihn zur Seite schob und in einer Felsspalte verschwand.


Mit genügend Abstand folgten die beiden der unheimlichen Gestalt. Sie entdeckten in der Felsspalte einen langen, schmalen Gang, der schnurstracks zu dem Raum führte, in dem die ganzen Weihnachtspäckchen lagerten. Der Alte war gerade dabei eines der Geschenke zu öffnen. Dennis zitterte vor Wut am ganzen Körper. Er konnte nicht länger an sich halten und schrie empört: „Das gehört mir! Gib es mir sofort zurück. Das habe ich mir vom Weihnachtsmann gewünscht!“


Die schwarzen Augen des Mannes rollten grimmig hin und her. „Was sprichst du da, du kleiner Wicht? Ich helfe nur dem Weihnachtsmann, damit er nicht so viele Geschenke austragen muss. Du bist doch auch nur so ein wunschfreudiges Kind, das nie zufrieden ist und immer noch mehr besitzen will. Es dauert nicht lange und dann landet es in der Ecke, wie deine restlichen Sachen.“


Der Nikolauslehrling fasste sich ein Herz. „Mag sein, dass du Recht hast, Grabsch. Die Wünsche der Kinder werden von Jahr zu Jahr mehr, aber auf alle Fälle bist du kein Weihnachtsmanngehilfe und nun rücke alle Geschenke sofort heraus.“


Grabsch griff nach der eisernen Kette, die neben ihm auf dem feuchten Boden lag und wollte die beiden Jungen damit fesseln, doch Timmy erinnerte sich noch rechtzeitig an das Zauberpulver und blies es dem Räuber ins Gesicht. Langsam wurde das Männlein immer kleiner, bis nur noch ein winziges Häufchen Asche von ihm übrig blieb.


Dennis sah Timmy erstaunt an. „Wow, das hast du echt cool gemacht“, lobte er ihn bewundernd. „Dann können wir jetzt meine Geschenke nehmen und zu meinem Haus zurückkehren“, meinte er erleichtert und schnappte sich zwei Päckchen.


„Und was wird aus den restlichen Sachen?“, erkundigte sich Timmy bei seinem Begleiter.


„Ach, das sind doch nur Geschenke, die Grabsch dem Weihnachtsmann letztes Jahr gestohlen hatte.“


„Weißt du eigentlich, wie viele Kinder furchtbar traurig waren, weil die Bescherung ausfiel? Das hätte dir jetzt auch blühen können“, gab Timmy zu bedenken.


Dennis überlegte einen Moment und fuhr fort: „Meinst du nicht, dass einige Kinder in der Zwischenzeit viel zu groß für das Spielzeug geworden sind und außerdem wissen wir überhaupt nicht, ob die Geschenke für Jungen oder Mädchen bestimmt waren.“


Timmy lief Dennis schweigend hinterher und dachte nach. Da war schon etwas dran, was Dennis sagte und er hatte auch nicht die Wunschzettel der Kinder vom letzten Jahr dabei. Nun bekam Timmy ein ganz schlechtes Gewissen, denn er hatte sich viel zu lange in Görne aufgehalten. Die Zeit rannte davon, um noch pünktlich alle Geschenke zum Fest auszuliefern. Alleine war das fast unmöglich. Sollte er noch einmal beim Weihnachtsmann anrufen und um Hilfe bitten? Nein, diese Blöße wollte er sich nicht geben.


Am Haus angekommen, verabschiedete sich Dennis von seinem neuen Freund und bedankte sich für die schönen Weihnachtsgeschenke. Langsam wurden die Rentiere unruhig und mahnten zur Weiterfahrt.


„Weißt du was, Timmy, du hast mir geholfen meine Spielsachen wiederzubekommen und nun möchte ich dir behilflich sein, damit noch alle Geschenke rechtzeitig bei den Kindern eintreffen. Zu zweit schaffen wir das leicht.“


Gerne nahm Timmy das großzügige Angebot an und der Rentierschlitten erhob sich geschwind in die Lüfte zum nächsten Ort.


Die Jungen waren so fleißig, dass sie kurz vor Morgengrauen wieder vor der Höhle vom Räuber Grabsch landeten. Jetzt wussten sie auch, was sie mit den gestohlenen Geschenken machen sollten. Flink beluden sie den leeren Schlitten. Sie flogen zu jedem Kinderheim und Waisenhaus und stellten einige Geschenksäcke vor der Tür ab.


Am Nordpol beobachtete der Weihnachtsmann in seiner Zauberglaskugel seine emsigen Helfer und er freute sich mächtig über die beiden gescheiten Jungen.


Auf dem Rückweg setzte Timmy noch schnell seinen neuen Freund vor der Haustür ab und verabschiedete sich von ihm.


„Ich habe mir unterwegs etwas überlegt“, meinte Dennis, „so ein Weihnachtsmannjob ist doch recht anstrengend. Darf ich dich nächstes Jahr wieder begleiten? Ich werde mir bestimmt nicht so viel wünschen, damit wir mehr Zeit füreinander haben.“


Timmy lächelte zufrieden und antwortete: „Von mir aus gerne, aber ich muss erst einmal den Weihnachtsmann fragen.“


Plötzlich dachte Timmy wieder an seine Eltern und er bekam Sehnsucht nach ihnen. Wie der Sausewind flog er mit dem Rentierschlitten zurück zum Nordpol. Dort wurde er wie ein Held gefeiert, denn alle waren glücklich, dass Grabsch nicht mehr sein Unwesen treiben konnte.

(c) Marena Stumpf

 

 



Marena Stumpf 27.11.2008, 20.40

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Kommentare zu diesem Beitrag

2. von Anna

Auch der Weihnachtsmann kann Problemen haben... :)

vom 04.02.2011, 12.18
1. von Xmas Liebe

Was soll da schief gehen? Ach...alles!

vom 07.12.2010, 11.51
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