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Ausgewählter Beitrag
Der Weihnachtsmannlehrling
„Ach,
da mache dir mal keine Sorgen, lieber Weihnachtsmann“, antwortete Timmy mit
roten Wangen und hinkte sorglos ab. „Du hast mir ja alles beigebracht, was soll
da schief gehen?“
In
der Zwischenzeit hatten alle Elfen emsig den Weihnachtsschlitten beladen und
versorgten die Rentiere mit frischem Futter und Wasser.
Timmy
verabschiedete sich vom Weihnachtsmann und wünschte ihm gute Besserung. Er
versprach, gleich nach seinem letzten Einsatz zum Nordpol zurückzukehren. Der
Weihnachtsmann überreichte Timmy feierlich ein rotes Samtsäckchen mit
Zauberstaub und ermahnte ihn noch einmal, es nur im Notfall zu benutzen.
Etwas
Herzklopfen hatte Timmy schon; eigentlich hätte er dieses Jahr den
Weihnachtsmann begleiten sollen, doch nun kam dieser lästige Hexenschuss
dazwischen. „Irgendwie werde ich es packen“, tröstete sich Timmy, schließlich
lagen im Handschuhfach des Rentierschlittens ein Erste-Hilfe-Buch für Pannen,
Probleme und nicht zu vergessen, das himmlische Handy. Je näher die Zeit des
Abschieds nahte, desto aufgeregter wurde der Nikolauslehrling. War er wirklich
alt genug, dieses ehrenvolle Amt ganz allein zu übernehmen?
Am
Rentierschlitten warteten seine Elfeneltern auf ihn. Mutter Joy zog ein Spitzentaschentuch aus der Schürzentasche und
wischte sich die Tränen fort. Sie machte sich große Sorgen um ihren Sohn und
sagte noch einmal eindringlich: „Timmy, du darfst bei der Kälte nie den roten
Mantel ausziehen und achte darauf, dass du die Mütze immer aufhast. Bitte melde
dich zwischendurch, damit ich weiß, dass alles bei dir in Ordnung ist.“
Auch
Vater Tobias nahm seinen Sohn noch einmal zum Abschied in den Arm und sagte:
„Mache deine Sache gut, Timmy. Wir sind alle mächtig stolz auf dich.“ Liebend
gerne hätte er seinen Sohn begleitet, doch in dem vollgeladenen Schlitten hätte
nicht einmal mehr eine Maus ein Plätzchen gefunden.
Timmy
nahm die Zügel der Rentiere fest in die Hand und rief laut: „Ho, ho, ho! Unsere
Reise kann beginnen. Auf geht´s, meine Freunde.“
Lautlos
hob der Schlitten ab, nur der helle, melodische Klang der Glöckchen war zu
hören. Während des Fluges nahm Timmy den langen Zettel vom Weihnachtsmann zur
Hand und kontrollierte nochmals, wo er seine Geschenke zuerst verteilen sollte.
Ganz deutlich stand dort geschrieben: „Fliege zuerst nach Rembrücken. Suche das
Haus der Familie Keller und liefere dort deine Päckchen ab.“
„Nichts
einfacher als das“, dachte Timmy und landete vorsichtig mit dem
Rentierschlitten auf dem Dach. Zum Glück war das Feuer im Kamin erloschen und
er zwängte sich mit den Geschenken für Marc und Amanda durch den Schornstein.
Die Mutter hatte vor dem Zubettgehen für ihn ein Glas Milch und ein paar
Vanillekipferl hingestellt. Flink legte Timmy die Geschenke unter den
Weihnachtsbaum und steckte die Kekse für später ein. Immerhin hatte er ja noch
eine lange Fahrt vor sich. Als nächstes Ziel stand Görne auf seinem Zettel.
Hier
kam Timmy ordentlich ins Schwitzen, denn Dennis hatte eine sehr lange
Wunschliste an den Weihnachtsmann geschrieben. Da nicht alles in den großen
Sack passte, musste Timmy sich mehrmals durch den engen Schlot zwängen. „Ach,
wenn doch jedes Kind nur einen Wunsch frei hätte“, dachte er, „dann wäre alles
viel einfacher. Früher war das noch so, aber in der heutigen Zeit wurden die
Wünsche immer größer.“
Als
der Nikolauslehrling mit dem letzten Päckchen im Wohnzimmer landete, wunderte
er sich über ein komisches Geräusch. Hatte er etwa den kleinen Jungen geweckt?
Für einen Moment hielt er den Atem an. Alles blieb ruhig und nun wollte Timmy
schnell alles unter den Baum legen und wieder verschwinden, doch was war das?
Der Christbaum lag umgestürzt auf dem Fußboden und der große Jutesack war auch
nicht mehr da. Wollte ihm jemand einen Streich spielen? Suchend riss er alle
Schranktüren auf, warf einen Blick hinter die Couch und verschob die Sessel.
Das konnte nicht mit rechten Dingen zugehen. Plötzlich hörte Timmy Schritte und
versteckte sich in dem bemalten Bauernschrank.
Vom
Poltern wurde auch Dennis geweckt und er stand verschlafen in der
Wohnzimmertür. Er hoffte, dem Weihnachtsmann mit seinen Geschenken zu begegnen,
doch im Schein der Straßenlaterne bemerkte Dennis den umgekippten Baum. Mutig
tastete er sich zum Lichtschalter vor und entdeckte das Chaos. Sofort dachte er
an Einbrecher, die vielleicht seine Geschenke stehlen wollten und rief laut:
„Ist da jemand?“, doch nichts rührte sich. Auch er warf einen Blick unter die
Couch und öffnete alle Schranktüren. Plötzlich starrten ihn zwei weit
aufgerissene, blaue Augen an.
„Psssst,
bitte nicht schreien! Ich bin der Nikolauslehrling, Timmy. Der Weihnachtsmann
ist krank geworden und er hat mich gebeten, den braven Kindern die Geschenke zu
bringen, doch irgendwie hat dein Geschenksack Beine bekommen und ist
davongelaufen. Ich habe schon alles abgesucht, doch ich konnte ihn nicht
finden.“
Dennis
stampfte wütend mit dem Fuß auf den Boden. „So ein Mist!“, schimpfte er.
„Überlege doch einmal, wo du den Sack abgestellt hast.“
„Genau
hier vor dem Tannenbaum und als ich nur ganz kurz deine anderen Pakete holen
wollte, war er wie vom Erdboden verschluckt.“
Timmy
stellte den Weihnachtsbaum wieder auf, als plötzlich ein frischer Wind die
Terrassentür aufdrückte. „Sage mal Dennis, lasst ihr immer die Tür zum Garten
offen?“, fragte er den blonden Jungen.
„Nein!
Nie! Wieso? Du hast sicherlich selbst vergessen sie zu schließen?“
Timmy
schüttelte seinen Kopf und antwortete. „Natürlich nicht! Ich bin ein guter
Nikolauslehrling und weiß genau, wie man in die Häuser der Kinder kommt. Wir
fragen mal die Rentiere, ob sie etwas gesehen haben.“
Dennis
zog sich schnell seinen Schneeanzug über den Pyjama und folgte Timmy nach
draußen.
„Blixen,
habt ihr jemanden beobachtet, der aus dem Haus mit einem dicken, schweren
Geschenksack kam?“, fragte Timmy aufgeregt. Die Rentiere nickten und erzählten
ihm, dass ein graugekleidetes Männchen schwer beladen aus dem Gartentor in die
Dunkelheit huschte. Er hatte es sehr eilig und schnaufte vor sich her.
„Und
was machen wir nun?“, fragte Dennis gespannt. „Ich möchte doch gerne meine
Geschenke haben.“
Timmy
griff zum Handy und rief den Weihnachtsmann an. Er erzählte alles genau und
brauchte nun den Rat des weisen Mannes. Dieser erkundigte sich sofort, ob die
Rentiere jemanden gesehen hatten. „Ja“, berichtete Timmy weiter. „Grau
gekleidet war er und schleppte einen schweren Sack auf dem Buckel.“
Der
Weihnachtsmann brummte nachdenklich am anderen Ende. „Das hört sich ganz nach
dem Werk vom Räuber Grabsch an. Man weiß nie so genau, wo dieser Halunke sich
herumtreibt. Hast du genug Platz in deinem Schlitten, damit du Dennis als
Verstärkung mitnehmen kannst? Zuerst suchst du alle alleinstehenden Häuser in
der Umgebung ab und wenn du ihn dort nicht finden kannst, dann suche weiter im
Wald. Meistens kommt er nicht weit mit seiner schweren Beute. Viel Glück!“ Dann
rauschte es und die Verbindung wurde unterbrochen.
Die
beiden Jungen saßen auf dem Rentierschlitten und lauschten in die dunkle Nacht
hinein. „Dort! Siehst du den langen Schatten am Ende des Feldweges?“, flüsterte
Dennis aufgeregt. „Meinst du, das könnte der Weihnachtsdieb sein?“
Timmy
zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht, denn ich habe ihn noch nie gesehen.
Los, wir schleichen uns beide von hinten an und beobachten, wohin er geht. Wenn
wir sicher sind, dann schlagen wir zu.“
Diese
dunkle Gestalt lief in den dunklen Wald hinein, bis er plötzlich vor einem
Strauch stehen blieb, ihn zur Seite schob und in einer Felsspalte verschwand.
Mit
genügend Abstand folgten die beiden der unheimlichen Gestalt. Sie
entdeckten in der Felsspalte einen
langen, schmalen Gang, der schnurstracks zu dem Raum führte, in dem die ganzen
Weihnachtspäckchen lagerten. Der Alte war gerade dabei eines der Geschenke zu
öffnen. Dennis zitterte vor Wut am ganzen Körper. Er konnte nicht länger an
sich halten und schrie empört: „Das gehört mir! Gib es mir sofort zurück. Das habe ich mir vom Weihnachtsmann
gewünscht!“
Die
schwarzen Augen des Mannes rollten grimmig hin und her. „Was sprichst du da, du
kleiner Wicht? Ich helfe nur dem Weihnachtsmann, damit er nicht so viele
Geschenke austragen muss. Du bist doch auch nur so ein wunschfreudiges Kind,
das nie zufrieden ist und immer noch mehr besitzen will. Es dauert nicht lange
und dann landet es in der Ecke, wie deine restlichen Sachen.“
Der
Nikolauslehrling fasste sich ein Herz. „Mag sein, dass du Recht hast, Grabsch.
Die Wünsche der Kinder werden von Jahr zu Jahr mehr, aber auf alle Fälle bist
du kein Weihnachtsmanngehilfe und nun rücke alle Geschenke sofort heraus.“
Grabsch
griff nach der eisernen Kette, die neben ihm auf dem feuchten Boden lag und
wollte die beiden Jungen damit fesseln, doch Timmy erinnerte sich noch
rechtzeitig an das Zauberpulver und blies es dem Räuber ins Gesicht. Langsam
wurde das Männlein immer kleiner, bis nur noch ein winziges Häufchen Asche von
ihm übrig blieb.
Dennis
sah Timmy erstaunt an. „Wow, das hast du echt cool gemacht“, lobte er ihn
bewundernd. „Dann können wir jetzt meine Geschenke nehmen und zu meinem Haus
zurückkehren“, meinte er erleichtert und schnappte sich zwei Päckchen.
„Und
was wird aus den restlichen Sachen?“, erkundigte sich Timmy bei seinem
Begleiter.
„Ach,
das sind doch nur Geschenke, die Grabsch dem Weihnachtsmann letztes Jahr
gestohlen hatte.“
„Weißt
du eigentlich, wie viele Kinder furchtbar traurig waren, weil die Bescherung
ausfiel? Das hätte dir jetzt auch blühen können“, gab Timmy zu bedenken.
Dennis
überlegte einen Moment und fuhr fort: „Meinst du nicht, dass einige Kinder in
der Zwischenzeit viel zu groß für das Spielzeug geworden sind und außerdem
wissen wir überhaupt nicht, ob die Geschenke für Jungen oder Mädchen bestimmt
waren.“
Timmy
lief Dennis schweigend hinterher und dachte nach. Da war schon etwas dran, was
Dennis sagte und er hatte auch nicht die Wunschzettel der Kinder vom letzten
Jahr dabei. Nun bekam Timmy ein ganz schlechtes Gewissen, denn er hatte sich
viel zu lange in Görne aufgehalten. Die Zeit rannte davon, um noch pünktlich
alle Geschenke zum Fest auszuliefern. Alleine war das fast unmöglich. Sollte er
noch einmal beim Weihnachtsmann anrufen und um Hilfe bitten? Nein, diese Blöße
wollte er sich nicht geben.
Am
Haus angekommen, verabschiedete sich Dennis von seinem neuen Freund und
bedankte sich für die schönen Weihnachtsgeschenke. Langsam wurden die Rentiere
unruhig und mahnten zur Weiterfahrt.
„Weißt
du was, Timmy, du hast mir geholfen meine Spielsachen wiederzubekommen und nun
möchte ich dir behilflich sein, damit noch alle Geschenke rechtzeitig bei den
Kindern eintreffen. Zu zweit schaffen wir das leicht.“
Gerne
nahm Timmy das großzügige Angebot an und der Rentierschlitten erhob sich
geschwind in die Lüfte zum nächsten Ort.
Die
Jungen waren so fleißig, dass sie kurz vor Morgengrauen wieder vor der Höhle
vom Räuber Grabsch landeten. Jetzt wussten sie auch, was sie mit den
gestohlenen Geschenken machen sollten. Flink beluden sie den leeren Schlitten.
Sie flogen zu jedem Kinderheim und Waisenhaus und stellten einige Geschenksäcke
vor der Tür ab.
Am
Nordpol beobachtete der Weihnachtsmann in seiner Zauberglaskugel seine emsigen
Helfer und er freute sich mächtig über
die beiden gescheiten Jungen.
Auf
dem Rückweg setzte Timmy noch schnell seinen neuen Freund vor der Haustür ab und
verabschiedete sich von ihm.
„Ich
habe mir unterwegs etwas überlegt“, meinte Dennis, „so ein Weihnachtsmannjob
ist doch recht anstrengend. Darf ich dich nächstes Jahr wieder begleiten? Ich
werde mir bestimmt nicht so viel wünschen, damit wir mehr Zeit füreinander
haben.“
Timmy
lächelte zufrieden und antwortete: „Von mir aus gerne, aber ich muss erst
einmal den Weihnachtsmann fragen.“
Plötzlich dachte Timmy wieder an seine Eltern und er bekam Sehnsucht nach ihnen. Wie der Sausewind flog er mit dem Rentierschlitten zurück zum Nordpol. Dort wurde er wie ein Held gefeiert, denn alle waren glücklich, dass Grabsch nicht mehr sein Unwesen treiben konnte.
(c) Marena Stumpf
Marena Stumpf 27.11.2008, 20.40
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Auch der Weihnachtsmann kann Problemen haben...
vom 04.02.2011, 12.18