Marenas Musenstübchen
 





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Der unzufriedene Schneemann



Der unzufriedene Schneemann

An der Himmelspforte traf körbeweise Post für Petrus ein. Viele Kinder hatten an ihn geschrieben, mit der Bitte, es in den Winterferien schneien zu lassen. Sie wollten endlich wieder Schlittschuhlaufen oder rodeln gehen.
Der Wettermacher war gerne bereit, ihnen diesen Wunsch zu erfüllen. Am Abend programmierte er das Thermometer auf fünf Grad Minus und es schneite die ganze Nacht hindurch.

Am nächsten Morgen wurden die Menschen von einer herrlichen Winterlandschaft begrüßt. Die Kinder jubelten vor Begeisterung. Sie schlüpften in ihre dicken Jacken, setzten sich Pudelmützen auf und rannten nach draußen. Gegenseitig seiften sie sich ein oder lieferten sich wilde Schneeballschlachten. Andere holten ihre verstaubten Schlitten aus den Schuppen und sausten mit viel Gejohle die steilen Wiesenhänge hinab. Heißa, war das ein Spaß!
Natürlich gab es auch Kinder, die mochten es etwas ruhiger und diese bauten lieber Schneemänner.
Als Petrus das alles beobachtete, lachte er glücklich und war mit seinem Werk zufrieden. Allerdings war er auch nicht mehr der Jüngste und ihm wurde bewusst, dass er noch so eine mitternächtliche Schneeaktion nicht durchhalten würde. Er rief seinen Wetterengel, Michael, zu sich und beauftragte ihn, das Thermometer in der folgenden Nacht nicht aus den Augen zu lassen. Auf gar keinen Fall durften die Temperaturen über Null Grad klettern, sonst taute die ganze Schneepracht dahin.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit trat Michael seinen Dienst an. Um ehrlich zu sein, war das eher eine sehr langweilige Beschäftigung, da alles per Computer gesteuert wurde. Aber manchmal hatte auch die Technik ihre Tücken.
Es war ganz still im Raum. Michael dachte an dies und jenes und döste fast nach Mitternacht ein, als er plötzlich ein lautes Schluchzen hörte. Er schob die wärmende Wolkendecke zur Seite und schaute nach, woher das Geräusch kam.
Anfangs sah er nichts, doch dann wurde das Wehklagen immer heftiger und er entdeckte den kugelrunden Schneemann, der bei Familie Keller im Garten stand. Ohne weiter nachzudenken, schlüpfte er in den weißen Daunenmantel und flog zu ihm.

„Pssst! Was machst du für einen Krach? Du weckst mit deinem Gejammer die ganze Nachbarschaft auf!“, ermahnte er den Schneemann zur Ruhe.
Dieser zitterte am ganzen Körper und konnte keinen zusammenhängenden Satz herausbringen.
„So beruhige dich doch. Frierst du oder tut dir etwas weh?“, erkundigte sich Michael besorgt.
Doch der Schneemann wiegte seinen Körper verneinend hin und her. „Ich fühle mich so einsam. Als es vorhin dunkel wurde, verschwanden die Kinder im Haus. Hinter den erleuchteten Fenstern sah ich sie Geschenke für das Weihnachtsfest basteln. Und was wird aus mir? Ich stehe hier draußen und bibber mir einen ab. Keiner spricht mit mir und alles ist so furchtbar langweilig.“

„Ach, komm schon, sei nicht so traurig. Sieh mal, ich bin ja jetzt bei dir und wir können uns einen Moment unterhalten. Allerdings habe ich nicht viel Zeit mitgebracht, denn ich habe Nachtdienst in der Wetterstation. Schau, morgen spielen die Kinder wieder mit dir und dann hast du ganz schnell deinen Kummer vergessen“, sagte der Wetterengel aufmunternd und hoffte, die Gedanken des Schneemanns zu vertreiben.

„Wenn ich doch nur eine Schneefrau hätte, mit der ich mich unterhalten könnte. Dann wäre ich auch nicht mehr so einsam.“
Michael hatte Mitleid mit dem traurigen Schneemann. Ihm war klar, wenn er ihm nicht half, dann ging es die ganze Nacht so weiter. Kurz entschlossen zog er seinen Daunenmantel aus und begann drei verschiedengroße Schneekugeln zu formen. Anschließend setzte er die drei Gebilde übereinander. „So, mein Lieber, hier ist deine Schneefrau“, sagte er außer Atem und total verschwitzt. „Ich hoffe, ihr vertragt euch. Jetzt muss ich mich spurten, damit niemand meine Abwesenheit bemerkt, sonst bekomme ich Ärger mit Petrus.“

Als der Schneemann sich den Schneeberg ansah, fing er abermals laut zu zetern an: „Was in aller Welt soll das sein?"
„Na, deine Frau natürlich!“, antwortete Michael etwas gereizt, da ihm die Zeit davonlief.
„Das ich nicht lache, sie hat keine Augen, keine Nase und da sie keinen Mund besitzt, kann sie folglich auch nicht mit mir sprechen.“
In der Dunkelheit suchte Michael schnell eine Handvoll Kieselsteine und drückte sie als Augen und Mund in die obere Kugel. Etwas genervt fragte er den Schneemann: „Bist du nun zufrieden?“

„Aber ..., aber sie hat keine Nase, wie soll sie denn atmen?“
„Für heute muss es reichen, mein Lieber. Immerhin kann sie mit dir reden. Wenn ich morgen frei habe, komme ich zurück und bringe deiner Frau eine schöne, rote Möhre für die Nase mit.“

Dann flog er eiligst auf die Wetterstation zurück und überprüfte sofort das Thermometer, das zum Glück immer noch Minusgrade anzeigte. Ein bisschen ärgerte sich Michael über den nörgelnden Schneemann. Eigentlich wollte er ihm behilflich sein und dieser forderte immer mehr. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er selbst bis auf die Knochen durchgefroren war. Flink holte er sich ein Glas heiße Milch mit Honig, schlüpfte unter die wärmende Wolkendecke und beobachtete aus dem Fenster noch einen Moment das Schneepärchen, welches sich offensichtlich gut verstand. Wohlige Wärme breitete sich in Michaels Körper aus und es dauerte nicht lange, da schlief er tief und fest ein. Ja, er bemerkte nicht einmal das rotblinkende Warnlämpchen am Schaltpult. Über Nacht stiegen die Temperaturen kräftig an und der Schnee begann zu schmelzen.

Als Petrus am folgenden Morgen den schlafenden Wetterengel vorfand, polterte er wütend los. „Du Schlafmütze, was habe ich dir gestern gesagt? Du sollst das Thermometer nicht aus den Augen lassen. Und du ..., was hast du gemacht? Legst dich einfach auf deine faule Haut. Oh, mein Gott, was bist du nur für eine Spaßbremse für die armen Erdenkinder. Was sollen die von mir denken? Dass Petrus nicht hält, was er verspricht? Stehe endlich auf und überzeuge dich selbst, der ganze Schnee ist weg! Ich will, dass du sofort auf die Erde fliegst und alles wieder in Ordnung bringst.“

„Ja, äh ..., wie soll ich das anstellen?“, fragte Michael bange und sein Blick fiel auf das Thermometer, das in der Zwischenzeit auf zehn Grad Plus angestiegen war.
„Lasse dir etwas einfallen, du bist ja sonst auch nicht auf den Kopf gefallen!“
Michael versuchte sich zu rechtfertigen: „Daran ist doch nur dieser Schneemann Schuld. Er jammerte so laut und ich wollte ihn wirklich nur ganz kurz trösten, doch er hielt keine Ruhe und da habe ich ihm noch schnell eine Schneefrau gebaut. Danach war ich so durchgefroren, dass ich nach meiner Rückkehr ein bisschen eingedöst bin.“
„Eingedöst sagst du dazu?", blaffte Petrus weiter, „dass ich nicht lache, schaue auf die Uhr, es ist bereits zehn und helllichter Vormittag.“
Michaels Herz raste vor Aufregung. Mit gesenktem Kopf machte er sich auf den Weg zur Erde. Schon aus der Ferne sah er die Bescherung. Auf dem Rasen langen zwei weiße Schneehäufchen nebeneinander und wimmerten: „Uns ist so warm, wir schmelzen dahin. Warum hilft uns denn niemand?“
Er hob den Rest der Schneemänner hoch und sagte entschuldigend: „Bitte verzeiht mir, ich war gestern so müde vom Schneerollen, dass ich nach meiner Rückkehr ungewollt einschlief. Leider bemerkte ich nicht das Warnsignal und das Thermometer kletterte auf Plusgrade. Petrus ist gerade dabei den Fehler zu beheben. Diese Nacht soll es abermals bitterkalt werden und es wird wieder schneien. Natürlich dürft ihr als kleine Schneeflocken auf die Erde zurückkehren und die Kinder bauen euch noch viel schöner.“

„Nein!“, schrie der Rest vom Schneemann erbost. „Wir wollen nicht dahinschmelzen. Sieh nur, was du angerichtet hast!“
„Ich?“, rief Michael vorwurfsvoll. „Das ist doch alles deinetwegen passiert. Ich hätte überhaupt nicht meinen Platz verlassen dürfen, doch als du so herzerweichend geweint hattest, wollte ich dir helfen.“
„Na, ja“, schniefte der fast aufgetaute Schneeball. „Ausnahmsweise! Ich werde dir verzeihen, aber nur, wenn du für meine Frau eine schöne Nase mitbringst.“
Michael versprach es, denn ihm tat die ganze Sache unendlich leid.

Der Wetterengel wusste genau, wohin er als nächstes zu fliegen hatte. Er suchte seine Tante Holly auf und erzählte ihr alles, was in der letzten Nacht vorgefallen war. Sie mochte ihren Neffen sehr und ließ sich nicht lange bitten, ihre Betten kräftig über der Erde auszuschütteln. Herrlich wirbelten die Flocken durch die Luft und es dauerte nicht lange, bis eine neue weiße Decke über der Natur lag.
Erleichtert machte sich Michael auf den Weg zu Petrus und hoffte, dass dieser ihm verzeihen würde.
„Eines muss man dir lassen, Bürschchen, du hast tolle Einfälle!“, sagte der alte Mann anerkennend, „darauf wäre ich, trotz meiner langen Berufserfahrung, nicht gekommen. Siehst du, eines Tages wird doch noch ein brauchbarer Wetterengel aus dir. Sicherlich wäre ich nach der ganzen Hektik mit dem Schneemann auch eingeschlafen.“
Petrus trat ans Himmelfenster und guckte zufrieden hinunter. „Komm her, mein Junge – das musst du dir ansehen!“

Marc und Amanda waren schon wieder emsig dabei, neue Kugeln für ihre Schneemänner zu rollen. Zufrieden schaute die Mutter ihren lachenden Kindern zu und half ihnen, die schweren Schneebälle übereinander zu stellen. „Schaut, was ich noch gefunden habe“, sagte sie und holte aus dem Körbchen zwei Karotten, die sie den Schneemännern ins Gesicht steckte und drückte jeweils zwei Eierkohlen als Augen ein. „Irgendetwas fehlt noch“, murmelte sie und verschwand für einen Moment im Haus.

„Und was machen wir mit dem Mund?“, fragte Amanda ihren großen Bruder. Er zog eine Tüte Gummibärchen aus der Hosentasche. „Das wird bestimmt lustig aussehen. Meinst du nicht? Fast wie echte Zähne, eben nur ein bisschen bunter.“
Bald darauf erschien ihre Mutter und brachte einen Reisigbesen und ein Kopftuch für das Schneepärchen mit. Herrlich glitzerten ihre Bäuche in der untergehenden Wintersonne. „Wollen wir ihnen Namen geben?“, fragte Amanda kichernd.
„Au ja, wie wäre es mit Clara und Clarence?“, rief Marc begeistert und wischte sich mit dem Taschentuch die karottenrote, tropfende Nase ab.
Als der Tag sich dem Ende zuneigte, wurde es eisig, doch der Himmel blieb sternenklar. Michael und Petrus schauten noch einmal auf die Erde und wollten sehen, wie es den beiden Schneemännern ging. Zufällig sahen diese auch hoch und zwinkerten ihnen glücklich zu.

(c) Marena Stumpf




Marena Stumpf 20.11.2007, 23.00

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