Marenas Musenstübchen
 





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Ausgewählter Beitrag

Calvi Fenchel

  

Sanitär-Fenchel war in der Umgebung bekannt wie ein bunter Hund und es ging ihm finanziell ausgezeichnet. Dreimal im Jahr fuhr er mit seiner Familie in die Normandie. Er war dort ein gern gesehener Gast, denn er hatte stets die Spendierhosen an. Die Calvados-Brennerei interessierte ihn sehr, da in seinem Schrebergarten die unterschiedlichsten Apfelbäume wuchsen. Rein hobbymäßig brannte er von nun an sein Apfelwässerchen selbst, bis sein Leben aus allen Fugen geriet. Er sprach immer mehr dem Alkohol zu, vernachlässigte seine Firma und hinterließ viele verärgerte Kunden. Seine Frau Trude schämte sich zutiefst für ihren Mann. Sein Sohn Matthias sah das bittere Ende nahen und wollte mit dem Schuldenberg seines Vaters nichts zu tun haben. Vorsichtshalber räumte er die Sparkonten leer und deponierte alles in Luxemburg.

 

Anfangs glaubte Trude noch an ihren Mann, immer in der Hoffnung, dass er sich eines Tages zu einer Entziehungskur aufrappeln würde. Doch Calvi, wie sie ihn alle nannten, drehte gänzlich durch und wurde zusehends bösartiger. In der letzten Zeit rutschte ihm bei Trude häufiger die Hand aus. Die herbeigerufene Polizei konnte nichts ausrichten, da sie Angst hatte ihren Mann anzuzeigen. Über den Gartenzaun pöbelte er grundlos seine Nachbarn an. Jeder mied ihn und niemand wollte etwas mit ihm zu tun haben.

 

Sein rechter Gartennachbar, Karli, brachte seit gut einem Vierteljahr nicht mehr seine Enkel mit, da Calvi ungeniert seinen Schniedel aus der Hose holte und überall hin urinierte. Am liebsten hätte er Fenchel mit dem Spaten eins übergebraten, doch er wagte zu bezweifeln, dass der versoffene Kerl es überhaupt, nach dem Genuss des Apfelstöffchens, noch gemerkt hätte.

 

Michael regte sich ebenfalls über seinen unliebsamen Nachbarn auf, da die Brombeersträucher wild durch seinen Zaun wucherten und ihn bereits beschädigt hatten. Calvi war nicht in der Lage sie zu roden. „Ja, ja! Ist schon gut, wenn´s dich stört, dann mach´s alleine weg, du alter Meckerbolzen. Komm, lass´ uns ein gutes Tröpfchen trinken, dann bekommst du bessere Laune und siehst die Dinge nicht so verbissen“, hatte er geantwortet und torkelte davon, um die Flasche und zwei Gläser zu holen.

 

„Bringe mir lieber das Wassergeld für die letzten zwei Jahre mit, das du mir noch schuldest. Dein Gebräu kannst du dir an den Hut stecken“, brüllte Michael ihm erregt hinterher und ging kopfschüttelnd in den Schuppen. `Dieser Mistbock macht uns alles kaputt, kotzt überall hin und verleidet einem richtig die Lust am Garten´, dachte er wütend. Dann fiel ihm wieder seine Frau Monika ein, die einst eine leidenschaftliche Gärtnerin war. Jetzt weigerte sie sich standhaft alleine in den Garten zu gehen. „Ich hasse ihn!“, flüsterte er und sein Blick fiel auf das Rattengift, das oben auf dem Regal stand.

 

Nach Einbruch der Dunkelheit machten sich Michael und Karli auf den Heimweg. Sie  unterhielten sich noch eine Weile über ihren lästigen Nachbarn. Beide waren sich einig, dass es mit Calvi kein Dauerzustand bleiben konnte, denn er zerstörte die Gartenidylle. Hier musste etwas geschehen und das ziemlich schnell, selbst wenn man notfalls etwas nachhelfen müsste. Darüber waren sich beide einig.

 

„Meinst du, ich will mir die Hände an diesem Subjekt schmutzig machen und womöglich noch im Knast landen?“, meinte Michael und seine weiteren Gedanken behielt er besser für sich. Karli nickte schweigsam und am Auto verabredeten sie sich für den nächsten Tag zum Grillen, mit ihren besseren Hälften.

 

Als Michael mit seiner Frau am Sonntagmorgen auf dem Parkplatz der Laubenkolonie eintraf, wurden sie bereits von einem großen Polizeiaufgebot erwartet. Sie ahnten schon, dass etwas Schlimmes passiert sein musste.

 

Kommissar Feldbusch stellte sich kurz vor und befragte die Anwesenden zum Ableben des Herrn Fenchel. Niemand wusste etwas Genaues, doch man vermutete, dass der Nachbar an einer Alkoholvergiftung gestorben sein könnte.

 

„Das ist ja furchtbar“, sagte Moni nervös zu ihrem Mann und ihre Ohren liefen vor Aufregung dunkelrot an. „Nicht zu fassen, was hier draußen alles passiert.“

 

„Wo haben Sie sich gestern Abend eigentlich so gegen einundzwanzig Uhr aufgehalten?“, befragte Herr Feldbusch die Herrschaften routinemäßig.

 

„Na, zuhause natürlich! Wir haben uns einen Film im Fernsehen angesehen.“ Moni guckte ihren Mann von der Seite an, sagte aber nichts weiter dazu. Erst als der Kommissar außer Reichweite war, flüsterte sie ihrem Ehegespunst zu: „Du hast doch hoffentlich nichts damit zu tun, denn du warst noch ein Bierchen trinken. Schon vergessen, Schatz?“

 

„Was denkst du von mir?“, gestikulierte Michael aufgebracht und zog sie hinter sich her. „Du bringst uns in Teufelsküche, also behalte deine Weisheiten bitte für dich! Du willst doch nicht, dass wir Ärger bekommen, oder?“

 

Vor ihrem Gartentor wurden sie von Karli und Silvia in Empfang genommen. „Haben die euch auch so mit Fragen gelöchert? Man könnte meinen, dass sie uns im Verdacht haben. Sicherlich ist der versoffene Hund hingefallen und hat sich die Rübe aufgeschlagen“, mutmaßte Silvi und war innerlich froh, dass der Spuk mit dem Alten ein Ende hatte.

 

Am späten Nachmittag tauchte Herr Feldbusch nochmals im Garten auf und erkundigte sich etwas eingehender nach ihren Alibis. Nun gab auch Michael zu, für kurze Zeit das Haus verlassen zu haben. Allerdings verschwieg Silvi, dass ihr Mann ebenfalls um diese Uhrzeit weggefahren war, um Zigaretten zu holen.

 

Das Handy des Kommissars klingelte. Er meldete sich mit „Feldbusch“ und hörte gespannt, was das andere Ende zu sagen hatte. „Ich verstehe, und Sie sind sich ganz sicher?“, hakte er noch einmal nach. Er kratzte sich nachdenklich am Kopf und sagte laut: „Irgendwie passt das alles nicht zusammen. Wie konnte der Fenchel mit einem harten Gegenstand hinterrücks erschlagen werden und zusätzlich an seinem Erbrochenen ersticken? Das ist ein bisschen viel auf einmal! Finden Sie nicht auch?“ Dabei beobachtete er die Anwesenden argwöhnisch.

 

Karli und Michael schauten sich verwundert an und zuckten mit den Schultern. „Warum gucken Sie uns so an? Das ist doch Ihre Aufgabe es herauszufinden!“, meinte Michael genervt. Seinen freien Sonntag hatte er sich angenehmer vorgestellt.

 

„In der Tat, das ist es“, antwortete der Kommissar und verschwand grußlos, denn ihm fiel plötzlich das komische Verhalten der Witwe ein, als er ihr die tragische Mitteilung überbrachte. Sie wusch sich während des Gesprächs ununterbrochen die Hände in der Küche. Der Sache wollte er auf den Grund gehen und fuhr noch einmal zu ihr.

 

„Guten Tag, Frau Fenchel. Ich habe noch einige Fragen an Sie“, sagte er in freundlichem Ton und sein Blick fiel auf ihre sauberen Hände. Zerstreut bat sie ihn ins Haus und steuerte zielstrebig die Küche an. „Wieso noch ein paar Fragen? Ist der Fall nicht klar? Mein Mann hatte, wie immer, zu viel getrunken und ist gestürzt. Es musste ja mal eines Tages so schlimm mit ihm enden.“ Sie drehte den Wasserhahn auf und schrubbte sich wieder die Hände, bis sie fast blutig waren.

 

Der Kommissar nahm am Tisch Platz und beobachtete die Frau ein Weilchen. Er wunderte sich, ob sie unter einem Waschzwang litt, dann fragte er behutsam: „Waren Sie eigentlich mit Ihrem Mann glücklich?“

 

„Wenn Sie mich so fragen, dann nein. Er demütigte und schlug mich häufig. Jeder wusste das.“

 

„Auch letzte Nacht? Haben Sie daraufhin Ihren Mann umgebracht?“

 

Gefasst trocknete Trude sich die Hände ab und gestand im Garten gewesen zu sein. „Ich hatte so ein komisches Gefühl und ging nach ihm sehen. Er lag im Gewächshaus auf dem Boden. Alfons blutete stark am Hinterkopf. Ich wollte ihm helfen, doch als er mich sah, beschimpfte er mich wieder und meinte, dass ich die Nachbarn gegen ihn aufhetzte und alles meine Schuld sei. Ich konnte und wollte mir diese Vorwürfe nicht länger anhören und hielt ihm den Mund zu. Es war wie ein Reflex. Er begann zu würgen, doch ich wollte ihn einfach nur noch zum Schweigen bringen.“ Frau Fenchel sank traurig in sich zusammen. „Darf ich Sie fragen, wie Sie ausgerechnet auf mich gekommen sind? Es hätte doch auch Karli Hirsch sein können. Wie von Furien gehetzt rannte er auf dem Parkplatz an mir vorbei. Ein längerer Gegenstand fiel ihm zu Boden, leider konnte ich nicht erkennen, was es war.“

 

Herr Feldbusch schüttelte den Kopf. „Mir ist Ihr zwanghaftes Waschverhalten aufgefallen. Ich rätselte, woran Sie sich die Hände so schmutzig gemacht haben? Wissen Sie, Ihr Mann verletzte viele Menschen, es hätte jeder von ihnen sein können. Mir stellt sich die Frage, wer der wahre Schuldige in dieser Tragödie ist? Sie haben schon genug gelitten, und wo kein Kläger ist, ist auch kein Richter! Lassen Sie mich sehen, was ich für Sie tun kann.“

Mitfühlend drückte er ihre Hand und hoffte, dass sie mit einem blauen Auge aus der Geschichte kommen würde. Erschöpft fuhr Trude mit zum Polizei-Präsidium.


(c) Marena Stumpf

 

Marena Stumpf 11.09.2009, 18.39

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Kommentare zu diesem Beitrag

2. von Irene Kohl

Dein Dialog ist sehr glaubwürdig, und das ist immer schwer zu machen. Wunderbar!

vom 15.11.2010, 12.50
1. von Horst Rindler

bezaubernd! danke für diese Erfahrung :D

vom 10.11.2010, 13.50
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