Marenas Musenstübchen
 





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Ausgewählter Beitrag

Das Julfest

 

   

In Schweden waren die Wintertage immer sehr kurz. Bereits um drei Uhr wurde es draußen dunkel. Am liebsten verbrachte Oma Kristina die langen Nachmittage mit ihren beiden Enkeln vor dem prasselnden Kamin und wenn es nach frisch gebackenen Pfefferkuchen duftete. Meistens musste sie den Kindern eine spannende Geschichte erzählen von einer längst vergangenen Zeit, als sie selbst noch ein kleines Mädchen war.


Erwartungsvoll setzten sich Karlson und Birgit zu ihr auf die Couch. Gemeinsam tranken sie Kakao und aßen Plätzchen, schwatzten über alltägliche Dinge, bis auf einmal Birgit fragte:“Oma, erzählst du uns wieder eine schöne Geschichte?“


Die alte Dame lächelte zufrieden und legte ihre Arme um die Schultern ihrer Enkel. „Wie ihr wisst, ist in ein paar Tagen das Julfest. In Schweden gab es nicht immer einen Weihnachtsmann. Als ich noch klein war, brachten koboldartige Heinzelmännchen den braven Kindern die Geschenke ins Haus. Man hielt die kleinen Zwerge bei Laune, damit sie niemanden einen bösen Streich spielten und jeder stellte für sie, als kleines Dankeschön, ein Schüsselchen mit süßem Brei hin. Tomtebisse war der Älteste der Kobolde. Mit ihm war nicht zu spaßen. Er brachte es oftmals fertig, wenn er seinen Brei nicht vorfand, dass ein Mädchen ein Auto bekam und ein Junge folglich eine Puppe.


So begab es sich, dass Tomtebisse und Nisse das ganze Jahr über in Lappland das Spielzeug für die Kinder anfertigte. Natürlich halfen ihnen kleine Elfen dabei, sonst wären sie ja niemals fertig geworden. Nun ja, früher gab es nur ein Spielzeug pro Kind zum Julfest. Das ging ja noch, aber heute … Ihr habt ja immer so viele Wünsche, das hätten die Wichtel niemals im Leben alleine geschafft.“


Nachdenklich nippte Oma Kristina an ihrem Becher Kakao. Plötzlich wurde sie ganz ruhig. „Was ist denn los, Oma? Tut dir etwas weh?“, fragte Karlson besorgt. Die alte Dame schüttelte ihren Kopf. „Ach Junge, ich musste eben an etwas ganz Furchtbares denken.“


„Erzähl schon, warum bist du so traurig?“ Die beiden Kinder kuschelten sich noch enger an sie und lauschten ihren Worten.


„Es geschah an einem Heiligen Abend. Ich war gerade fünf Jahre alt und wartete den ganzen Nachmittag am Fenster auf die Heinzelmänner, die mir mein Geschenk bringen sollten. Endlich fuhr der Rentierschlitten vor unser Haus. Ich war total aufgeregt, denn sonst sah man die kleinen Kobolde niemals. Tomtebisse stieg aus und Nisse reichte ihm mein Weihnachtsgeschenk. Just in diesem Moment preschte ein Hirsch aus dem angrenzenden Wald und rannte Tomtebisse über den Haufen. Wie angewurzelt stand ich am Fenster und konnte mich vor Schrecken nicht rühren. Meine Eltern rannten hinaus um Tomtebisse zu helfen, doch er lag leblos auf dem Rücken und neben ihm meine zerbrochene Porzellanpuppe. Nisse meinte, dass meine Eltern den Verletzten in den Rentierschlitten heben sollten und dann fuhr er mit Tomtebisse fort. In diesem Jahr gab es für die meisten Kinder keine Weihnachtsgeschenke. Ich bekam einen Schal, Mütze und Handschuhe, die meine Mutter heimlich für mich gestrickt hatte. Meine Eltern tanzten an diesem Abend auch nicht mit mir um den Weihnachtsbaum. Alles war viel zu traurig. Natürlich machte ich mir große Sorgen um Tomtebisse, wie es ihm wohl ging und ob er mich zum nächsten Julfest besuchen würde, doch alles kam ganz anders.


Es verging ein Jahr und je näher das nächste Weihnachtsfest rückte, desto bedrückter wurde ich. Meine Oma war eine kluge Frau. Um mich etwas aufzuheitern, nähte sie aus einem weißen Laken ein Gewand für mich und ich durfte es am 13. Dezember zum Lucia-Tag anziehen. Sie schlang ein rotes Band um meine Taille. Für den Kopfschmuck hatte sie mir einen schönen Preiselbeerkranz gebunden und einige Kerzen darauf gesteckt. Wie sie zu mir sagte, sollte ich die dunkle Jahreszeit erhellen und wieder etwas Freude ins Leben der Dorfbewohner bringen. Abends zogen wir von Haus zu Haus, sangen Weihnachtslieder und verteilten selbstgebackene, safrangewürzte Lucia Brötchen.  Das war damals ein ganz besonderes Erlebnis für mich.


Die Tage vergingen schnell und ehe ich mich versah, war der Heilige Abend da. Irgendwie hoffte ich trotz allem, dass Tomtebisse mich besuchen würde und mir meinen Wunsch erfüllte.


Am Nachmittag des vierundzwanzigsten Dezembers las mir meine Mutter gerade eine Weihnachtsgeschichte vor, als es heftig an unserer Haustür pochte. Ich sprang voller Freude auf und öffnete. Vor mir stand ein rotgekleideter Mann mit einem dicken weißen Wallebart. Ich erschreckte mich fast zu Tode und knallte ihm die Tür vor der Nase zu. Laut schreiend rannte ich zu meinem Vater. Er konnte sich nicht erklären, wer das sein konnte und schaute selbst nach. Ich hörte, wie sich die beiden Männer leise unterhielten, und dann betrat der alte Mann unsere Stube. `Hey Kristina, fürchte dich nicht´, sagte er zu mir, `ich bin der neue Weihnachtsmann. Man nennt mich Jultomte. Ich komme an Stelle von Tomtebisse und bringe dir dein Julgeschenk´. Er öffnete seinen großen Jutesack und zog eine Puppenwiege heraus, die ich mir so sehr gewünscht hatte. Für einen Moment wusste ich nicht, was ich sagen sollte und meine Mutter brach dann endlich das Schweigen. Sie erkundigte sich nach dem Befinden von Tomtebisse  und wie es ihm ergangen war.


Der Weihnachtsmann nickte und antwortete mit gütiger Stimme: `Vielen Dank für Ihre Nachfrage. Sie wissen ja selbst, die Heinzelmänner waren sehr betagt. Sie hatten ihre liebe Mühe und Not immer alles rechtzeitig zum Fest fertig zu stellen. Der alte Kobold hatte sich bei diesem Unfall mit dem Hirsch einige Knochenbrüche zugezogen. Er konnte lange nicht mitarbeiten und musste das Bett hüten. Die Elfen und Kobolde schrieben mir einen langen Brief und baten mich um Hilfe. Da ich nicht überall zur gleichen Zeit sein konnte, boten sie mir ihren Rentierschlitten zur Unterstützung an, der mich in Lichtgeschwindigkeit zu den braven Kindern bringt. Die Kobolde müssen nun nicht mehr auf Reisen gehen. Sie zählen jetzt zu meinen engsten Vertrauten und stehen mir mit Rat und Tat zur Seite.´


Jultomte aß einige von Mutters leckeren Plätzchen, trank ein Schlückchen von Vaters wärmenden Glögg-Punsch und danach verabschiedete er sich mit einem fröhlichen `Hey do´ von uns.“ 


Die Kinder rekelten sich auf der Couch und Karlson meinte zu seiner Schwester: „Puh, da hatten wir richtig Glück, dass Jultomte für die Heinzelmänner eingesprungen ist. Stelle dir nur einmal vor, es gäbe überhaupt keine Geschenke mehr zum Weihnachtsfest. Das wäre doch einfach furchtbar, nicht wahr?“

Eifrig stimmte Birgit ihm zu.


(C) Marena Stumpf


 


Marena Stumpf 27.11.2008, 21.03

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Kommentare zu diesem Beitrag

1. von Oma Bianca

hast du das für deine Enkelkinder gemacht? Es ist sehr lieb :D

vom 24.10.2010, 15.31
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Marenas Musenstübchen

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